Mossul unter dem "Islamischen Staat" Stadt der Gespenster

Vor einem Jahr nahmen die IS-Terroristen Mossul ein - und herrschen seitdem grausam über die Millionenstadt im Irak. Spitzel sind überall, Einwohner berichten von drakonischen Strafen.

AP

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Geisterhaft wirkt der Stadtteil Arabi im Norden Mossuls, wie ausgestorben. Die Straßen sind leer, in den Häusern rührt sich nichts. So zeigen es neue Videoaufnahmen aus Mossul, die der britische Sender BBC veröffentlicht hat. An vielen Häuserwänden prangt in schwarzer Sprayfarbe der Buchstabe "N". N für Nasara, wie Christen im Koran genannt werden. Hier hat mal ein Christ gewohnt, soll das heißen. Und darunter: "Eigentum des 'Islamischen Staates'".

Tatsächlich lebten einmal hauptsächlich christliche Iraker in Arabi, Tausende Menschen. Sie mussten fliehen, als der "Islamische Staat" (IS) im Juni 2014 Mossul übernahm. Nur die Kleidung am Leib durften sie mitnehmen. Ihr ganzes Hab und Gut - auch persönliches wie Fotoalben, Schmuck, Bücher - fiel den Plünderern in die Hände. Als sogenanntes Eigentum des IS.

Vor genau einem Jahr haben die Dschihadisten Mossul eingenommen. Die Eroberung war spektakulär, die internationale Gemeinschaft wachgerüttelt: Erstmals gelang es dem IS, eine bedeutende Großstadt zu erobern. Das war kein Provinznest wie etwa das syrische Rakka.

Einfahrt nach Mossul im Sommer 2014: Großer Erfolg für den IS
AP

Einfahrt nach Mossul im Sommer 2014: Großer Erfolg für den IS

Kurz darauf folgte der brutale IS-Feldzug gegen die Jesiden, die Eroberung Tikrits und die Ausrufung des Kalifats. Aus den Jesiden-Gebirgen wurde der IS seitdem zurückgeschlagen. Auch Tikrit steht wieder unter Kontrolle von Iraks Regierung. Doch um Mossul werden Bagdads Truppen vorerst nicht kämpfen: Zuerst soll die Provinz Anbar zurückerobert werden. Ein besonders schwieriges Unterfangen, das Jahre dauern könnte.

Mossuls Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben verbannt

Der IS konnte sich also über ein Jahr lang weitgehend ungestört in Mossul einnisten. Das Leben in der Stadt hat sich seitdem grundlegend verändert. Dies geht aus Berichten von Einwohnern hervor. Solchen, die geflohen sind. Und solchen, die ausharren. Bis in letzte Details des öffentlichen Lebens mischen sich die Dschihadisten ein.

Dramatisch hat sich die Lage vor allem für Mossuls Frauen gewandelt. Sie werden von den Eroberern gezwungen, sich voll zu verschleiern. Ihr Gesicht darf nicht zu sehen sein, gleiches gilt für die Hände. Nur in Begleitung eines männlichen Verwandten dürfen sie überhaupt noch das Haus verlassen. Einen Mann, der nicht mit ihnen verwandt ist, sollen sie nicht ansprechen.

Dazu stiehlt der IS, wo er nur kann: Bauern und Unternehmer müssen rund zehn Prozent ihres Ertrags an die Miliz übergeben, Angestellte den Dschihadisten bis zu einem Viertel ihres Lohns abtreten. Es ist eine Art Einkommensteuer, mit der die Miliz für den eigenen Lohn sorgt und dafür religiöse Gründe vorschiebt: die Zakat, eine für Muslime verpflichtende Spende an Bedürftige.

Das Leben in Mossul geht zwar weiter, oberflächlich mag es sogar vergleichsweise ruhig erscheinen. Doch der IS und seine Spitzel sind überall: Wer sich bei Verstößen gegen die erzkonservativen Islamisten-Regeln erwischen lässt, wird ausgepeitscht oder noch schlimmer bestraft. Auf Vergehen wie Ehebruch steht der Tod.

"Alles ist laut dem IS 'haram', als unislamisch verboten", klagte der Bewohner Hisham aus Mossul der BBC. Tanzen, Musik, Kino, ja sogar Picknicken. Sein Bruder, berichtet er, wurde mit 20 Hieben ausgepeitscht. Das Vergehen: Er hatte gewagt, während der Gebetszeit seinen Laden geöffnet zu lassen.

Mehr als 40 historische Bauten zerstört

Auch das Stadtbild selbst hat sich verändert: Kurz nach ihrem Einmarsch zerstörten die Dschihadisten mehr als 40 bedeutende historische Heiligtümer, manche von ihnen Tausende Jahre alt. So haben es die Terroristen in vielen eroberten Orten gemacht. Denn der IS erklärte die Moscheen, Schreine, Kirchen, Klöster und assyrischen Kunstwerke kurzerhand zu Götzen.

IS-Kämpfer im Museum von Mossul: Zerstörung überall
AP

IS-Kämpfer im Museum von Mossul: Zerstörung überall

Unersetzliche Kulturschätze gehen so verloren. Das Grab Jona etwa zertrümmerten die Islamisten erst mit Vorschlaghämmern und sprengten es dann mitsamt der Jonas-Moschee in die Luft. Die Moschee und der Schrein des Heiligen Set wurden ebenfalls zerstört; Set gilt im Alten Testament nach Kain und Abel als der dritte Sohn von Adam und Eva.

Muslimische Klerikale, die sich den Kämpfern in den Weg stellten, wurden ermordet. Wo noch Kirchen stehen, prangen statt Kreuzen die Flaggen des IS auf den Türmen. Selbst vor christlichen Friedhöfen machte die Zerstörungswut der Dschihadisten nicht halt.

Auch in einem Detail haben die IS-Schergen das Stadtbild von Mossul geprägt. Wo immer sie sie finden, schlagen sie den sogenannten Lamassu-Figuren die Köpfe ab. Bittere Ironie in der besetzen Stadt: Die Fabelwesen galten den Assyrern einst als Schutzgeister gegen das Übel der Welt.


Zusammengefasst: Im Sommer 2014 hat der IS die Macht in Mossul übernommen. Seitdem drangsaliert er die Bewohner, stellt strenge Regeln auf und verhängt harte Strafen. Vor allem für die Frauen ist die Lage miserabel. Zudem zerstören die Islamisten immer wieder Kulturschätze in der besetzten irakischen Stadt.

insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eikofresh 09.06.2015
1. Mediale Gleichschaltung
... Die mediale Gleichschaltung läuft auf Hochtouren. Jeden Tag neue Berichte über die Gräueltaten des IS und die Feigheit der Welt ... Es scheint als würden wir uns in Zukunft nicht nur in der Ukraine "engagieren" (müssen)
andreas.spohr 09.06.2015
2. Da wird von den Schandtaten
der "Kämpfer" gesprochen. Wenn das alles wirklich so ist, dann sind das auch keine Kämpfer, sondern Mörder oder Killerbanden und Terroristen! Bei einem Banküberfall mit Raubmord käme auch keiner auf die Idee zu sagen: " nachdem der Kassierer im Kampf gefallen war , ist der Kämpfer ist mit seiner Beute geflohen"....
thg 10.06.2015
3. Barbaren
Kulturell noch primitiver als die Neandertaler. Und von jedwedem Gott weiter entfernt als der Marsrover von der Erde.
BetterNow 10.06.2015
4. Es bleibt ein Rätsel,
warum der Westen bzw. die ganze zivilisierte Welt diesem Mob nicht mit allen Mitteln entgegen tritt. Bei Saddam und Gaddafi war es scheinbar eine Selbstverständlichkeit, "demokratische Werte" zu installieren mit dem bekannten Resultat, Chaos und Terror ausgelöst zu haben. Nun sich aus der Verantwortung zu stehlen, Flüchtlingsströme und Islamirrsinn zu tolerieren ist einfach perfide. Die Aussage Henry Kissingers, die islamischen Länder befänden sich in einer Organisationphase wie Europa im 30jährigen Krieg kann man nur als kranken Zynismus begreifen.
Newspeak 10.06.2015
5. ...
Dazu stiehlt der IS, wo er nur kann: Bauern und Unternehmer müssen rund zehn Prozent ihres Ertrags an die Miliz übergeben, Angestellte den Dschihadisten bis zu einem Viertel ihres Lohns abtreten. Es ist eine Art Einkommensteuer, Nicht, daß ich irgendwelche Sympathie für den IS hege. Und auch wenn das Label "Islamischer Staat" auch völkerrechtlich umstritten sein dürfte, aber aus dem Selbstverständnis als Staat folgt auch das Recht, Steuern zu erheben, oder nicht? Nennt man das denn hierzulande dann auch Diebstahl? Nur zum Vergleich...Angestellte in Deutschland wären froh, wenn die Steuern und Abgaben bei einem Viertel des Lohnes lägen. Hier sind es eher die Hälfte! Ich finde es bedenklich, wenn Journalisten durch die Wahl ihrer Sprache schon ein Urteil fällen. Selbst in einem so eindeutig verabscheuungswürdigen Fall wie dem IS. Viel interessanter als solche einfachen, pauschalen Urteile wäre es doch, mal zu recherchieren und darüber zu berichten, woher eigentlich das Selbstverständnis dieser Art von Islamisten kommt? Wie passt das Konzept eines Staates (das ja doch eher westlich geprägt ist, mindestens mal griechisch) zu dem eines Kalifats? Was genau fasziniert die Islamisten daran, einen Staat gründen zu wollen? Was versprechen sie sich davon? Ist es das Nachahmen der Nationalstaatsideen der Europäer im 18. Jahrhundert? Haben die Islamisten kulturell Anleihen bei uns? Sowas wäre mal interessant, zu lesen, statt das, was man sich eh vorstellen kann, an Unkultur, nur bestätigt zu bekommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.