"Islamischer Staat" Mit neuer Terror-Taktik zum Erfolg

Die Dschihadisten haben aus ihrer Niederlage in Kobane gelernt. Mit neuen selbstgebauten Waffen und perfiden Tricks schlagen sie nun zurück. In Syrien rücken sie auf Aleppo vor.

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AP/ Islamistische Propagandawebsite

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Der "Islamische Staat" (IS) hat seine nächste Offensive gestartet. Syrien, nicht der Irak, steht für die Miliz vorerst wieder im Mittelpunkt. Die Dschihadisten haben am Wochenende einen Checkpoint erobert auf der Autobahn, die von Palmyra nach Damaskus führt. Mittelfristig haben sie die syrische Hauptstadt im Blick. Doch vorerst hat eine andere Stadt ihr Interesse geweckt: Der IS rückt auf Aleppo vor.

Im Norden von Aleppo haben die Dschihadisten mehrere Dörfer von syrischen Rebellen erobert. Die Stadt Aleppo selbst wird derzeit zum Teil von den Rebellen, zum Teil vom syrischen Regime kontrolliert.

Wer herrscht wo in Syrien? Klicken Sie in die Karte (Stand: Juni 2015)
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Weiter im Osten, in Deir Essor, hat unterdessen das syrische Regime damit angefangen, das Museum zu evakuieren. Offenbar geht Damaskus davon aus, dass es diese Stadt als nächstes an den IS verliert. Schon jetzt kontrolliert das syrische Regime nur noch wenige Stützpunkte in der Stadt, der IS den Rest.

Erst vergangene Woche musste Damaskus Palmyra aufgeben. Auch dort hatte das syrische Regime schon im Vorfeld Schätze aus dem Museum in Sicherheit gebracht und die Einwohner der Stadt ihrem Schicksal überlassen.

Der IS hat aus Kobane vier Lehren gezogen

Der IS ist wieder auf dem Vormarsch. Aus seiner Niederlage in Kobane hat er gelernt. Er hat seine Taktik umgestellt.

  • Täuschen: Der IS hat auf die internationalen Bombardierungen reagiert und tarnt sich nun entsprechend. Verlegungen seiner Truppen werden nicht mehr in sozialen Netzwerken hinausposaunt. Die Kämpfer sind auch nicht mehr in Konvois unterwegs. Stattdessen fahren sie in kleinen Gruppen in unauffälligen Sedans und Taxis wie die einheimischen Zivilisten. Die entscheidende Schlacht um Ramadi startete der IS, als gerade ein Sandsturm tobte: Die Dschihadisten vermuteten zu Recht, dass die internationalen Flugzeuge die IS-Kämpfer am Boden dann schlechter sehen könnten.

  • Aufrüsten: Um einen gegnerischen Stützpunkt zu erobern, setzt der IS an vorderster Front meist Selbstmordattentäter in mit Sprengstoff beladenen Autos ein. Das wissen inzwischen auch seine Gegner: Manchmal gelang es ihnen, den Angreifer zu erschießen oder sein Auto zur Explosion zu bringen, bevor er sie erreichte. Nun hat der IS seine Wunderwaffe nachgebessert: Statt Autos füllt er nun gepanzerte US-Militärfahrzeuge, die er vom irakischen Militär erobert hat, mit Sprengstoff. Davon lässt er gleich mehrere auf seine Gegner los. In der dreitägigen Schlacht um Ramadi hat der IS die Verteidigungslinien seiner Gegner mit etwa 30 solcher explosiver Lastwagen pulverisiert.

Dieses Video soll irakisch-kurdische Kämpfer zeigen, denen es gelungen ist, ein Bombenauto des IS zu treffen, bevor es sie erreichen konnte. Die Aufnahme kann nicht verifiziert werden. Es ist zu sehen, wie ein Kämpfer eine Panzerfaust abfeuert und kurz darauf am Horizont offenbar Sprengstoff in einem großen Feuerball explodiert.

  • Lauern: Der IS wurde bisher vor allem dann zurückgeschlagen, wenn er außerhalb mehrheitlich arabisch-sunnitischer Regionen unterwegs war: in Iraks Jesiden-Bergen und im syrisch-kurdischen Kobane. Seine jüngsten Feldzüge hat er nun wieder auf Gebiete konzentriert, die mehrheitlich arabisch-sunnitisch sind. Dort ist es für ihn vorerst einfacher. Der IS lauert auf den günstigsten Moment. Palmyra griff der IS erst dann an, als das syrische Regime durch die Kämpfe mit den Rebellen so geschwächt war, dass es die Versorgung seiner Truppen in Palmyra bereits nahezu eingestellt hatte. Nun greift der IS von Norden die islamistischen Rebellengruppen an, die gerade im Süden mit einer Offensive gegen das syrische Regime beschäftigt sind.

  • Umwerben: In den eroberten, mehrheitlich arabisch-sunnitischen Gebieten bemüht sich der IS viel stärker als bisher, die einheimische Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nur so kann er sich dort auf Dauer festsetzen. In Palmyra verteilte er nach der Eroberung der Stadt kostenlos Brot und sprengte das verhasste Foltergefängnis von Baschar al-Assad in die Luft, während sich die internationale Gemeinschaft vor allem um die Ruinen in der Stadt zu sorgen und die Menschen dort zu vergessen schien. Der IS will die arabischen Sunniten in die missliche Lage bringen, dass er für sie das vermeintlich kleinste Übel ist.

Die größte Stärke des IS bleibt die Schwäche seiner Gegner. Dass Bagdad und Damaskus ihre Kriege nicht mit nationalen Armeen führen, sondern mit ethnischen und konfessionellen Milizen, ist Wasser auf seine Mühlen. Denn diese schiitischen, kurdischen und christlichen Kämpfer begehen immer wieder Racheakte an arabisch-sunnitischen Zivilisten. Dem IS treiben sie damit beständig neue Kämpfer zu.

Wer herrscht wo im Irak? Klicken Sie in die Karte (Stand: März 2015)
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Zusammengefasst: Der "Islamische Staat" (IS) hat aus seinen Niederlagen gelernt. Opportunistisch schlägt er nur noch dort zu, wo es gerade am einfachsten ist. Seine Wunderwaffe, Autobomben, hat er nachgebessert. Geschickt tarnt er sich vor Kampfjets. Doch die größte Stärke des IS bleibt die Schwäche seiner Gegner.



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