Verbrennung des jordanischen Piloten Der IS in Erklärungsnot

Die Terroristen des IS haben Menschen erschossen, gesteinigt, geköpft. Nun verbrannten sie eine Geisel bei lebendigem Leib. Doch das geht selbst vielen Unterstützern zu weit - die Dschihadisten versuchen, ihre Tat zu rechtfertigen.

IS-Kämpfer im Irak: "Wir bestrafen diejenigen, die Bombenangriffe auf unsere Stadt fliegen"
REUTERS

IS-Kämpfer im Irak: "Wir bestrafen diejenigen, die Bombenangriffe auf unsere Stadt fliegen"

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In Rakka, der inoffiziellen Hauptstadt der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), geschah Ungewöhnliches. Die Milizionäre stellten am Dienstagabend große Fernseher und Leinwände auf. Auf ihnen zeigten sie immer wieder dasselbe gut 22-minütige Video, so berichten es Augenzeugen über Twitter.

Der Film zeigt die Ermordung des jordanischen Kampfpiloten Muaz al-Kasaesbeh. Er war am 24. Dezember mit seinem Jet in der Nähe von Rakka abgestürzt und in IS-Gefangenschaft geraten. Wohl schon wenige Tage später sperrten ihn die Dschihadisten in einen Käfig und verbrannten ihn bei lebendigem Leib. Erst am Dienstagabend veröffentlichte der IS das Video seiner Ermordung.

"Wir bestrafen diejenigen, die Bombenangriffe auf unsere Stadt fliegen" - diese Botschaft soll bei den Menschen in Rakka ankommen, deshalb zeigt der IS das Video öffentlich und brüstet sich mit der Tat. Auch den Ort ihres Verbrechens wählten die Terroristen mit kühlem Kalkül: Sie töteten den Piloten neben den Ruinen eines Hauses, in dem bei einem Luftangriff der US-geführten Koalition mehrere Menschen ums Leben gekommen sein sollen.

In dem Video zeigt der IS verbrannte Leichen. So wie die Bombenopfer verbrannten, müsse nun auch der Pilot leiden, lautet die Botschaft, die diese Bilder verbreiten sollen.

Doch jenseits des IS-Herrschaftsgebiets gibt es massiven Protest gegen das Verbrechen. Die öffentliche Verbrennung des Muaz al-Kasaesbeh geht selbst Islamisten und Sympathisanten der Terrormiliz zu weit. In den islamischen Überlieferungen finden sich Belege und Rechtfertigungen dafür, Verbrecher steinigen oder enthaupten zu dürfen. Von Verbrennungen ist aber keine Rede.

Im Gegenteil. Vom islamischen Propheten Mohammed ist der Ausspruch überliefert: "Niemand darf mit dem Feuer bestrafen außer Gott."

Wenige Stunden nach Verbreitung des Videos rechtfertigte der IS die Verbrennung religiös. Das selbsternannte "Ministerium für Rechtsgutachten und Forschung" veröffentlichte eine Fatwa, mit der die Dschihadisten die Tat begründeten.

Der Ausspruch des Propheten sei nicht wörtlich als ein Verbot der Verbrennung gemeint, sondern "Ausdruck menschlicher Demut", heißt es in dem Schreiben. Soll heißen: Weil das Höllenfeuer unter Gottes Kontrolle steht, ist der Einsatz des Feuers gegen Feinde auf Erden noch lange nicht verboten.

Dieser Vorgang ist besonders bemerkenswert, weil der IS eigentlich für sich in Anspruch nimmt, den Koran und die Überlieferungen über Aussprüche und Handeln Mohammeds wörtlich umzusetzen. Um die Verbrennung der Geisel zu rechtfertigen, fangen die Fundamentalisten nun also an, Zitate des Propheten sehr großzügig zu interpretieren.

Sie verweisen zudem auf eine andere Überlieferung: Die Mitglieder eines arabischen Stammes sollen zu Lebzeiten des Propheten zum Islam übergetreten sein, wandten sich aber später von der jungen Glaubensgemeinschaft ab. Daraufhin habe Mohammed angeordnet, die Abtrünnigen zu verfolgen, ihnen glühende Eisen in die Augen zu stechen und sie so lange zu verstümmeln, bis sie sterben.

Daraus leiten die IS-Terroristen das Recht ab, auch den Piloten mit dem Feuer zu bestrafen. Weil sich Kasaesbeh als Soldat am Militäreinsatz gegen die Dschihadisten beteilige, sei er vom Islam abgefallen - und müsse folglich umgebracht werden.

In dem Tötungsvideo selbst rechtfertigt sich der IS mit einem Ausspruch des islamischen Gelehrten Ibn Taimiya, der vor 700 Jahren lebte. Ibn Taimiya lehnte die islamische Philosophie ab und bestand auf der wörtlichen Auslegung von Koran und Prophetentradition. Juden und Christen, aber auch muslimische Minderheiten wie Schiiten und Alawiten lehnte er radikal ab, deshalb gilt Ibn Taimiya als ideologischer Wegbereiter des IS und anderer Salafistengruppen.

Die Terroristen blenden in dem Video nach dem Mord an Kasaesbeh einen Ausspruch Ibn Taimiyas ein, der sich ungefähr so übersetzen lässt: "Wenn die Verstümmelung des Körpers sie zum Glauben führt oder dazu, dass sie ihre Feindschaft aufgeben, dann ergibt sich für uns daraus die Erlaubnis zur Bestrafung und zum gerechtfertigten Dschihad."

Selbst islamische Theologen, die den Salafisten nahestehen und Ibn Taimiya als wichtigen Rechtsgelehrten anerkennen, bestreiten, dass dieses Zitat zur Begründung des Mordes herangezogen werden kann.

So sagte der aus Katar stammende Scharia-Gelehrte Sultan Ibrahim al-Hashimi: "Ibn Taimiya hat diese Worte im siebten islamischen Jahrhundert geschrieben, in einer bestimmten Zeit zu einem bestimmten Anlass. Damals kämpften Muslime gegen eine Armee der Ungläubigen. Heute ist der IS nur eine von vielen Gruppen", kritisiert Hashimi. Der IS sei voller Ignoranz und habe keine Ahnung von islamischer Rechtsgeschichte. Die Konsequenz daraus, so Hashimi: "Wir Muslime sind die Opfer dieser Gruppe."

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