Mögliche US-Luftschläge in Syrien Obama läutet neue Phase im Kampf gegen IS ein

Massive Luftschläge gegen IS-Stellungen in Syrien werden immer wahrscheinlicher. Doch kann so der Sieg gelingen? Und wird die Terrorgefahr im Westen wirklich gebannt? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur neuen Strategie von US-Präsident Obama.

US-Präsident Obama: Wie den "Islamischen Staat" bekämpfen?
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US-Präsident Obama: Wie den "Islamischen Staat" bekämpfen?

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Washington/Damaskus - Lange hatte sich US-Präsident Barack Obama mit seiner Strategie zur Bekämpfung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Zeit gelassen, zwischendurch gab er sogar zu, keine Strategie zu haben. Doch mittlerweile wird immer deutlicher, wie sich Obama den Krieg gegen den IS vorstellt.

Obama will den Kampf gegen den IS nicht alleine stemmen. Deshalb hat US-Außenminister John Kerry beim Nato-Gipfel in Wales vergangene Woche eine Zehner-Koalition ins Spiel gebracht, bestehend aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Dänemark, Polen, Kanada, Australien und der Türkei. Und natürlich den USA. Alle sollen ihren Beitrag zur Bekämpfung des IS leisten, so der Plan.

In der Nacht zum Donnerstag wird Obama in einer Rede seine Pläne zur Ausweitung der Luftschläge auf IS-Stellungen in Syrien vorstellen. Bisher haben die USA den Kampf mit dem IS nur im Irak aufgenommen. Doch der IS kämpft in beiden Ländern, als gäbe es keine Grenzen. Will Obama die Radikalen besiegen, muss er sie auch in ihren syrischen Bastionen angreifen.

Wie will Obama den IS stoppen? Washington hat sich eine Strategie mit drei Phasen überlegt. Phase eins hatte vor einigen Wochen begonnen mit annähernd 150 Luftschlägen im Irak auf IS-Stellungen. So konnte der Vormarsch der Terrormiliz im Nordirak vorerst gestoppt werden. Danach begann die zweite Phase im Kampf gegen den IS: Die kurdischen Kämpfer der Peschmerga und die irakische Armee sollen besser ausgerüstet und ausgebildet werden. Sie sollen den IS am Boden besiegen. Großbritannien etwa liefert den Kurden schwere Maschinengewehre und auch die deutsche Regierung schickt Waffen und Ausbilder. Zudem machen die USA Druck auf die irakische Regierung, die unzufriedenen irakischen Sunniten stärker einzubinden, damit sie nicht mehr den IS unterstützen. Nun steht offenbar der Eintritt in die dritte Phase bevor: die Bekämpfung des IS auch in Syrien.

Was bedeuten Luftschläge auf Syrien? Die USA werden wahrscheinlich wohl als Erstes die Stellungen des IS im Osten Syriens bombardieren in der Stadt Rakka. Sie ist gewissermaßen der IS-Hauptsitz. In ihrer Nähe wurden wohl auch die zwei amerikanischen Geiseln James Foley und Steven Sotloff festgehalten und getötet. Danach könnten weitere IS-Ziele im Norden und Osten des Landes bombardiert werden. Wird der IS geschwächt, könnte das syrische Regime als Erstes davon profitieren und verlorene Gebiete zurückerobern. Gefährlich könnten die US-Angriffe auch für syrische Zivilisten werden, wenn der IS sich in bewohnten Stadtvierteln und Dörfern verschanzt.

Wird der IS so geschlagen? Die Miliz hat keine Luftabwehr, mit der sie sich gegen moderne amerikanische Kampfjets oder Drohnen verteidigen könnte. Möglichen US-Bombardierungen steht sie hilflos gegenüber. Den USA könnte es gelingen, einige der vom IS erbeuteten schweren Waffen und Pick-ups zu zerstören, wenn der IS sie nicht rechtzeitig tarnt. Auch IS-Anführer werden auf der Abschussliste der USA stehen. Allerdings hat die Terrorgruppe ein Kommandonetzwerk entwickelt, sodass getötete Anführer schnell ersetzt werden könnten. Die Erfahrungen aus Afghanistan oder dem Jemen zeigen, dass es so kaum gelingen wird, die Extremisten zu besiegen. Der Krieg gegen den IS könnte noch Jahre dauern. Zudem ist eine wichtige Frage unklar: Wer soll für die USA die Radikalen am Boden in Syrien bekämpfen, die syrischen Rebellengruppen oder die Kämpfer von Baschar al-Assad?

Wird die Terrorgefahr im Westen so gebannt? Nicht unbedingt. Das Gegenteil könnte sogar der Fall sein. Bisher stellt der IS eine geringe Bedrohung für den Westen dar: Die Miliz konzentriert sich auf die Eroberung von Teilen Syriens und des Irak, in denen derzeit ein Machtvakuum herrscht. Den Westen hat sie kaum im Blick. Eine Bedrohung für den Westen würde hauptsächlich von möglichen IS-Heimkehrern ausgehen - Westlern, die sich der Gruppe angeschlossen und Kampferfahrung gesammelt haben. Wenn die USA und Europa nun in den Krieg verstärkt eingreifen, könnte die Miliz zunehmend auch westliche Ziele anvisieren.

Wer gewinnt gerade den Krieg in Syrien? In Syrien herrscht derzeit ein verworrener Bürgerkrieg, bei dem kein Ende in Sicht ist. Die ursprünglichen nicht-islamistischen und mäßig islamistischen Rebellengruppen mussten den Kampf fast überall aufgeben. Dafür konnten die extremsten Gruppen ihre Macht ausweiten, auch auf Kosten der anderen Rebellengruppen. Sie herrschen nun im Norden, Osten und auch in Teilen des Südens Syriens. Das syrische Regime kontrolliert das dichtbesiedelte Zentrum des Landes. Der Krieg wird zunehmend zu einer unendlichen Konfrontation zwischen einem autoritären, brutalen, konfessionellen Regime und einer noch autoritäreren, brutaleren konfessionellen Terrorgruppe.

Wie geht es den Menschen dort? Die Hälfte der Bevölkerung des Landes ist auf der Flucht. Millionen Menschen mussten vor der Gewalt des syrischen Regimes flüchten und nun müssen sie auch noch den Extremisten entkommen. In die Provinz Rakka hatten viele Syrer in den ersten Jahren des Kriegs Zuflucht genommen. Nun verlassen viele die von den Radikalen kontrollierte Provinz, um ihren Gängelungen zu entkommen. In den Nachbarländern Syriens ist die Flüchtlingskatastrophe unübersehbar. Viele syrische Flüchtlinge dort haben inzwischen die Hoffnung aufgeben, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können und träumen nun von der riskanten Flucht nach Europa.

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insgesamt 32 Beiträge
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TWOSTONE 10.09.2014
1. Warum kein UN-Mandat?
Die NATO und Australien sind kein Ersatz für die UNO, es kann nicht sein, dass das so schwer zu begreifen ist.
European 10.09.2014
2. Ironie der Geschichte
Obama bekommt am Ende doch seien Syrien Krieg, diesmal allerdings als Unterstützer von Assad. Was sagt uns das über Seriosität und Kontinuität bzw Glaubwürdigkeit der US Aussenpolitik. Wie können wir unsere nationale Sicherheit und die unserer Familien in die Hände solch eines Regiemes legen ?
rgw_ch 10.09.2014
3. Gewalt
Die Idee, dass Gewalt mit mehr Gewalt besiegt werden kann, wird sein Jahrzehnten propagiert und vor allem von den USA auch gelebt. Kein einziges Mal hat sich diese Idee als richtig erwiesen. Trotzdem findet sie immer noch solide Mehrheiten. "Man kann doch die ISIS nicht weiter morden lassen", ist das Standardargument. Nein? Kann man nicht? Gibt es wirklich immer eine Patentlösung? Und woher haben die ISIS denn die Waffen, mit denen sie morden? Muss man vielleicht manchmal ein Volk seinen Kampf selber führen lassen, anstatt ihm von aussen vorzuschreiben, was es richtig zu finden hat? Und anstatt immer jeweils diejenige Gruppierung mit Waffen und Geld zu unterstützen, die jetzt gerade der eigenen politischen Meinung am nächsten kommt?
alexkotov 10.09.2014
4.
US-Luftschläge in Syrien - und was meint die Regierung in Syrien dazu ?
coldplay17 10.09.2014
5. Wieso Unterstützer von Assad ?
Zitat von EuropeanObama bekommt am Ende doch seien Syrien Krieg, diesmal allerdings als Unterstützer von Assad. Was sagt uns das über Seriosität und Kontinuität bzw Glaubwürdigkeit der US Aussenpolitik. Wie können wir unsere nationale Sicherheit und die unserer Familien in die Hände solch eines Regiemes legen ?
Könnten die Amerikaner die IS auch in Syrien erledigen, bekämen die moderaten Rebellengruppen -diese sollten in ihrem Kampf gegen Assad unterstützt werden- mehr Luft und müssten nicht mehr an zwei Fronten kämpfen.
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