Propagandavideos Heile Welt in der Hauptstadt des IS

Rakka soll die Hauptstadt des "Islamischen Staates" sein. Den Ort in Syrien inszenieren die Dschihadisten in Videos professionell wie Werbeclips. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

REUTERS

Eigentlich sind die Dschihadisten für Schreckensvideos berüchtigt. Neuerdings inszenieren sie sich aber auch als spießige Saubermänner. Ein sorgsam produzierter Clip zeigt, wie sie in der syrischen Stadt Rakka Kartonweise Zigaretten verbrennen. Das Rauchen haben die Radikalen als vermeintlich unislamisch verboten. In einem anderen Video doziert ein Radikaler über vergammelte Hülsenfrüchte, die er vernichtet, damit sie niemanden gefährden können.

Die Botschaft ist eindeutig: Im "Islamischen Staat" (IS) herrscht Zucht und Ordnung. Die Aufnamen sind Eigenlob in Hochglanz. Auf diese Weise will der IS um die Menschen in Syrien und im Irak werben, die manchmal schon seit Jahren keine Sicherheit mehr erlebt haben und sich stabile Verhältnisse zurückwünschen.

Die Filme sollen zudem strenggläubige Muslime aus aller Welt in die vermeintliche Utopie locken. Der IS will mehr sein als nur eine Miliz. Diesen Ehrgeiz macht die Gruppe schon im Namen klar. Die Dschihadisten wollen einen neuen Staat aufbauen, das Kalifat, mit gottgegebenen Regeln. In diesem schwören die Bürger dem Kalifen Treue, weil sie ihn als Nachfolger des muslimischen Propheten Mohammed akzeptieren. Doch die Realität sieht anders aus als in den IS-Werbeclips.

Hin und wieder gelingt es einheimischen Journalisten, heimlich in Rakka zu recherchieren. Sie schreiben ihre Berichte und filmen nicht. So fallen sie weniger auf. Videoaufnahmen aus dem Inneren des sogenannten Kalifats sind schwierig: Gefilmt werden darf nur, was die Dschihadisten der Welt präsentieren wollen. Dabei ist meist viel spannender, was der IS eigentlich nicht zeigen will.

Syrische Studenten aus Rakka riskieren ihr Leben, um heimlich Videos in der Stadt zu drehen. Manche von ihnen nutzen versteckte Kameras. Andere filmen beiläufig mit ihrem Handy und tun so, als würden sie telefonieren. "Rakka wird still und leise massakriert" nennt sich die Gruppe. Ihre Videos, Fotos und Berichte veröffentlichen sie auf Facebook.

Von freiwilliger Unterwerfung ist in ihren Aufnahmen nichts zu spüren. Überall sind in den Videos vermummte Bewaffnete zu sehen, die die Einheimischen maßregeln. Ihre vermeintlich islamischen Verhaltensregeln können die Dschihadisten in ihrem "Kalifat" nur mit der Androhung von Gewalt durchsetzen.

Dem Kalifat laufen in Rakka die Bürger davon

Selbst in den offiziell vom IS abgesegneten Videos ist der Widerstand der Einheimischen zu spüren. Ein Journalist des amerikanischen Mediums "Vice" durfte im Juli in Rakka drehen. Die Dschihadisten ließen ihn IS-Veranstaltungen filmen.

Interessant wurde es in den seltenen Momenten, als die Kamera ungeplante Begegnungen einfing. So waren mitten in der vermeintlich tugendhaften IS-Hauptstadt einheimische Jugendliche in knallbunten Hemden zu sehen, die Haare verwuschelt im Stil des Popstars, der hinter ihnen im Laden hing. Aufmüpfig verspottete ein Saftverkäufer vor der Kamera einen der Dschihadisten. Ein syrischer Jugendlicher kritisierte unverblümt den selbstgerechten Fanatismus der IS-Anhänger.

Der IS konnte jedoch seitdem seine Macht in Rakka ausbauen. Immer strengere Regeln wurden erlassen. Gel in den Haaren? Verboten. Musik hören? Strafbar. Als Frau allein unterwegs sein? Um Himmels Willen.

Um den Schikanen zu entkommen, haben manche Einheimische Rakka nun verlassen. Beschleunigt wird der Exodus durch die Bombardements, die das syrische Regime und die internationale Koalition seit kurzem auf die Stadt fliegen. Auch die Wirtschaftslage Rakkas ist schwieriger geworden, weil der IS wegen der Bomben weniger Öl fördern kann. Dem "Kalifat" in Rakka laufen die Bürger davon.

Stand 4.11.2014
SPIEGEL ONLINE

Stand 4.11.2014

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zauselfritz 07.11.2014
1. Dem Kalifat laufen in Rakka die Bürger davon
"Dem Kalifat laufen in Rakka die Bürger davon" Passt auf, demnächst kommt einer auf die glorreiche Idee eine Mauer zu bauen!
Aus_die_Laus 07.11.2014
2. Kein Problem
Solange das alles Ungläubige sind oder welche mit falschem Glauben, die weglaufen, ist das sogar erwünscht. Die fehlenden "Bestände" in der Einwohnerschaft können dann mit Islamisten aus aller Welt wieder "aufgefüllt" werden.
kugelsicher, 07.11.2014
3.
Wieso gibt es eigentlich Rakka noch Herr Obama? Ein wirklicher Kampf gegen ISIS sieht für mich anders aus.
marco777 07.11.2014
4. War ja abzusehen,....
daß sich da auf dauer keiner wohlfühlt. Vorstellung und Realität ist eben nun mal ein sich gegenseitig aushebelnder Prozess, an dem ständig der Eine am Anderen arbeiten muss um Bestand zu haben......
demophon 07.11.2014
5. In Saudi-Arabien ist es doch ähnlich
Es ist immer wieder zum Lachen, wenn sich ausgerechnet diese Islamisten als "Saubermänner" inszenieren und als Moralapostel auftreten, die die ganze Welt mit ihren Vorstellungen bekehren wollen. Sie sind es doch, die junge Mädchen im Kindesalter vergewaltigen, als Zwangsbräute versklaven, und Frauen wie Vieh behandeln. Frauen, die von der IS entführt wurden und fliehen konnten, berichteten, dass die Kämpfer nur die ganz jungen Mädchen vergewaltigt haben, die Frauen hatten sie gar nicht angerührt. Das ist also nach deren Meinung islamisch, Musikhören aber nicht. Soviel anders ticken die Herrscher aber in Saudi-Arabien aber auch nicht. Kinderheiraten sind dort auch erlaubt. Mit denen hat der Westen jedoch sehr gute Beziehungen.
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