Kämpfe nahe der Türkei IS-Milizen in Sichtweite von Kobane

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" ist offenbar bis auf zwei Kilometer an die syrisch-kurdische Stadt Kobane herangerückt. In unmittelbarer Nähe befindet sich die Grenze zum Nato-Land Türkei.


Kobane - Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) rückt im Norden Syriens immer näher an Kobane heran. Die Extremisten seien nur noch zwei Kilometer von der Stadt entfernt, meldet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Zwischen den Stellungen der beiden Seiten liege nur noch ein freies Feld. "Die Kämpfer können sich sehen", sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abd al-Rahman, laut der Nachrichtenagentur dpa.

Die IS-Extremisten versuchen seit Tagen, Kobane einzunehmen; auf Arabisch heißt die Stadt Ain al-Arab. Die Islamisten kontrollieren bereits Dutzende Dörfer im Umland. Zuletzt hatten sie offenbar eine türkische Exklave in Syrien eingekesselt. Dabei sollen laut der regierungsnahen Zeitung "Yeni Safak" rund 1100 IS-Kämpfer 36 türkischen Soldaten gegenüberstehen, die ein Mausoleum bewachen.

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Kämpfe in Syrien: "Islamischer Staat" vor Kobane

Während die Situation für die Kurden in Syrien bedrohlicher wird, haben Peschmerga-Einheiten im benachbarten Irak Erfolge gegen den IS errungen: Unterstützt von US-Luftangriffen haben sie in mehreren Regionen des Nordiraks vier Dörfer zurückerobert, wie die irakische Nachrichtenseite Al Sumaria unter Berufung auf einen kurdischen Offiziellen berichtete.

Das von den USA geführte internationale Bündnis habe zwei Dörfer westlich und östlich von Kobane angegriffen, teilte die Beobachtungsstelle weiter mit. Informationen über Opfer bei den Bombardierungen lagen zunächst nicht vor. Bei den Luftangriffen im Norden Syriens wurden am Montag der Beobachtungsstelle zufolge 13 Dschihadisten des IS getötet.

Türkische Einheiten an der Grenze

Inzwischen hat Ankara angesichts der Schlacht um Kobane an der Grenze zu Syrien Truppen zusammengezogen. Die Streitkräfte hätten 35 Panzer in der Region aufgefahren, berichtet die regierungsnahe Zeitung "Sabah". Die Panzer haben demnach 400 Meter von der Grenze entfernt Stellung bezogen und ihre Kanonen auf Syrien gerichtet.

Die Zeitung "Hürriyet" meldet, Armeechef Necdet Özel warte nun mit den nächsten Schritten auf Beschlüsse des Parlaments. Die Abgeordneten in Ankara wollen am Donnerstag über Resolutionen entscheiden, mit denen die Regierung ermächtigt wird, militärisch gegen Terroristen in Syrien und im Irak vorzugehen.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte vergangene Woche eine Unterstützung der Türkei für internationale Militäroperationen gegen den IS nicht mehr ausgeschlossen, selbst Bodentruppen nicht. Er fordert die Einrichtung einer "Sicherheitszone" auf der syrischen Seite der Grenze, die von türkischen und internationalen Truppen geschützt werden könnte.

Zuletzt hatten sich die Bewohner Kobanes mit einer drastischen Warnung gemeldet. Sie befürchten bei einer Eroberung durch die Terrormiliz IS ein Massaker. Die Zahl der Luftangriffe in der Region sei zu gering, und die Luftschläge seien zu weit weg von der Front, beklagen Augenzeugen, wie der US-Fernsehsender CNN berichtete. "Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen Waffen. Wir brauchen effektivere Luftschläge", sagte Idriss Nassan aus Kobane. Wenn es so bleibe, "werden wir ein Massaker sehen".

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

mxw/dpa/AFP

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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
Politik vs. Ökonomie 30.09.2014
1. Paragraph 10
Damit dürfte der Weg der NATO und der Einsatz von Bodentruppen nicht mehr weit sein. Wenn erstmal der Bündnisfall ausgerufen ist, herrscht richtig Krieg. Damit realisiert sich dann auch das Folgen-Szenario eines Krieges. Flucht, Vertreibung, Radikalisierung. Ein Teufelskreis aus dem der Westen nur unter größter Anstrengung wieder herausfindet.
ratio_legis 30.09.2014
2. Unklar
Auf 2 Kilometer? Versteh ich nicht, dann sind sie ja im offenen Feld, aber noch weit genug von der Stadt entfernt, um diese nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Wo bleiben die Jets? Es ist mir ohnehin ein Rätsel, wie sich der IS in einer vegetationsarmen Gegend immer frei von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt bewegen kann. Immer zwischen 2 Städten sind die Kämpfer doch weitgehend schutzlos. Weshalb funktioniert die Überwachung der Gegend per Satellit nicht?
der_stille_beobachter 30.09.2014
3.
Dann wird es wohl recht bald zum NATO Bündnisfall kommen. Und Deutschland ist nicht bereit... peinlich, peinlich. IS wird schonungslos aufdecken, was Putin mit seiner Aussage, er könne in wenigen Wochen im Zentrum Europas stehen, bereits angedeutet hat.
Vergil 30.09.2014
4.
... und Deutschland sieht tatenlos zu.
jakam 30.09.2014
5.
Religionen....egal welche...gehören ausgerottet. So ein Unterdrückungs-Blödsinn - und alles immer im Namen eines "unsichtbaren Männchens", der/die/das sich nie selbst zu dem ganzen dogmatischen Schwachsinn äußern kann - wie praktisch.
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