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Barbarische Strafen: Saudi-Arabien richtet wie der "Islamische Staat"

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Exekution: In Saudi-Arabien wird ein Drogenhändler mit einem Schwert geköpft (Archivfoto von 1985) Zur Großansicht
B. R. Neilson/ Rex Features

Exekution: In Saudi-Arabien wird ein Drogenhändler mit einem Schwert geköpft (Archivfoto von 1985)

In Saudi-Arabien wird der Blogger Raif Badawi ausgepeitscht - wegen Kritik an der Religionspolizei. Eine grausame Strafe, wie sie auch der "Islamische Staat" verhängt. Beide Regime teilen eine ähnliche Ideologie.

Im Januar ließ Saudi-Arabien einer Frau mit drei Schwerthieben den Kopf abschlagen. Sie soll ihre Stieftochter missbraucht und getötet haben. Bis zum Schluss bestritt sie die Tat. Der Fall ist nur ein Beispiel für barbarische Strafen, wie sie in dem Königreich verhängt werden. Sie unterscheiden sich kaum von der brutalen Justiz des "Islamischen Staats" (IS).

Auch der Fall des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi sorgt weltweit für Aufsehen. Ihn verurteilte ein Gericht wegen seiner Texte zu 1000 Stockschlägen und zehn Jahren Haft. Für diesen Freitag war eine weitere Auspeitschung angesetzt - sie ist vorerst verschoben.

Die Nahost-Webseite "Middle East Eye" hat eine Darstellung veröffentlicht, die den saudi-arabischen Strafenkatalog mit dem der IS-Krieger vergleicht. Der IS hatte seinen Mitte Dezember publik gemacht. SPIEGEL ONLINE hat die Grafik hier übernommen.

Strafenkatalog des "Islamischen Staates" (IS) und Saudi-Arabiens Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Strafenkatalog des "Islamischen Staates" (IS) und Saudi-Arabiens

Die Ähnlichkeiten zwischen den Strafen in Saudi-Arabien und den vom IS kontrollierten Gebieten sind kein Zufall.

  • Saudi-Arabien und die IS-Anhänger haben keine schriftlich niedergelegte Strafgesetzgebung. Sie sind damit Ausnahmen in der muslimischen Welt. Andere Länder, die extreme Strafen verhängen, wie Sudan oder Iran haben ein festgelegtes Kriminalrecht. Dieses setzt nicht nur den Bürgern Grenzen, sondern auch den Richtern.

  • Saudi-Arabien und der IS folgen einer besonders strengen Islam-Auslegung, dem Wahabismus. Diese Interpretation ist eine Minderheitenmeinung. Wie in anderen Religionen gibt es auch im Islam verschiedene Strömungen. Viele muslimische Länder berufen sich in ihrer Gesetzgebung auf die Scharia. Doch je nach Auslegung bedeutet dies Unterschiedliches. Die meisten Länder verstehen darunter Prinzipien wie Gerechtigkeit und Gnade und legen sie nicht als Anleitungen fürs Abhacken von Händen aus.

Die ideologischen Parallelen zwischen dem IS und den Saudis könnten damit zusammenhängen, dass beide eine ähnliche Aufstiegsgeschichte haben: Sie starteten als Aufstandsbewegung gegen etablierte Herrscher, ebenfalls Muslime.

Um sich zu legitimieren, benutzten sie eine besonders extreme Islam-Auslegung, mit der die Gegner zu Ungläubigen erklärt werden konnten. Die in Saudi-Arabien herrschende Saud-Familie ging schon früh ein enges Bündnis mit radikalen Theologen ein, um ihren Aufstieg ideologisch zu untermauern.

Als Newcomer bezeichnet der IS nun seinerseits die saudischen Herrscher als Irrgläubige und ist noch radikaler. Saudi-Arabien wiederum beteiligt sich an der internationalen Koalition gegen den IS.

Der IS verurteilt kaum Verbrecher, sondern vor allem Kritiker

Anders als Saudi-Arabien ist das IS-kontrollierte Gebiet noch lange kein Staat. Noch herrscht Krieg und dieser bringt viel Unberechenbarkeit mit sich - Revolutionsjustiz.

Der IS verurteilt kaum Verbrecher, sondern vor allem diejenigen, die er für Kritiker hält. Die Uno stellte vor Kurzem fest, dass allein in den ersten zwei Wochen dieses Jahres drei Anwältinnen von sogenannten IS-Gerichten im Irak zur Todesstrafe verurteilt wurden.

"Gebildete, arbeitende Frauen, besonders Frauen, die für öffentliche Ämter kandidiert hatten, scheinen einem besonderen Risiko ausgesetzt", sagte Ravina Shamdasani , Sprecherin des Hohen Kommissars der Uno für Menschenrechte.

Zudem, sagte Shamdasani, seien in den ersten neun Januartagen im Irak mindestens 33 Männer exekutiert worden, weil sie nicht mit dem IS kollaborieren wollten. Vier von ihnen sollen Ärzte gewesen sein, die sich weigerten, IS-Kämpfer zu behandeln.

Saudi-Arabien versucht bisher vergeblich die Justiz zu reformieren

Die Saudis haben längst einen etablierten Staat, Institutionen, Gepflogenheiten und internationale Beziehungen. Als Reaktion auf den Druck aus vielen anderen Staaten wurde die erneute Auspeitschung von Raif Badawi vorerst verschoben.

Zuletzt hatte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Saudi-Arabien scharf kritisiert. Er könne keinen Unterschied zwischen einem IS-Enthauptungsvideo und einer staatlich betriebenen öffentlichen Prügelstrafe, Hinrichtung oder Enthauptung erkennen, sagte er im ZDF-"Morgenmagazin". "Ich glaube, Saudi-Arabien muss begreifen: Man kann nur ein glaubhafter Partner für uns sein, wenn diese mittelalterlichen, archaischen Methoden eingestellt werden." Die Strafe für den Blogger sei eine "Hinrichtung auf Raten".

Anders als der IS brüstet sich Saudi-Arabien nicht mit den barbarischen Urteilen. Im Gegenteil, es scheint dem Land geradezu peinlich: Als kurz nach der Hinrichtung der Frau Anfang Januar ein Video der Enthauptung auftauchte, wurde offenbar prompt Jagd gemacht auf denjenigen, der es verbreitete - wegen vermeintlicher Kriminalität im Internet.

Der nun verstorbene König Abdullah wollte eigentlich schon seit Jahren eine Strafgesetzgebung festschreiben lassen. Doch bisher scheiterte dies am Widerstand des erzkonservativen Theologen-Establishments. Denn dessen Macht würde dadurch begrenzt.

Der neue König Salman wird daran so schnell wohl nichts ändern können. Obwohl er ein absolutistischer Herrscher ist, muss er auf Verbündete Rücksicht nehmen, darunter die erzkonservativen Religionsgelehrten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 127 Beiträge
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1.
hschmitter 23.01.2015
Und mit solch einem Land hat Deutschland diplomatische Beziehungen? Ohne Öl wäre das Land international Nordkorea gleichgestellt. Welche Strafen dürfen denn Frauen erwarten, die heimlich Auto fahren?
2.
vox veritas 23.01.2015
"Wie in anderen Religionen gibt es auch im Islam verschiedene Strömungen. Viele muslimische Länder berufen sich in ihrer Gesetzgebung auf die Scharia." Danke für die Erklärung. In wie vielen muslimsichen Ländern wird die Scharia offiziell angewandt? Und in welchen Ländern wird sie inoffiziell angewandt?
3.
syracusa 23.01.2015
"Der neue König Salman wird daran so schnell wohl nichts ändern können. Obwohl er ein absolutistischer Herrscher ist, muss er auf Verbündete Rücksicht nehmen, darunter die erzkonservativen Religionsgelehrten." Nun, der neue saudische Gewaltherrscher wird dann wohl an seinen Verbündeten gemessen werden. Warum aber unbedingt alle westlichen Regierungen zu diesem Abschaum gehören wollen, ist nicht begreifbar. Wir sind verantwortlich für das, was unsere Regierung tut. Wo immer sie mit menschenrechtsverachtenden Diktatoren gemeinsame Sache macht, müssen wir ihr die Hände binden!
4. und
paulroberts 23.01.2015
den einen bekämpfen wir, mit dem anderen haben wir nicht nur gute Beziehungen, sondern verkaufen ihm auch Waffen. Warum?
5. Interessant,...
dazuhabichauchnemeinung! 23.01.2015
es sollte doch jedem klar sein, dass der eine beim anderen abgeguckt hat. Viel schlimmer finde ich, dass sich die Umstände in diesen Ländern in hunterten von Jahren nicht geändert und wohl auch nicht ändern werden.
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