Dschihad in Europa Flüchtlinge als Terroristen? Was dran ist an der angeblichen IS-Strategie

Der "Islamische Staat" will angeblich Terrorkommandos als Syrien-Flüchtlinge tarnen und nach Europa schleusen. Das wollen US-Geheimdienste herausgefunden haben. Doch ist der IS auf diese Taktik überhaupt angewiesen?

Syrischer Flüchtling in der Türkei: Mehr als eine Million Syrer sind vor dem Krieg in ihrer Heimat in die Türkei geflüchtet
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Syrischer Flüchtling in der Türkei: Mehr als eine Million Syrer sind vor dem Krieg in ihrer Heimat in die Türkei geflüchtet


Berlin - Mehr als eine Million Syrer sind vor dem Krieg in ihrer Heimat in die Türkei geflüchtet. Die meisten von ihnen warten in Flüchtlingslagern darauf, irgendwann nach Hause zurückzukehren. Andere versuchen, sich in der Türkei eine bescheidene Existenz aufzubauen.

Und viele tausend versuchen, über die Türkei und die Balkanstaaten nach Westeuropa zu gelangen. Diese Fluchtbewegung will nun angeblich auch die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) für sich nutzen. IS-Kommandos sollen sich unter die Flüchtlinge mischen und von der Türkei aus mithilfe gefälschter Pässe weiter nach Westeuropa reisen, unter anderem nach Deutschland, um dort Anschläge zu verüben. Das berichtet die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf US-Geheimdienste.

Den Agenten sei es gelungen, die verschlüsselte Kommunikation der IS-Führung zu dechiffrieren. Aus abgehörten Gesprächen erfuhren die US-Dienste demnach auch, dass die Terroristen auf ihrem Weg nach Westeuropa keine Flugzeuge benutzen sollen. Hintergrund seien die vergleichsweise strengen Kontrollen an Flughäfen.

Den deutschen Behörden sei dieses Szenario grundsätzlich bekannt, berichtet die "Bild am Sonntag". Es gebe jedoch keine Erkenntnisse über konkrete Anschlagsplanungen.

Werden Flüchtlinge als potenzielle Terroristen gebrandmarkt?

Westliche Geheimdienste gehen seit Monaten davon aus, dass der IS Anschläge in Europa plant. Die Gruppe will damit zum einen dem Netzwerk al-Qaida endgültig den Rang als schlagkräftigste Terrororganisation ablaufen. Zum anderen wollen sie die Staaten treffen, die den IS in Syrien und dem Irak aus der Luft bombardieren oder die Gegner der Dschihadisten, besonders die kurdischen Peschmerga, ausbilden und aufrüsten.

Doch um Anschläge in Deutschland zu verüben, ist der IS gar nicht darauf angewiesen, Kämpfer als Flüchtlinge zu tarnen. Mehrere hundert deutsche Staatsbürger halten sich derzeit in dem Gebiet auf, das die Dschihadisten kontrollieren. Trotz aller Ankündigungen der Sicherheitsbehörden. Bislang können diese noch weitgehend unbehelligt in die Bundesrepublik zurückkehren.

Dazu kommt: Die IS-Propagandisten rufen in ihren Audio- und Videobotschaften ihre Anhänger in den USA und Europa dazu auf, selbst aktiv zu werden. Radikalisierte Muslime, die sich mit den Zielen der Dschihadisten identifizieren, müssen also gar nicht auf das Schlachtfeld in Syrien und dem Irak ziehen. Auch mit Angriffen auf Ziele in Europa könnten sie sich in den Dienst des Dschihad stellen - so die Botschaft, die der IS verbreitet.

Wie real diese Gefahr ist, hat sich jüngst in Australien gezeigt. Gleich zweimal wurden von IS-Unterstützern geplante Attentate in letzter Sekunde vereitelt. Die Extremisten hatten vor, Passanten auf offener Straße zu köpfen und Polizisten anzugreifen. Keiner der mutmaßlichen Terroristen hatte zuvor in Syrien oder dem Irak gekämpft.

Deshalb sind es zunächst die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, die unter der angeblichen neuen Strategie des IS zu leiden haben. Schon jetzt werden sie in Europa nur geduldet, nun müssen sie auch noch fürchten, als potenzielle Terroristen gebrandmarkt zu werden.

syd

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