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Boko Haram und IS: Terrorpakt für einen großen Gottesstaat

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Fotostrecke: Der IS und Boko Haram Fotos
REUTERS

Boko Haram schließt sich dem "Islamischen Staat" an. Was bedeutet das für den weltweiten Terrorismus? Offenbar will der IS expandieren und neue Provinzen errichten - auch jenseits seines Kerngebiets.

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Berlin - Nun ist es also offiziell: Abubakar Shekau, einer der Anführer von Boko Haram, hat Abu Bakr al-Baghdadi seine Loyalität versprochen. Noch hat der Chef der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) den Treueschwur nicht angenommen, eine solche Erklärung dauert meistens mehrere Wochen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Baghdadi zustimmt. Damit wird auch in deutschen Sicherheitskreisen gerechnet, wo ein "offizielles Bewerbungsschreiben" von Boko Haram nach einer Phase der Annäherung in den vergangenen Wochen als "erwartbarer Schritt" bezeichnet wurde.

Denn für beide Seiten wäre eine Kooperation fruchtbar: Boko Haram erhofft sich durch die Zusammenarbeit Zulauf von radikalen Dschihadisten, die allein der weltweite Ruf des IS anziehen dürfte, zudem eine Einbindung in den weltweiten Dschihad. Bisher nämlich wird Boko Haram vor allem als regionale Miliz in Nigeria wahrgenommen - rund 4000 Kilometer vom IS in Syrien und im Irak entfernt.

Der IS hingegen dürfte an einer Expansion in die Sahelregion interessiert sein. Zudem stellt der Treueeid von Boko-Haram-Anführer Shekau, einem der bekanntesten Dschihadisten der Welt, einen unschätzbaren Propaganda-Erfolg für den IS dar, so die Deutung in Sicherheitskreisen. Und nicht zuletzt verbindet beide Gruppen ihre Brutalität und das gemeinsame Ziel: die Schaffung eines vermeintlichen Gottesstaats.

Dennoch, der Treueeid von Boko Haram könnte den IS grundlegend verändern: Anfangs konzentrierten sich die Islamisten nur auf den Ausbau eines "Kalifats" im Irak und in Syrien, dorthin wurden Dschihadisten und ihre Familien aus aller Welt gelockt. Doch nun gerät die Organisation in ihrer Kernregion durch die Offensive der Kurden und der irakischen Armee zunehmend unter Druck. Gleichzeitig ergeben sich in anderen Regionen Möglichkeiten zur Expansion - etwa in Libyen, wo der Bürgerkrieg andauert und ein Machtvakuum besteht.

Die Dschihadisten passen sich an: "IS 2.0"

"Der IS reagiert auf die sich ändernden Umstände", schreiben die Analysten des Risikoanalyse-Unternehmens "Soufan Group". Sie sprechen inzwischen von einem "IS 2.0": Eine neue Phase sei erreicht, in der die Organisation sich darauf konzentriere, "nicht zusammenhängende Staaten" zu schaffen.

Gemeint ist das Prinzip "Wilayat", das arabische Wort für Provinzen. So nennt der IS inzwischen nicht nur Gebiete innerhalb Syriens und des Iraks, sondern auch außerhalb seiner Kernregion. Um als IS-Provinz zu gelten, reicht es aus, dass eine Dschihadistengruppe dort der Terrormiliz die Treue schwört und der Schwur offiziell angenommen wird.

Der IS zählt zurzeit Gebiete in mehreren Ländern zu seinen internationalen Provinzen:

  • in Libyen
  • Ägypten (Sinai)
  • Jemen
  • Saudi-Arabien
  • im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.

Ernsthaft aktiv geworden sind bislang allerdings nur die Milizen in Libyen und auf dem Sinai.

Für Al-Qaida sind Ableger Mittel zum Zweck, für den IS das Ziel

Internationale Ableger, zum Beispiel im Jemen und in Nordafrika, gründete auch das Terrornetzwerk al-Qaida. Allerdings unterschieden sich diese deutlich von der Wilayat-Strategie des IS, erläutert der Dschihad-Forscher Aaron Y. Zelin: Al-Qaida wolle seine Filialen nutzen, um Attentate auf westliche Länder zu organisieren. Dem IS dagegen ginge es aber darum, in anderen Regionen sein Kalifat auszuweiten. Für den IS also sind die Ableger selbst das Ziel, für al-Qaida hingegen das Mittel zum Zweck.

Ob der IS seine Provinzen so tatkräftig unterstützen will wie al-Qaida, ist unklar. Das Terrornetzwerk hilft seinen regionalen Ablegern mit Geld, Know-how und Waffen. Dass ein solcher Austausch auch zwischen Boko Haram und dem IS geplant sein könnte, darüber ist bislang nichts bekannt.

Erste Effekte der Partnerschaft sind aber bereits zu sehen: So ist die Medienarbeit von Boko Haram in den vergangenen Wochen professioneller geworden. Inszenierung und Bildbearbeitung der Internet-Postings gleichen plötzlich auffällig den aufwendigen IS-Produktionen. Noch deutlicher wurde das, als vor einigen Wochen al-Baghdadi, der Emir des "Islamischen Staates", in einem Video auftauchte und für den IS typische "Nasheeds", so nennen die Milizen ihre Kampflieder, zu hören waren. Für die Behörden ist deswegen eine direkte Unterstützung der Boko-Haram-Medienarbeit durch den IS "naheliegend".

Doch selbst ohne eine direkte Zusammenarbeit lohne sich ein Bündnis für den IS und für Boko Haram, glauben die Experten der "Soufan Group". "Sie wollen das Schreckgespenst erzeugen, dass die zwei berüchtigtsten Terrorgruppen der Welt ihre Kräfte bündeln", heißt es in ihrer Analyse. Denn das locke neue Unterstützer an und schüchtere die Gegner ein.

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1.
HenryFromWob 09.03.2015
Hier kann man nur auf die Streitkräfte von Niger und Tschad hoffen, die eine Ausbreitung "Boko Harams" bis in den Nordwesten Afrikas verhindern wollen. Die internationale Staatengemeinschaft schaut untätig zu, wie in Nigeria Millionen Menschen unter dem Terror leiden und wieder sind es Soldaten afrikanischer Länder, die wie einst in Ruanda für humanitäre Zwecke kämpfen, weil der Westen eine Intervention ablehnt.
2.
Whitejack 09.03.2015
Ich denke, man kann gefahrlos bilanzieren, dass der bisherige "War against the terror" so ziemlich das Gegenteil dessen erreicht hat, was sein Ziel war. Deswegen fürchte ich auch, dass der Standardreflex des militärischen Eingreifens langfristig die Sache nur schlimmer machen wird. Man besiegt heute Gruppen, die vor einigen Jahren nicht einmal existent waren. Und es braucht keine fünf Finger, um sich abzuzählen, dass die Gegner in fünf Jahren womöglich heute noch nicht existieren. Was nützen solche "Siege"? Eine wirklich gute Idee habe ich auch nicht. Vielleicht höchstens, dass unsere westliche Außenpolitik aufhören muss, sich nur für momentane Brandherde zu interessieren, da hineinzubomben und anschließend das Interesse zu verlieren. Man kann verschiedene Ideen verfolgen, wobei ich kein Freund von Militäreinsätzen bin, aber die aktuelle Strategie ist in meinen Augen die dümmstmögliche, auch wenn sie dem kurzlebigen Interesse des westlichen Wählers am besten entspricht.
3. Erfolg?
KJB 09.03.2015
Einen Zusammenschluss als Erfolg zu verkaufen ist schon gewagt. Es ist eher aus der Not heraus geboren, Boko Haram verliert an Boden weil zum einen deren Einflusssphären anders als in Syrien und im Irak nicht so leicht zu verteidigen sind und zum anderen die Sie umgebenden Staaten zwar nicht extrem robust aber dennoch stabil sind. Abgesehen davon haben die in Afrika keine stetige Finanzierung. Solange der IS noch kräftig Luft zum atmen hat profitieren die von deren vermeintlich starker Aussenwirkung aber das dauert nicht mehr lange dann ist der IS wie Al Quaida ein "Staat" ohne Land. Diese islamistischen Terrororganisationen sind so rückständig das sie auf Dauer nicht in der Lage sind staatliche Strukturen zu etablieren und diese auch aufrecht zu halten. Wenn das Öl nicht mehr fließt geht da das Licht aus.
4. IS, ein Verbrechersyndikat
alexander.schmidt 10.03.2015
Der IS als auch Boko Haram sind nichts anderes als ein Haufen Mörder, Vergewaltiger, Menschen- und Drogenhändler. In keinem Vers des Korans wird die bestialische Vergewaltigung von Kindern und Frauen propagiert! In keinem Vers des Korans wird das willkürliche Morden von wehrlosen Kindern und Frauen propagiert! Kein einziges Mitglied des IS und Boko Haram ist ein Moslem! Der Islam ist eine friedliche Religion und ächtet jegliche Art von Gewalt!
5. Die Medien...
fatherted98 10.03.2015
...stellen sich unter diesen Terrorgruppen immer homogene Räuberbanden vor....diesen Fehler hatte man schon mit Al Quiada begangen. Da nahm man an das Bin Laden der Räuberhauptmann war und die anderen seinem Befehl gehorchen...so war und ist es nicht...die Gruppen mögen ihre Bezeichnungen übernehmen...handeln jedoch meist völlig autark. Der einzige Weg den man zurückverfolgen sollte ist der Weg des Unterstützergeldes...aber nein...das führt ja zu unseren guten Freunden nach Saudi Arabien.
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