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Erdogans Zögern: Die Angst der Türken vor dem "Islamischen Staat"

Von , Istanbul

Türkische Armee nahe Kobane: Den Krieg im Blick Fotos
AP/dpa

Die Türkei zögert, gegen die Terrormiliz IS vorzugehen, auch aus Angst vor Rache-Akten im eigenen Land. Geheimdienste warnen: Es drohen Anschläge auf U-Bahnen, Hotels und Märkte.

Seit Wochen reden Politiker aus aller Welt auf die Türkei ein. Vor allem die USA versuchen, Ankara am Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu beteiligen. Seit Wochen blocken die Türken ab. Nun meldete das US-Verteidigungsministerium einen ersten Erfolg: Die Staaten des Anti-IS-Bündnisses dürften türkische Militärstützpunkte nutzen, hieß es. Prompt widersprachen Regierungsvertreter in Ankara am Nachmittag und erklärten, es habe noch keine Einigung gegeben.

Die türkische Regierung tut sich schwer mit Zugeständnissen im Kampf gegen den IS. Anfang Oktober hatte sie noch erklärt, man werde nicht zulassen, dass die von Dschihadisten belagerte syrische Grenzstadt Kobane zerstört werde. Die Türkei ließ Panzer nahe dem Grenzübergang Mürsitpinar aufstellen. Dort stehen sie seitdem, ohne in das Kampfgeschehen in der bedrängten Stadt einzugreifen.

Die Gefechte toben weiter, die verbliebenen etwa 3000 kurdischen Kämpfer mit ihren alten Gewehren und Panzerfäusten sind den permanent nachrückenden IS-Kämpfern mit gekaperten Hightech-Panzern, Maschinengewehren und Granatwerfern hoffnungslos unterlegen. Seit Tagen fordern Kurden Unterstützung durch die Türkei, lehnen aber den Plan einer türkisch kontrollierten Sicherheitszone ab, weil sie darin einen Angriff auf ihre Autonomiebemühungen sehen.

Die Türkei will den Kurden nicht helfen, weil sie deren Ziel von größerer Unabhängigkeit nicht fördern will. Obwohl seit 2005 Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der verbotenen PKK laufen, sitzen die Vorbehalte tief. Kürzlich erst sagte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, er sehe keinen Unterschied zwischen IS und PKK. Die PKK wiederum droht der Türkei mit Krieg.

Sorge vor Anschlägen in den Großstädten

Doch westliche Geheimdienste sehen noch einen weiteren Grund für die türkische Zurückhaltung gegenüber IS: die Sorge vor Terroranschlägen. "Das ist eine sehr konkrete, ernst zu nehmende Gefahr", sagt ein Beobachter aus Ankara. "IS hat den Türken unmissverständlich klargemacht, dass sie mit Angriffen auf türkischem Boden rechnen müssen, wenn sie sich in irgendeiner Weise aktiv am Kampf gegen IS beteiligen."

Übereinstimmend sagen Geheimdienstler mehrerer Länder, die Gefahr beschränke sich nicht nur auf das türkisch-syrische Grenzgebiet. "Am öffentlichkeitswirksamsten wären Anschläge in den Metropolen Istanbul, Ankara oder Izmir", sagt einer. "Wenn ein Sprengsatz auf dem Taksim-Platz oder in der U-Bahn von Istanbul explodiert, würde IS nicht nur einen enormen Schaden an Leib und Leben von unschuldigen Menschen anrichten. Es wäre auch ein großer Propagandaerfolg."

Gefährdet sind nach Ansicht eines Beobachters auch die Touristenorte. "Ein Anschlag auf eine Hotelanlage, der auch nur einen toten Ausländer zur Folge hat, und der Tourismus in der Türkei dürfte einbrechen." Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes. Schon deshalb ist die Regierung bemüht, jegliches Risiko zu minimieren und Zurückhaltung bei der Bekämpfung von IS zu üben.

Türkei "leichtes Ziel" für IS-Angreifer

Die Türkei sei ein "leichtes Ziel" für IS, da das Land die Dschihadisten jahrelang unterstützt habe, um den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. "Die Türkei hat alle Gegner Assads gefördert, ohne zu differenzieren", sagt ein Geheimdienstler. "Nun rächt sich das gewaltig. Jetzt stehen die Extremisten an der Grenze und bedrohen die Türkei."

Auch wenn Ankara jegliche Unterstützung der Islamisten bestreitet, legen Recherchen nahe, dass IS-Kämpfer jahrelang über die Türkei nach Syrien reisen, Waffen, Munition, Lebensmittel und Medikamente ins Kampfgebiet bringen und sich bei Bedarf in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen konnten. In türkischen Städten rekrutierten sie noch bis vor kurzem Nachwuchs und boten Anlaufstellen für Dschihadisten aus Europa und Amerika, die planlos in Istanbul landeten.

"Jetzt haben sie überall im Land ihre Infrastruktur", sagt ein ausländischer Sicherheitsexperte "Mit anderen Worten: Sie sind längst vor Ort und können Anschläge vorbereiten, ohne aufzufallen." Sollte der 'Islamische Staat' der Türkei den Kampf ansagen, sei "mit allem" zu rechnen: mit "Angriffen von bewaffneten Kommandos, Selbstmordattentaten, Autobomben, Raketenangriffen und selbstgebastelten Straßenbomben". Potenzielle Ziele seien "öffentliche Verkehrsmittel und Plätze, auf denen sich viele Menschen aufhalten".

Eine weitere Gefahr seien Entführungen. "Wir sehen eine Gefahr, dass der IS Menschen auch auf der türkischen Seite im Grenzgebiet zu Syrien entführt", sagt ein Geheimdienstmitarbeiter. "IS-Leute sind nach unserer Erkenntnis auch auf türkischer Seite präsent und könnten dort Menschen als Geiseln nehmen und nach Syrien verschleppen." Gefährdet seien vor allem Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten.

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1. Stimmt
mini-max12 13.10.2014
auch wir Deutschen sollten hier zurückhaltend reagieren. Jede Stadt in Deutschland hat "weiche Ziele". Keine Sicherheitsbehörde ist in der Lage, Bahnhöfe, Züge, öffentliche Plätze etc. so zu schützen, dass nicht Selbstmordattentäter ungehindert Bombenanschläge ausführen könnten. Dschihadisten sind außerdem bekanntlich längst unter uns. Und insbesondere die "Einmarschwünsche" der Grünen bezüglich unserer Bundeswehr ins Krisengebiet halte ich für besonders brisant. Gerade eine Partei der Wehrdienstverweigerer und "Soldaten sind Mörder"-Rufer sollte hier mehr Zurückhaltung üben. Es kann auch hier schneller losgehen als man denkt.
2. Zwickmühle
butzibart13 13.10.2014
Die Türkei droht, ein unsicheres Touristenland zu werden. Bekämpft sie IS, drohen ihr Bomben von diesem Haufen. Bekämpft sie sie nicht, könnte sich die PKK oder irgendwelche sonstigen Kurden bemüßigt fühlen, Anschläge auszuführen. Bei schleichender Unterwanderung durch IS ist sogar das ganze Land und damit ein hochgerüsteter Natopartner bedroht.
3. die gleiche und die selbe...
alienspezies 13.10.2014
...angst. das deutschland und die turkei.. beide hüten sich in ein wespennest zu stochern das sie nicht zu kontrollieren wissen. dabei geht es ganz und gar auch um das einige und innige wespennest. wo grenzen verschwimmen ist der "feind" nicht weit.
4. Die Verslierer kennen wir - die Frage ist wer ist der Gewinner??
thom.angelo 13.10.2014
in einem Artikel der Spiegel, habe ich vor wochen gelesen, dass die IS-Milizen über viel Geld täglich verfügen. Wie bekommen die den das Geld. Es wurde berichtet, dass die IS Öl verkaufen, aber nicht an wem. Irgend wann kam so was (aber ganz dünn) dass die IS ihr Öl über der Türkei vertreiben. Also da gehet es um sehr viel Geld.. Ich glaube nicht, dass Türkei die IS eingreifen wird - wer möchtet seine Geldquelle zerstören, nun aber die Amis und die unsere Politiker sollten sich gut überlegen, wer ist mit uns und wer gegen uns..
5. Wie kommt Erdogan da wieder raus?
n01 13.10.2014
Schon schlimm, das IS es als einen Propagandaerfolg sieht, wenn sie Menschen in die Luft sprengen. Daran sieht man, das sie außer Terror überhaupt keinen Plan für einen eigenen Staat haben. Wovon und wie sollte so ein Staat denn langfristig existieren.? Irgendwo kann ich die Angst der Türken verstehen, aber wie ich schon einmal postete, wer sich mit Terroristen einläßt, in welcher Form auch immer, hat irgenwann ein Problem. Ganz sicher. Die Idee Erdogans, Assad zu entmachten, mit Hilfe der IS oder anderen, geht nun erst einmal nach hinten los. Wie Erdogan aus der Nummer raus kommen will, weiss ich auch nicht.
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