Kämpfe bei Kobane IS-Kämpfer umzingeln türkische Soldaten

Der Krieg gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" kommt dem Nato-Land Türkei immer näher. Die Dschihadisten haben offenbar einen türkischen Gebietsstreifen innerhalb Syriens umstellt. Die Regierung in Ankara zieht Truppen zusammen.

Einschlag im nordsyrischen Kobane (Ain al-Arab): Die Türkei ist in Bedrängnis
DPA

Einschlag im nordsyrischen Kobane (Ain al-Arab): Die Türkei ist in Bedrängnis


Istanbul/Kobane - Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat eine türkische Exklave in Syrien eingekesselt. SPIEGEL ONLINE erfuhr von Bewohnern der Region, dass IS-Kämpfer ein von türkischen Soldaten bewachtes Mausoleum umstellt haben sollen. Laut der regierungsnahen Zeitung "Yeni Safak" sollen rund 1100 IS-Kämpfer 36 türkischen Soldaten gegenüberstehen. Die Terrormiliz kontrolliere außerdem den wichtigsten Zugangsweg zu dem Grab, das rund 30 Kilometer südlich der umkämpften Stadt Kobane (arabisch: Ain al-Arab) liegt.

Das Mausoleum von Süleyman Shah, dem Großvater des ersten osmanischen Sultans, liegt innerhalb Syriens auf einem exterritorialen Stück Land, das zur Türkei gehört. Es wäre nicht der erste direkte Konflikt zwischen der Türkei und den Dschihadisten: Der IS hatte im Juni das türkische Konsulat im nordirakischen Mossul gestürmt und 49 Menschen als Geiseln genommen. Die Geiseln waren nach mehr als hundert Tagen Gefangenschaft freigekommen.

Der IS hatte bereits im März gefordert, dass die Türkei ihre Soldaten von dem jetzt umstellten Mausoleum abzieht. Die Regierung in Ankara lehnte das ab und warnte, ein Angriff auf das Gelände werde als Angriff auf die Türkei gewertet.

35 Panzer richten ihre Geschütze nach Syrien

Inzwischen hat Ankara angesichts der Schlacht um die kurdische Stadt Kobane an der Grenze zu Syrien Truppen zusammengezogen. Die Streitkräfte hätten 35 Panzer in der Region aufgefahren, berichtet die regierungsnahe Zeitung "Sabah". Die Panzer haben demnach 400 Meter von der Grenze entfernt Stellung bezogen und ihre Kanonen auf Syrien gerichtet.

Die Zeitung "Hürriyet" meldet, Armeechef Necdet Özel warte nun mit den nächsten Schritten auf Beschlüsse des Parlaments. Die Abgeordneten in Ankara wollen am Donnerstag über Resolutionen entscheiden, mit denen die Regierung ermächtigt wird, militärisch gegen Terroristen in Syrien und im Irak vorzugehen.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte vergangene Woche eine Unterstützung der Türkei für internationale Militäroperationen gegen den IS nicht mehr ausgeschlossen, selbst Bodentruppen nicht. Er fordert die Einrichtung einer "Sicherheitszone" auf der syrischen Seite der Grenze, die von türkischen und internationalen Truppen geschützt werden könnte.

10.000 türkische Soldaten einsatzbereit

"Sabah" berichtete, 10.000 türkische Soldaten stünden dafür nach Verabschiedung der Resolutionen bereit, weitere 5000 Soldaten würden in Reserve gehalten. Die Zone solle sich 20 bis 30 Kilometer nach Syrien hinein erstrecken und Kobane umfassen.

Zuletzt hatten sich die Bewohner Kobanes mit einer drastischen Warnung gemeldet. Sie befürchten bei einer Eroberung durch die Terrormiliz IS ein Massaker. Die Zahl der Luftangriffe in der Region sei zu gering, und die Luftschläge seien zu weit weg von der Front, beklagen Augenzeugen, wie der US-Fernsehsender CNN berichtete. "Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen Waffen. Wir brauchen effektivere Luftschläge", sagte Idriss Nassan aus Kobane. Wenn es so bleibe, "werden wir ein Massaker sehen".

Die Extremisten stehen inzwischen nur noch vier bis sieben Kilometer von dem Ort entfernt, sagte der Präsident der selbst ernannten Regionalregierung von Kobane, Anwar Muslim, am Montag. CNN berichtet von drei Kilometern. Vor mehr als einer Woche hatte die Eroberung Dutzender Dörfer durch den IS im Umland von Kobane eine Massenflucht in Richtung der Türkei ausgelöst.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

kaz/mxw/dpa

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insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
optional_muenchen 30.09.2014
1. Jetzt aber!
Noch vor einigen Monaten hatten führende Geheimdienstler, der ehemaige Aussenminister und jetzige PM sowie Generäle über einen fingierten Angriff (false flag) genau auf dieses Mausoleum sinniert. Et voilá, so schnell kann´s gehen: fehlt nicht viel, dann kann die NATO hier zeigen, was sie drauf hat... Gut gemacht, Tayyip!
t dog 30.09.2014
2. Erdogan
sollte einfach Obama anrufen und US Luftschläge von türkischem Gebiet (Incirlik) erlauben. Die USA haben dort Drohnen und Jets. Dann ist es schnell vorbei mit den IS Panzern und sonstigem schweren Gerät. Somit wären die Kurden wieder dazu in der Lage sich selbst zu verteidigen. Schon aber irgendwie unlogisch das die USA nicht auch aus anderen Staaten heraus dazu in der Lage sind. Die Air Force hat doch schon eine sehr hohe Reichweite und hätte den Job schon vor langer Zeit erledigen können.
melea 30.09.2014
3. Zauberlehrling?
Das erinnert an Goethe's Zauberlehrling: Erdogan hat IS aktiv mit aufgebaut, jetzt wird er sie nicht mehr los und sie sind für sein Land eine ernste Besrohung! "Besen Besen, sei's gewesen".
klnowak 30.09.2014
4.
Falls diese Meldung so stimmt, würden 1100 "Ziele" auf recht engem Raum konzentriert und mit "pro-westlichen" Zielbeobachtern (türkische Soldaten) in Sichtweite, wohl ein lohnendes Ziel für die Luftschläge sein. Ob sich der IS eine solche Verlustrate leisten könnte ? Ein Angriff des IS auf diese türkischen Soldaten würde allerdings die Türkei auf jeden Fall in den Konflikt hineinziehen und entsprechende Reaktionen auslösen. Solch einen Gesichtsverlust (bei ausbleibender Reaktion) könnte sich die türkische Regierung sicherlich nicht leisten.
tinosaurus 30.09.2014
5. Seltsam
dass die Luftschläge nichts auszurichten vermögen. Dabei haben sich die Is-Kämpfer doch nicht eingegraben. Wenn die Amerikaner da wirklich Einsätze fliegen würden, dann müsste der belagerungsring locker zu knacken sein. Auch sind keine Zivilisten als Opfer zu beklagen. Oder man will den Kurden bewußt nicht helfen. Dann wäre das eine beispiellose Sauerei. Die Kurden sind zur Zeit die einzigen, die sich mutig und entschlossen der Isis in den Weg stellen. Für mich unverständlich, warum auch nicht Rakka richtig bombardiert wird. Dasa ist inzwischen alles schwer nachvollziehbar.
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