Kämpfe in Syrien Kurden rüsten zur Schlacht gegen den IS

Der "Islamische Staat" rückt gegen die syrische Stadt Ain al-Arab vor: Wer sie erobert, kontrolliert einen wichtigen Grenzübergang zur Türkei. Die Kurden in der Region organisieren die Verteidigung - sie kämpfen um ihr Leben.

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Inzwischen sind über hunderttausend Menschen geflohen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Der "Islamische Staat" (IS) rückt vor auf die syrische Stadt Ain al-Arab, die von den Kurden Kobane genannt wird. Seit Wochen legt der IS einen Belagerungsring um die Stadt an. Nun zieht die Miliz die Schlinge zu.

Wasser und Brot werden in Ain al-Arab langsam knapp. Seit Tagen schlagen immer wieder Geschosse ein. Der IS soll sogar mit Panzern, die er von der irakischen und syrischen Armee erobert hat, auf die Stadt vorrücken. Mehrere Dörfer in der Nähe wurden von den Radikalen bereits eingenommen. Bislang konnten die Kurden immer wieder erfolgreich Angriffe auf Ain al-Arab abwehren.

Die Stadt ist für den IS strategisch wichtig. Mit ihr würde den Radikalen ein weiterer Grenzübergang zur Türkei in die Hände fallen. So könnten sie die von ihnen in Nordsyrien bereits eroberten Städte miteinander verbinden und ihre Gebiete konsolidieren; die zwei Grenzübergänge westlich und östlich von Ain al-Arab kontrolliert der IS bereits.

Sobald die Islamisten ihre Macht im Nordosten Syriens gefestigt haben, wäre für sie der Weg in den Nordwesten frei, wo sie bereits die Stadt Aleppo im Visier haben und den Grenzübergang Aasas, den sie zu Beginn des Jahres an eine Koalition syrischer Rebellengruppen verloren hatten.

Ain al-Arab war die erste Stadt unter Kontrolle der Kurden

Der gemeinsame Feind IS schweißt nun erstmals arabische und kurdische Milizen in Syrien zusammen. Vor knapp zwei Wochen verkündeten sie die "Vulkan von Euphrat"-Koalition. Zuvor standen sich Syriens Rebellengruppen und die kurdischen Milizen jahrelang sehr skeptisch gegenüber.

Für die Kurden wäre der Fall von Ain al-Arab ein schwerer Schlag. Jahrzehntelang wurden sie von Baschar al-Assads Regime unterdrückt. In den Wirren des Bürgerkriegs hatten sie versucht, sich eigene Enklaven zu schaffen nach dem Vorbild der irakischen Kurden. Allerdings sind die Kurden in Syrien weniger zahlreich als im Irak. Sie kontrollieren auch keine großen zusammenhängenden Gebiete, sondern teilen sich viele Städte mit syrischen Arabern und anderen Bevölkerungsgruppen.

Die "Volksverteidigungseinheiten" (YPG), der syrische Ableger der als Terrororganisation eingestuften PKK, hatten im Juli 2012 die Kontrolle über Ain al-Arab vom syrischen Regime übertragen bekommen. Sie wurde damit zur ersten Stadt unter vollständiger Kontrolle der Kurden, genauergenommen der YPG. In anderen Orten wie Kamischli und Hasaka herrschte die YPG nun mit dem syrischen Regime gemeinsam.

Erstmals konnte in Ain al-Arab offen kurdischer Sprachunterricht in Schulen stattfinden. Die YPG hängte die allgegenwärtigen Bilder von Diktator Assad ab und ersetzte sie durch Porträts von PKK-Führer Abdullah Öcalan. Kurden, die gegen die neue YPG-Macht protestierten, wurden verhaftet und verprügelt; manche Kritiker kamen unter ungeklärten Umständen ums Leben, berichtete die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch".

Sieben Millionen Menschen sind in Syrien auf der Flucht

In der syrischen Vielvölkerstadt Ain al-Arab lebten Araber, Kurden und Armenier jahrzehntelang zusammen. Wegen der vergleichsweise sicheren Situation war sie in den vergangenen zwei Jahren zum Zufluchtsort für viele Flüchtlinge geworden - ähnlich wie die rund hundert Kilometer entfernte Großstadt Rakka, die dann aber vom IS eingenommen wurde. Nun erreicht der Bürgerkrieg die Menschen auch in Ain al-Arab.

Die meisten Syrer sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht, knapp sieben Millionen Menschen von einer Bevölkerung von einst knapp 23 Millionen, schätzt die Uno. Über drei Millionen leben bereits als Uno-registrierte Flüchtlinge in den Nachbarländern. Syrien ist damit nach Angaben der Vereinten Nationen die größte humanitäre Katastrophe in der Geschichte der Uno.

Anders als beispielsweise Alawiten in Syrien oder Jesiden im Irak müssen Syriens Kurden als Sunniten theoretisch nicht befürchten, vom IS als Häretiker exekutiert oder zur Konversion gezwungen zu werden. Doch sicher sein können sie sich nicht: Am 29. Mai brachten IS-Kämpfer in dem jesidischen syrischen Dorf Talalije 15 Sunniten um, weil sie sie für Jesiden hielten. Diese beteuerten zwar, Muslime zu sein und zitierten Verse aus dem Koran. Doch von den IS-Kämpfern verstand nur ein einziger Arabisch. Viele der radikalen IS-Kämpfer sind Ausländer.

Hunderttausende Sunniten leben im Irak und in Syrien bereits unter Kontrolle des IS. In den eroberten Gebieten führt der "Islamische Staat" drakonische Regeln ein, die besonders Frauen hart treffen. Gleichzeitig ziehen mit den Radikalen in den vom Krieg zerrütteten Regionen allerdings auch wieder Stabilität, gute Löhne und eine regelmäßige Lebensmittelversorgung ein. Der IS versucht, mit Zuckerbrot und Peitsche seine Herrschaft zu festigen.

insgesamt 89 Beiträge
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oneil57 22.09.2014
1. Wer kämpft eigentlich gegen wen
in Syrien? Die Kriegsparteien, wie die "moderate" freie syrische Armee, der jetztige Machtinhaber und die vielen Splittergruppen sollten sich jetzt zusammenraufen um gegen die ISIS zu kämpfen, hinterher kann man sich immer noch bekriegen. Zynisch? Ja vielleicht, aber ich fürchte viele Gruppen sympathisieren mit der ISIS.
jenli 22.09.2014
2. Der Westen wird sich wohl ...
... damit abfinden müssen, dass sich dort ein Gebilde entwickelt mit eigenem Staatsgebiet und einer durch Vertreibungen homogenen sunnitischen Bevölkerung, das durch Bombenangriffe nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Keine guten Aussichten für Europa, das aus dieser Weltgegenden mit hohem islamistischen Druck wird zu rechnen haben.
stowolle 22.09.2014
3. Deutsche Waffen für die Islamisten!
Die Nachrichtenagentur Firat berichtet, dass nach Angaben von Augenzeugen türkische Soldaten dem IS am Morgen des 20. September mit fünf Militärfahrzeugen Waffen und Militärgerät geliefert haben. Die Übergabe soll zwischen den Dörfern Qeremox und Eny El-Bat im Osten von Kobanê stattgefunden haben. Dieselben Augenzeugen sprechen davon, dass sich unter den Waffenlieferungen unter anderem Mörsergranaten und schwere Geschütze befunden haben sollen. Im Übrigen ist hier anzumerken, dass der große Teil der türkischen Bewaffnung aus deutschen Waffenexporten und Geschenken im Rahmen der NATO-Partnerschaft stammen!
ernie78 22.09.2014
4. Die Terrororganisation pkk ist eine organisation, ...
die selbst die kurden unterdrückt-tötet, wenn sie keine unterstützung erhält. Da kann man von Freiheitskämpfer nicht kämpfen, da sie zudem mit Demokratie nicht am Hut haben. Abweichler in der Organisation werden gnadenlos verfolgt und getötet. Sie finanzieren sich mit Drogenverkauf und Schutzgelderpressung.
osmanian 22.09.2014
5. 2 Gewinner
İn Syrien wechseln sich ständig die Gewinner..momentan reiben sich die Esad Truppen und Erdogan die Hände da die PKK und ISID sich gegenseitig vernichten werden..
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