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Kommentar zum Sturz von Despoten: Diktatoren schützen nicht vor Chaos - sie schüren es

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Chaos in Syrien: Rebellen in der Provinz Hama Zur Großansicht
REUTERS

Chaos in Syrien: Rebellen in der Provinz Hama

Autoritäre Regime gelten manchen als Hort der Stabilität. Das Gegenteil ist der Fall. Weil Diktaturen Konflikte nicht friedlich lösen können, führen sie nahezu zwangsläufig zu Gewalt und Anarchie.

Was vom Arabischen Frühling übrig blieb, ist erschreckend. Gewalt und Elend drohen auf Jahrzehnte das Leben der Menschen am Rande Europas zu bestimmen. Die radikale Bewegung "Islamischer Staat" breitet sich aus. "Das letzte Jahrzehnt hat gezeigt, dass es etwas Schlimmeres geben kann als Diktatur: Bürgerkrieg und Chaos", schreibt Kollegin Christiane Hoffmann im aktuellen SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE. Stabilität sei ein Wert an sich, und der werde von "funktionsfähigen Diktaturen" gewährleistet.

Dieser Gedanke ignoriert ein zentrales Problem: Diktaturen garantieren nur für eine bestimme Phase eine Art von Stabilität - auf Kosten vieler Menschenleben. Stets brechen sie irgendwann zusammen. Häufig enden sie in jenem Chaos, vor dem sie eigentlich Schutz versprechen.

Chaos und Krieg sind die Folge von Diktaturen

Denn es gibt in Diktaturen keine Mechanismen, um Streitfragen friedlich zu lösen. Probleme werden so lange unterdrückt, bis das System an ihnen zusammenbricht. Schon der kleinste Konflikt kann eine Diktatur an den Rand des Abgrunds führen. Es reicht aus, dass viele junge Leute auf den Arbeitsmarkt drängen, für die es nicht genug Jobs gibt. Schon sind Diktatoren überfordert.

Unterdrücker können nicht abgewählt werden. Wenn das Volk von ihnen genug hat, bleibt den Unzufriedenen nicht viel übrig. Gehen sie auf die Straße, wird auf sie geschossen. Die Diktatoren lehren ihre Bevölkerung: Nur Gewalt löst Konflikte. Es ist ein vergiftendes Erbe für die Zeit nach dem Diktator.

Verschwindet ein Diktator, verschwindet oft der Staat

Dort, wo Macht keine Rechenschaft ablegen muss, ist zudem die Versuchung des Machtmissbrauchs besonders groß. An die Stelle des Staats treten mafiaähnliche Strukturen. Die Korruption höhlt Institutionen aus, bis davon kaum noch etwas übrig ist. Verschwindet der Diktator, verschwindet daher mit ihm manchmal auch der Staat. Versagende Staaten sind immer das Ergebnis von Diktatorenherrschaft - und nun sollen sie plötzlich zu ihrer Rechtfertigung dienen?

Christiane Hoffmann scheint zu glauben, dass Menschen entweder als Demokraten geboren werden oder nicht. Das ist ein Irrtum. In Deutschland waren es teils dieselben Menschen, die das Experiment Demokratie in den Dreißigerjahren scheitern ließen und ihm dann in den Fünfzigern zum Erfolg verhalfen. Dazwischen lag die schlimmste Diktatur der Menschheitsgeschichte.

Es ist sehr schwierig, auf den Trümmern autoritärer Herrschaft eine Demokratie zu zimmern. Doch die Geschichte lehrt, dass es möglich ist. Ganz Osteuropa und weite Teile Südamerikas bestanden bis vor wenigen Jahrzehnten aus Diktaturen. Jetzt sind es Demokratien, die mal besser und mal schlechter funktionieren - aber zumindest weit entfernt sind von jener Anarchie, die es angeblich zu fürchten gilt.

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insgesamt 199 Beiträge
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1. Bitte differenzierter
random5342452 30.09.2014
Das klingt für mich etwas nach blindem Idealismus und schwarz-weiß-Denken. Nicht jede Diktatur gleicht der anderen und es gibt durchaus Diktaturen die über Jahrzehnte bestehen können und den Menschen so etwas wie Stabilität bringen. Das unermessliche Leid, dass eine gestürzte Diktatur mit sich bringen kann, können wir jetzt erfahren. Anarchie ist in dem Fall das größere Übel.
2. born to govern
nomadas 30.09.2014
Caesar - Kaiser - Diktator ...von Gottes Gnaden, berufen zu herrschen. Der kurze Legitimationsstrang sagt alles. Seit Jahrtausenden immer der gleiche tödliche Unsinn. Systemisch betrachtet, erheben sich welche über andere. Und durch die Brille des Polaritätsgesetzes gesehen, heißt das nichts anderes, als dass Konflikte sich gleichsam zwingend bedingen. Ein Despot ruf zwangsläufig die Revolte hervor. Diese geht zu Ende und bringt meist einen neunen "Chef" hervor. Anders gesagt: Nieder mit dem König, es lebe der König. Der Ausweg, aus dem Teufelskreis ist spätestens seit Jesus, vor 2000 Jahren, bekannt. Kehret um, liebe deine Feinde und werde wie die Kinder, denn ihnen ist das Himmelreich. Doch, Pustekuchen, selbst die Mutter Kirche hat darauf keinen Bock. Also, liebe Menschheit, weiter so, bis zur bitteren Neige. Aber keine Sorge, in god they trust!
3. Chapeau
Sie nanten ihn Hombre 30.09.2014
Gute Replik Frau Salloum. Danke für die Klarstellung. Sie nannten ihn Hombre
4. Das Eiapopeia von Freiheit und Demokratie
frankasten 30.09.2014
Einer Demokratie, in der die Lobbyisten der oberen Zehntausen alles fest im Griff haben und Parteien zu straff organisierten Erfüllungsgehilfenvereinen verkommen sind. Eine Freiheit, die sich alleine durch das protestantische Freiheitsbild des marktkonformen Liberalismus und entsprechender Selbstausbeutung definiert. Gut, man kann noch sagen und schreiben, was man will...noch. Das war es dann aber auch schon. Ob das dritte deutsche Reich die schlimmste Diktatur der Menschheitsgeschichte gewesen ist, wäre noch zu beweisen. Immerhin gibt es fast zeitgleiche Konkurrenz bei der Anwartschaft auf solch einen Titel, die UdSSR. Man befasse sich nur einmal mit der Zeit von 1919 bis 1953 und dabei insbesondere mit dem Territorium der heutigen Ukraine. Wenn ein Diktator ausbüchsen muß, ist seine Macht meist von innen her mit kräftiger äußerer Unterstützung ausgehöhlt worden. Ein Diktator behauptet sein Staatsgebilde regelmäßig ohne äußere Eingriffe. Inneren Widerstand hat er im Griff. Wenn er wegen Alters abtritt, hat ein Nachfolger dieselben Probleme, wie sie in Monarchien auf der Tagesordnung standen und stehen. Nicht zwingend sind dabei territoriale Integrität und Machterhalt in Gefahr, aber möglich ist das schon. In der marktkonformen freiheitlichen Demokratie ist die Macht beim Kapital- und Grundbesitz verortet und ich kann mich nicht erinnern, daß der jemals irgendwo zur Rechenschaft gezogen wurde. Seine Erfüllungsgehilfen werden "verbrannt", neue Erfüllungsgehilfen aufgebaut und weiter geht es wie gehabt.
5. Danke, Raniah Salloum,
proratio 30.09.2014
für diesen Beitrag! Demokratie ist eben mühselig und sicher nicht immer vollkommen, aber die Alternativen sind unerträglich.
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