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13. Oktober 2014, 20:12 Uhr

Vergewaltigungen im Irak

IS gibt Versklavung Tausender Frauen zu

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Die IS-Extremisten haben Tausende Irakerinnen versklavt und verkauft. Jetzt geben sie ihre Gräueltaten erstmals zu - und liefern eine zynische Begründung.

Tausende irakische Frauen und Kinder werden vermisst. Sie wurden Anfang August von den Anhängern des "Islamischen Staats" (IS) verschleppt. Die Dschihadisten drangen damals in den Nordwesten des Irak vor und erklärten gefangen genommene jesidische Frauen und Kinder zur Kriegsbeute. Die genaue Zahl der Entführten ist unbekannt. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen gehen von 2500 bis 7000 Verschleppten aus. Den meisten Jesiden - Hunderttausenden - gelang die Flucht.

Vor einem Monat hatte SPIEGEL ONLINE ausführlich über die Situation der verschleppten Frauen berichtet. Die ersten von ihnen wurden damals schon auf Märkten zum Kauf angeboten - als wären sie eine Ware. Der Menschenhandel dauert bis heute an. Die Frauen und Kinder sollen für ihre "Käufer" putzen, kochen, waschen und andere Hausarbeiten erledigen. Viele der Sklavinnen werden zudem Opfer sexueller Gewalt.

Jetzt hat sich der IS erstmals offiziell zum Schicksal der Frauen und Kinder geäußert. Im englischsprachigen Propagandamagazin der Gruppe heißt es, dass den Behörden des IS ein Fünftel der Gefangenen zugesprochen worden sei - sozusagen als staatliche Kriegsbeute. So habe es schließlich schon der Prophet Mohammed bei seinen Eroberungszügen gehalten. Die restlichen Frauen und Kinder seien unter den Männern verteilt worden, die an dem Feldzug gegen die Jesiden teilgenommen hatten.

Sex mit der Sklavin ist okay, mit der Freundin nicht

Von diesen Frauen und Kindern gelang manchen inzwischen die Flucht, und sie konnten Menschenrechtlern von ihren schrecklichen Erlebnissen berichten. Im aktuellen SPIEGEL erzählt eine 20-Jährige von ihrer Gefangenschaft. Viele jedoch blieben in der Gewalt der Kämpfer oder wurden von ihnen verkauft.

Das IS-Propagandaheft rechtfertigt die Wiedereinführung von Sklaverei auf besonders frauenverachtende Weise. "Mehrere zeitgenössische Islamgelehrte sagen, dass das Ende der Sklaverei zu einer Zunahme von unzulässigen sexuellen Aktivitäten (Ehebruch, Unzucht et cetera) geführt hat." Ein Mann, der sich noch keine Ehe mit einer Frau leisten könne, habe schlichtweg keine Scharia-konforme Sexalternative, schreibt das IS-Magazin.

Nun aber könne der Mann auch außerhalb der Ehe legalen Geschlechtsverkehr haben, denn, so die krude Logik der Dschihadisten: Sex mit einer Sklavin sei erlaubt, mit der Freundin jedoch nicht.

Ähnlich absurd ist auch die Empfehlung für verheiratete Männer: Das Hausmädchen zu missbrauchen, sei kein feiner Zug - es sei denn, es handele sich dabei um eine Sklavin. Die IS-Anhänger versuchen so schönzureden, dass sie Frauen vergewaltigen. Das internationale Recht hingegen ist eindeutig: Es betrachtet Versklavung als Verbrechen gegen die Menschheit.

Wer anders denkt, gilt als Verräter

Möglicherweise sind die IS-Propagandaschreiber selbst über ihre merkwürdigen Rechtfertigungen gestolpert. Denn zur Verstärkung ihrer Argumentation schieben sie nach, dass jeder Andersdenkende feige und dumm sei und ein Verräter des Islam. Dabei sind es die IS-Dschihadisten, die mit ihrer extremen Koran-Auslegung in der Minderheit sind. Millionen Muslime weltweit sehen Sklaverei nicht als Teil ihres Glaubens an.

Der IS verhält sich gegenüber den Jesiden, den schiitischen Turkmenen im Irak und den schiitischen Schabak besonders grausam. Festgenommene Männer wurden hingerichtet, Frauen und Kinder als Kriegsbeute versklavt und verkauft. Gläubige dieser Gruppen gelten gewissermaßen als vogelfrei - anders als etwa Juden oder Christen, die unter bestimmten Bedingungen toleriert werden.

Christen können theoretisch in IS-kontrollierten Gebieten bleiben, solange sie Schikanen wie etwa eine Sondersteuer und den Status als Menschen zweiter Klasse akzeptieren. Tatsächlich aber sind die irakischen und syrischen Christen längst vor dem IS geflohen und ließen all ihr Hab und Gut zurück. Selbst ihr Schmuck wurde ihnen an den Checkpoints des IS abgenommen.

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