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Vier Jahre Krieg in Syrien: Es begann mit einem Kinderstreich

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Mehr als 220.000 Tote, vier Millionen Flüchtlinge, Zehntausende ausländische Kämpfer: Vor vier Jahren begann der Krieg in Syrien. Wie kam es dazu? Warum gelingt keine Befriedung des Landes? Der Überblick.

Es war ein Kinderstreich mit Folgen, die den ganzen Nahen Osten erschüttern. Im März 2011 sprühten 15 Teenager im südsyrischen Deraa Graffiti an die Wand: "Das Volk will den Sturz des Regimes." Diesen Slogan hatten sie im Fernsehen gehört: Es war der Hall des "Arabischen Frühlings" aus Tunesien, Ägypten und Libyen.

Der örtliche Sicherheitschef Atef Najib, ein Cousin von Baschar al-Assad, ließ die Jugendlichen verhaften und foltern. Ihren empörten Eltern, Mitgliedern einflussreicher Stämme, sagte Najib: "Geht nach Hause und macht neue Kinder." Die Beleidigung ließ den Zorn aufflammen.

In Deraa kam es zu Demonstrationen, ein im Geheimdienststaat Syrien unerhörter Vorgang. Damaskus reagierte mit Härte: Die Regierung schickte Panzer und Militärs. Doch zu spät, der Geist war aus der Flasche. Die Proteste gegen das Regime weiteten sich aus. Manche bewaffneten sich, aus den Aufständen wurde ein Bürgerkrieg. Dies machte sich der "Islamische Staat" (IS) zunutze und breitete sich dort aus, wo der Staat zusammengebrochen war.

Selbst im hintersten Winkel gibt es keine Sicherheit

An diesem Sonntag beginnt das fünfte Jahr der Gewalt in Syrien. Inzwischen gibt es wohl keine syrische Familie mehr, die verschont blieb. Selbst im abgelegensten Winkel des Staates erfasst sie der Krieg: Aus den Dörfern im Dreiländereck zwischen Nordostsyrien, dem Irak und der Türkei verschleppte der IS vor kurzem mindestens 220 christliche Syrer. Bisher sollen nur 19 wieder freigelassen worden sein.

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Was bedeuten vier Jahre Krieg für ein Land und sein Volk? Eine Auswertung der Uno-Berichte über Syrien ergibt eine erschütternde Bilanz:

Niemand weiß genau, wie viele Menschen bereits getötet wurden. Über die Zahl der Opfer gibt es nur Mindestangaben. Gruppen wie die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" mit Sitz im englischen Coventry dokumentieren die Namen der Toten, wenn sie diese verifizieren können. Wenn eine ganze Familie unter Trümmern begraben wurde, fällt das jedoch schwer. Die Uno teilte deshalb 2014 mit, keine Zahlen mehr zu veröffentlichen, tat es dann aber doch. Sie geht davon aus, dass bisher mindestens 220.000 Syrer getötet wurden.

Nicht Giftgas oder der IS sind am gefährlichsten, sondern die Bomben. Der Anschlag von Damaskus 2013 war das bisher schlimmste Giftgasattentat des 21. Jahrhunderts mit Hunderten Toten, vor allem Kindern und Frauen. Noch immer setzt das syrische Regime Chlorgas ein. Das unsichtbare Gift soll vor allem Angst machen. Getötet werden dadurch meist nur wenige. Der IS hat zwar in Syrien vermutlich mehrere tausend Zivilisten ermordet. Doch selbst das ist vergleichsweise wenig angesichts der Zehntausenden Familien, die vor allem durch Luftangriffe des Regimes in ihren Häusern begraben oder durch die gefürchteten Fassbomben tödlich verletzt wurden.

Tod in den Trümmern: Syrische Freiwillige retten einen Jungen in Aleppo 2014 nach einem Fassbombenangriff des Militärs. Zur Großansicht
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Tod in den Trümmern: Syrische Freiwillige retten einen Jungen in Aleppo 2014 nach einem Fassbombenangriff des Militärs.

Die Lebenserwartung ist von 76 auf 56 Jahre gefallen. Die medizinische Versorgung ist in vielen Teilen Syriens zusammengebrochen. Wer als Diabetiker oder Herzkranker auf Medikamente angewiesen ist, kann diese nur noch schwer bekommen. Zudem sind die Preise gestiegen. Vor 2011 stellte Syriens Pharmaindustrie 90 Prozent der benötigten Medikamente selbst her. Doch seitdem müssen teure Arzneien importiert werden. Die können sich viele nicht mehr leisten: Vier von fünf Syrern leben inzwischen in Armut. Sie können sich nicht einmal genügend zu essen kaufen. Die Arbeitslosigkeit ist zwischen 2011 und 2014 von 14,9 Prozent auf 57,7 Prozent angestiegen.

Die meisten Kinder gehen nicht mehr zur Schule. Eine verlorene Generation wächst in Syrien heran. Über die Hälfte der Sechs- bis Zwölfjährigen waren im vergangenen Jahr nicht in der Schule. Ein Viertel der Kinder im schulpflichtigen Alter hat bereits seit drei Jahren keinen Unterricht mehr besucht. Vielerorts ist der Schulweg zu gefährlich, oder die Lehrer sind auf der Flucht. In den vom IS kontrollierten Gebieten haben die Dschihadisten die Schulen übernommen. Viele Eltern verstecken ihre Kinder zu Hause, damit sie nicht von den Radikalen umerzogen werden.

Alle 15 Sekunden wird ein Syrer zum Flüchtling. Vier Millionen Syrer leben nach Uno-Angaben als Flüchtlinge in den Nachbarstaaten. Zudem haben bereits knapp 220.000 Syrer in europäischen Ländern Asyl beantragt. In Syrien selbst sind weitere acht Millionen Menschen auf der Flucht. Die Tendenz in allen drei Fällen steigend. Insgesamt zwölf Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren. Syriens Bevölkerung wird deshalb nur noch auf 17 Millionen geschätzt. Weltweit gibt es außer den Palästinensern keine größere Flüchtlingsgruppe.

Warten auf Essen: 2014 durfte erstmals seit Langem ein Uno-Hilfskonvoi in den Stadtteil Jarmuk von Damaskus. Er wird von Syriens Militär belagert. Zur Großansicht
REUTERS/ UNRWA

Warten auf Essen: 2014 durfte erstmals seit Langem ein Uno-Hilfskonvoi in den Stadtteil Jarmuk von Damaskus. Er wird von Syriens Militär belagert.

Der Schaden ist viermal so hoch wie die Wirtschaftsleistung vor dem Krieg. Auf rund 190 Milliarden Euro schätzt die Uno den Schaden. Syrien befindet sich in einem schlimmeren Zustand als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Von seinen drei wichtigsten Städten sind zwei nahezu vollständig zerstört. Fünf seiner sechs Weltkulturerbe-Stätten sind beträchtlich beschädigt. Unzählige kleine Städte wurden verwüstet - oft so schwer, dass an einen Wiederaufbau gar nicht zu denken ist. Kobane etwa soll neben den Trümmern neu gegründet werden. Im Uno-Entwicklungsranking lag Syrien 2011 mit Rang 113 im Mittelfeld. 2014 war es nur noch Rang 173 von 187 Ländern.

Ausländische Kämpfer beeinflussen Syriens Schicksal. Beim IS kämpfen schätzungsweise rund 20.000 bis 30.000 ausländische Dschihadisten. Die Miliz schickt ihre Kämpfer zwischen Syrien und dem Irak hin und her. Ein Drittel Syriens steht unter Kontrolle des IS. Auf Seiten von Diktator Baschar al-Assad kämpfen ebenfalls Tausende Ausländer: schiitische Dschihadisten aus dem Libanon, Iran, dem Irak und sogar Afghanistan. Seit 2014 greifen auch die USA und mit ihnen verbündete arabische Länder durch Luftschläge gegen den IS militärisch in Syrien ein. Aus dem innersyrischen Konflikt wurde damit ein regionaler Krieg mit Tausenden Frontlinien und Akteuren. Das macht es so schwierig, ihn zu beenden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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1. Darum gelingt keine Befriedung des Landes!
K.Mett. 15.03.2015
Das Land ist ein Kunstprodukt in dem viele miteinander verfeindete Völker und Stämme leben. Im Irak, Jemen, Libanon und Libyen ist es nicht anders, ebenso im Iran und Jordanien.
2. Falsche Illustrierung
Timno 15.03.2015
Gerade bei einem so wichtigen Thema ist es sehr bedauerlich, wenn falsche Bilder zur Illustration genutzt werden. Insb. das 2. mit dem Untertitel "Warten auf Essen..." ist falsch. Es wurde von den Palästinensern vor einigen Jahren vorsätzlich produziert und missbräuchlich als Propaganda verwendet. Später wurde es als Fake entlarvt. Nun taucht es hier in wieder in einem neuen Zusammenhang auf. Man erkennt dies zB auch an der Bildquelle UNRWA. An die Redaktion: Bitte entfernt dieses Bild aus diesem Artikel, dies geht nicht mit seriöser Berichterstattung überein!
3. Richtig - so einfach ist es eigentlich!
_Flyn_ 15.03.2015
Zitat von K.Mett.Das Land ist ein Kunstprodukt in dem viele miteinander verfeindete Völker und Stämme leben. Im Irak, Jemen, Libanon und Libyen ist es nicht anders, ebenso im Iran und Jordanien.
Konfessionen und Religionen müssen dort Länder-Grenzen bilden und nicht diese kolonialen Kunstprodukte. Solange dies nicht in die Köpfe geht, wird dieser Krieg weitergehen. Aber das setzt voraus, dass sich endlich mal Iran, Saudi-Arabien, Katar und vorallem und besonders Russland und USA sich mal aus dieser Region raushalten würden.
4. Ziel erreicht
keine Zensur nötig 15.03.2015
Der Staat Syrien spielt als Feind geopolitischer Irrer keine Rolle mehr. Das Land wurde und wird derart verheert, dass es keine Zukunft mehr ohne ausländische Hilfe haben wird. Herr Assad ist alles andere als ein Waisenknabe und Freund von Demokratie und Menschenrechten. Eines muss man ihm lassen - bezüglich der Glaubensgrenzen gab es mit ihm kaum Probleme und die Rechte der Frauen und Kinder haben bei ihm einen höheren Wert als bei den ausländischen Interventen aller Couleur. Ich habe in der Nachbarschaft seit einiger Zeit syrische Nachbarn, die eigentlich aus Aleppo stammen. Deren Berichte über die Vorgänge in Syrien weichen erheblich von den westlichen Nachrichten ab, die bisher kamen. Der SPON-Artikel hier ist eine gute und nüchterne Bestandsaufnahme.
5. Der Preis ist hoch
niktim 15.03.2015
Zitat von K.Mett.Das Land ist ein Kunstprodukt in dem viele miteinander verfeindete Völker und Stämme leben. Im Irak, Jemen, Libanon und Libyen ist es nicht anders, ebenso im Iran und Jordanien.
Das Kunstprodukt Syrien ist richtig. Aber deshalb findet dieser Bürgerkrieg nicht statt. Er wurde ins Land getragen und zwar von Außen. Die Glückbringer sind gescheitert wie im Iran, libyen, Ägyten Jemen , Irak usw. mit dem Ergennis von Millionen Flüchtlingen und über 200000 Toten.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Imad Khamis

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Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.


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