Europäerinnen und der "Islamische Staat" Was Frauen in den Dschihad zieht

Unter den Europäern, die sich den Radikalislamisten in Syrien anschließen, sind Hunderte Frauen. Ihre Beweggründe unterscheiden sich kaum von denen der Männer. Allerdings ist eine Rückkehr in die alte Heimat für die Frauen nahezu unmöglich.

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Berlin - Wahrscheinlich sind bereits mehrere Hundert Mädchen und Frauen nach Syrien gereist, um sich dort den Radikalislamisten anzuschließen. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass unter den nach Syrien gereisten kampfbereiten Deutschen zehn Prozent Frauen sind. Bei den Franzosen sollen es sogar 25 Prozent sein.

Was bringt Mädchen und Frauen dazu, sich einer Gruppe anzuschließen, die Mädchen und Frauen verkaufen und versklaven? Nicht alle der Auswanderinnen sind Ehefrauen von Radikalisierten, die ihrem Mann folgen. Viele verlassen Europa allein. Was treibt diese jungen Frauen an?

Sozialwissenschaftler, Psychologen und andere Forscher beschäftigen sich mit dieser Frage. Auf Basis ihrer Untersuchungen lassen sich verschiedene Motivationen erkennen. Eine Person kann natürlich mehrere Beweggründe gleichzeitig haben. Ihre Motive unterscheiden sich kaum von denjenigen der westlichen Jungen und Männer, die nach Syrien reisen.

  • Orientierung: Der "Islamische Staat" (IS) mit seinen klaren Kategorien von "Gut" und "Böse" spricht moralisierende Teenager und junge Erwachsene an. Von ihren Mitmenschen im Westen sind sie enttäuscht. "Meine Tochter will nicht mehr ihre alten Freunde treffen, weil sie 'unrein' sind", sagte eine Mutter der Anthropologin Dounia Bouzar, die in Paris das Präventionszentrum gegen Radikalismus (CPDSI) leitet und einen Forschungsbericht über die französischen Dschihad-Ausreisenden veröffentlichte. Die Reise nach Syrien ist für sie auch die Suche nach Gleichgesinnten. "Manche suchen einen Ehemann, der genauso tugendhaft ist wie sie", sagt die schweizerische Forscherin Géraldine Casutt. Sie promoviert über muslimische Frauen aus dem Westen, die nach Syrien ziehen.

  • Rebellion gegen die Eltern: Häufig stammen die französischen Teenagerinnen aus Familien, in denen Religion kaum praktiziert wird oder die Eltern sogar Atheisten sind, beobachtet die Forscherin Casutt. Die Hinwendung zu einer extremen Islam-Auslegung wirkt da wie eine besonders drastische Abnabelung. "Meine Tochter verkündete mir, sie habe mir nichts mehr zu sagen, weil ich Atheistin bin", erzählte eine Mutter der Forscherin Bouzar.
  • Selbstbestimmung: Viele der Syrien-Reisenden fühlen sich in ihrer westlichen Heimat als Muslime nicht angenommen. Manche europäischen Länder haben Gesetze erlassen, die das Tragen von Kopftüchern beschränken oder die Burka ganz verbieten. "Diese Mädchen und Frauen wollen ein Umfeld, in dem sie so leben können, wie es ihren religiösen Vorstellungen entspricht", sagt Forscherin Casutt. "Sie betrachten die westliche Vorstellung der Gleichheit zwischen Mann und Frau als Hirngespinst und bevorzugen stattdessen den Begriff der Komplementarität der beiden Geschlechter, wie sie, so glauben sie, von Gott gewollt ist."
  • Idealismus: Manche Frauen - und Männer - reisen nach Syrien, weil sie den Menschen dort helfen wollen. Dounia Bouzar bezeichnet sie als "Typus Mutter Theresa". Mädchen träumten häufig davon, als Krankenschwester oder Ärztin zu helfen, schreibt sie in ihrem Bericht. Sie seien vor Ort häufig schnell desillusioniert - spätestens dann, wenn sie feststellten, dass die vermeintlich guten Dschihadisten gar nicht die Syrer vor dem Regime schützen, sondern ebenfalls Unschuldige töten.

Casutt glaubt, dass es für desillusionierte Frauen noch schwieriger ist als für die Männer, sich von den Dschihadisten abzuwenden. Denn sie müssen bei Reisen durch IS-kontrollierte Gebiete einen männlichen Vormund dabeihaben. Eine Flucht allein zurück in die Heimat wird so nahezu unmöglich.

Für den IS ist es ein großer Propagandaerfolg, dass sich ihm auch junge Frauen anschließen. "Der 'Islamische Staat' will sich als Gesellschaftsmodell verankern", sagt Casutt. "Dafür ist es wichtig, dass sich ihm Männer und Frauen anschließen, die Familien gründen und so das dschihadistische Unternehmen fortwirken lassen."



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