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"Islamischer Staat": Ein Jahr Terror - fünf Erkenntnisse

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Kämpfer des "Islamischen Staats" in Mossul (im Juni 2014): Rasche Übernahme Zur Großansicht
REUTERS

Kämpfer des "Islamischen Staats" in Mossul (im Juni 2014): Rasche Übernahme

Die Kämpfer des "Islamischen Staats" terrorisieren den Irak und Syrien - vor einem Jahr begann ihr Feldzug. Was haben wir in dieser Zeit über die brutalen Islamisten gelernt? Fünf Fakten.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) kamen aus dem Nichts - so fühlte es sich zumindest an. Genau ein Jahr ist es her, dass die Terroristen die internationale Gemeinschaft aufschreckten. Dann ging alles ganz schnell. In Falludscha, Mossul und in den Jesiden-Gebieten des Nordirak: Überall wehte plötzlich die schwarze Fahne der Islamisten. Ihr Aufstieg hatte sich abgezeichnet, er war akribisch vorbereitet.

Mit seiner fundamentalistischen Ideologie und äußersten Brutalität erinnert der IS ans Mittelalter. Das ist Absicht: Der IS will sich selbst als den einzig wahren Nachfolger des muslimischen Propheten Mohammed (7. Jahrhundert) inszenieren. Dass die weltweit rund zwei Milliarden Muslime ihren Glauben durchaus unterschiedlich leben, interessiert dabei wenig.

Bei allem martialischem Getue geht der IS durchaus mit der Zeit: Die Terrorgruppe ist technologisch hochgerüstet, agiert kalkulierend und grundsätzlich opportunistisch. Sein Vorläufer war Iraks al-Qaida, die nach dem US-Einmarsch 2003 entstand. Seitdem hat sich die Miliz grundlegend verändert. Ihr Projekt eines "Kalifats", eines eigenen Staats auf irakischem und syrischem Territorium lockt in der internationalen Dschihad-Szene wie kein anderes.

Viele Fragen über die Terrorgruppe sind noch unbeantwortet. Für Pressevertreter ist der Kontakt schwierig, Journalisten können in Gebieten unter IS-Kontrolle nicht frei recherchieren. Sie müssen sich an die Zensurregeln halten, die die Miliz ihnen auferlegt, und werden bei ihrer Arbeit stets überwacht.

Doch es gibt andere Wege: Journalisten können Augenzeugen und Aussteiger befragen, Dokumente und Daten auswerten. Sie können in der Vergangenheit forschen und Spuren untersuchen, die die heutigen IS-Kader hinterließen, bevor sie sich der Miliz anschlossen und abtauchten.

Aus den Beobachtungen und Gesprächen lassen sich einige Fakten über den "Islamischen Staat" destillieren:

1. Der IS ist den Taliban ähnlicher als al-Qaida: Er begeht nicht nur vermeintlich spektakulär inszenierte Morde, sondern will vor allem Gebiete beherrschen. Dazu braucht der IS auch einheimische Verbündete, die er mit Geld bei Laune hält. Der restlichen Bevölkerung zwingt er seine grausamen Regeln auf. Manche arrangieren sich damit, denn der IS verspricht den vom Bürgerkrieg geplagten Menschen Stabilität. Zudem ähnelt sein Spitzel- und Foltersystem den Vorläufer-Regimen. Für viele Syrer und Iraker ist es nicht ungewohnt, dass sie sich vor ihren Herrschern hüten müssen.

2. Der IS hat mehr PR-Beauftragte als manche Regierung: Er kontrolliert genau, welches Bild von ihm verbreitet wird. Ziel ist es, mit geschönten Berichten neue Anhänger nach Syrien zu locken. Gleichzeitig sollen Gräuelvideos Kritiker einschüchtern und Gegner terrorisieren. Dazu beschäftigt der IS festangestellte Medienexperten (Kameramänner, Social-Media-Beauftragte). Auch Freiwillige im Ausland verbreiten seine Eigenwerbung. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass auf Twitter über 46.000 Accounts die Werbung der Terroristen verbreiteten.

Iraker auf der Flucht: Tausende Menschen mussten vor dem IS bereits fliehen Zur Großansicht
Getty Images

Iraker auf der Flucht: Tausende Menschen mussten vor dem IS bereits fliehen

3. Der IS verdankt sowohl den USA als auch Saddam Hussein viel: Der IS-Vorläufer, die irakische al-Qaida, formierte sich gegen die US-Besatzung. Viele seiner jetzigen Kader lernten sich in US-Haft im Irak kennen. Und nicht wenige wichtige IS-Köpfe sind Ex-Geheimdienstler und -Militärs von Saddam Hussein. Von dem gestürzten Diktator lernten sie zu herrschen, mit Brutalität und einem Netz von Spitzeln.

4. Der IS ist eine reiche Miliz, doch das "Kalifat" muss bluten: Die Öl-Einnahmen der Terroristen sind durch die internationalen Bombardierungen drastisch gesunken. Sie finanzieren sich nun hauptsächlich aus Plünderungen. Die Dschihadisten lassen Kunstschätze verscherbeln, Unternehmer, Ladenbesitzer und Bauern müssen Zwangsabgaben leisten. Gleichzeitig sorgt der IS aber kaum für öffentliche Grundversorgung in den eroberten Gebieten. Er sieht sich nicht in der Pflicht, sich um alle Menschen unter seiner Herrschaft zu kümmern. Profitieren dürfen vor allem seine direkten Unterstützer.

5. Die Stärke des IS ist die Schwäche seiner Gegner: Nach Jahren des Krieges gibt es in Syrien und im Irak keine schlagkräftigen nationalen Armeen mehr. Der IS hat diese bestehenden Konflikte geschickt genutzt und das Machtvakuum ausgenutzt. Er greift immer dort an, wo es gerade am einfachsten ist. So lange diese Konflikte nicht gelöst werden, wird es schwer, den IS zu besiegen.

Einfluss des IS (gelb) in Syrien und im Irak (Stand Juni 2015) Zur Großansicht
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Einfluss des IS (gelb) in Syrien und im Irak (Stand Juni 2015)

Im Irak hat sich die Front seit Juni 2014 nur geringfügig verändert: Bagdad verlor die Kontrolle über Ramadi. Doch Tikrit und das Sindschar-Gebirge westlich von Tal Afar konnten zurückerobert werden - nicht von der nationalen Armee, sondern von konfessionellen und ethnischen Milizen. Diese können jedoch nicht das gesamte irakische Staatsgebiet über ihre jeweilige Einflusszone hinaus zurückerobern.

In Syrien dagegen breitet sich der IS massiv aus. Das Land zerfällt immer weiter: Regimetreue und regimefeindliche Kämpfer reiben sich in dem Bürgerkrieg gegenseitig auf. Der IS breitet sich auf Kosten der beiden Seiten aus.

Stand im Juni 2015 in Syrien: Der IS (Grau) konnte sich ausbreiten Zur Großansicht
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Stand im Juni 2015 in Syrien: Der IS (Grau) konnte sich ausbreiten

Eine ähnliche Strategie verfolgt der IS auch in Libyen, wo er sich als dritte Partei in den seit Sommer 2014 wieder aufgeflammten Bürgerkrieg einmischt.

Drei Länder, drei Kriege, eine Bedrohung. Auch wenn der IS in einigen Teilen des Irak zuletzt Verluste hinnehmen musste: Ein Jahr nach dem Beginn ihres Siegeszugs halten die Dschihadisten in ihren Hochburgen die Macht. Ihr Aufstieg war rasant - der Kampf gegen die IS-Miliz wird wohl noch lange dauern.


Zusammengefasst: Vor einem Jahr bemerkte die Welt den IS - seitdem musste sie viel über die Islamisten lernen. Diese richten wie im Mittelalter, sind aber technologisch auf modernem Stand. Sie verfolgen eine kluge PR-Strategie und nutzen opportunistisch die Schwächen von Ländern wie Irak und Syrien aus.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Was wir aber seltsamerweise nicht erfahren
irukandji 11.06.2015
Wer kauft dem IS das Öl in diesen Mengen ab? Wer unterstützt IS finanziell noch? Wer liefert Waffen? Wer ermöglicht diese durchaud zu blockende Internetpräsenz? Wem nützt der IS?
2.
DMenakker 11.06.2015
Lernen heisst einen Zustand zu erkennen und daraus die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen. Im Falle des IS heisst das, dass punktuelle Aktionen Drohnenkrieg ectl. absolut wirkungslos ist sondern nur und ausschliesslich eine deutliche Eskalation hin zum echten Krieg gegen den IS Wirkung zeigt. Das ist bis heute nicht realisiert. Auch die konsequente Blockierung der Finanzströme des IS is nicht einmal in Ansätzen Realität. Denn nur dann, wenn die Jungs pleite sind, werden die Unterstützer laufen gehen. Dazu gehört aber, dass - weltweit - Aufkäufer von irakischen oder syrischen Kulturgütern eben nicht als ordnungswidrig handelnd sondern als echte Kriminelle ohne Chance auf Bewährung behandelt werden. Genauso jeder, der mit dem IS sonstige Geschäfte macht. Illegale Geschäfte mit kriminellen Regimes werden doch schon viel zu lange nur als lässliche Sünde behandelt. Wer mit kriminellen Regimes Geschäfte macht, ist genauso kriminell wie sein Geschäftspartner. Das gilt insbesondere für Ölhändler und für Banken. Notfalls muss man Regierungen zu entsprechenden Konsequenzen zwingen ( Türkei ) oder die Banken, wenn die Regierungen nicht mitspielen, zumindest radikal von allen internationalen Kontakten abklemmen. wie das geht weiss man seit Iran.
3. Korrektur
Korf 11.06.2015
Al-Quaida entstand nicht 2003 nach dem Irakkrieg, sondern wurde 1984 in Kabul mit massiver fianzieller Unterstützung der USA gegründet. Nachzulesen u. a. auf Wikipedia oder anderen sersiösen Quellen.
4.
abraxas63 11.06.2015
Aus dem Nichts kam es nur für Leute, die bis dahin konsequent die Realität verweigert hatten.
5. @Korf
spacemanbow 11.06.2015
Im Text steht "Iraks al-Qaida". Damit ist der Ableger gemeint nicht der Ursprung. Fakt 6 wurde allerdings vergessen: Der IS muss zwingend vernichtet werden.
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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