IS-Milizen gegen Jesiden "Diese Erde ist mit Blut getränkt"

Tausende Jesiden im Nordirak flüchteten vor den Attacken der IS-Terrormiliz in die Berge. Viele von ihnen starben dort. Trotz der US-Luftschläge gegen die Extremisten kehren die Vertriebenen nicht in ihre Dörfer zurück.

Jesiden auf der Flucht: Ihre Dörfer bleiben verwaist
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Jesiden auf der Flucht: Ihre Dörfer bleiben verwaist

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Ayman, 28, sagt, er bleibt in den Bergen, bis die Kämpfer des "Islamischen Staats" (IS) besiegt sind. Er wird wohl noch lange dort ausharren müssen. Seit Anfang August lebt und kämpft Ayman im Gebirge von Sindschar, im Nordwesten des Irak. Er gehört zu einer Truppe von schätzungsweise 800 Jesiden, die dort einen Pilgerort gegen IS-Milizen verteidigt.

Das Drama begann am 3. August, als Dschihadisten im Schutze der Dunkelheit den Ort Sindschar und die umliegenden Dörfer mit ihren zuvor von der irakischen Armee erbeuteten "Humvees" überrollten, hochgerüstet und furchtlos. Hier lebten überwiegend Jesiden, Angehörige einer religiösen Minderheit, die von den IS-Kämpfern als "Ungläubige" und "Teufelsanbeter" angesehen werden.

Bis zu 100.000 Jesiden flüchteten, viele Tausend von ihnen in die umliegenden Berge. Dort versteckten sie sich vor den Extremisten, bei 40 Grad, ohne ausreichend Wasser und Lebensmittel. Hunderte Menschen verdursteten, verhungerten oder erlitten einen Hitzschlag.

Wer in die Hände der Terroristen fiel, wurde auf der Stelle erschossen, geköpft oder bei lebendigem Leib begraben. Manche wurden vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder zu sterben. Tausende Frauen wurden vergewaltigt und als Sexsklavinnen auf den Märkten von Mossul verkauft, der neu eroberten Stadt im Osten des selbsternannten Kalifats. Das gleiche Schicksal erfuhren auch Christen und Schiiten - also alle, die aus Sicht der Dschihadisten "Ungläubige" waren.

Die Dörfer um Sindschar sind verwaist

Es war der drohende Tod von Tausenden von Jesiden in den Bergen, der dazu führte, dass die USA ein militärisches Eingreifen beschlossen. Präsident Barack Obama ordnete Luftschläge an. Mehrere Staaten lieferten inzwischen Waffen an die Peschmerga im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak. Kurdische Einheiten hatten bei dem IS-Angriff auf Sindschar eingegriffen und deren weiteren Vormarsch gestoppt - allerdings waren es nicht die Peschmerga gewesen, sondern Kämpfer des syrischen Ablegers der verbotenen PKK.

Mit den Luftschlägen wurden Kämpfer des IS teilweise zurückgeschlagen, die Menschen aus den Bergen konnten hinabsteigen und sich in Sicherheit bringen. Niemand von ihnen kehrte jedoch zurück in seine Heimat. Die Dörfer um Sindschar sind verwaist. Von den Bewohnern der Häuser fehlt jede Spur, vermutlich werden sie nie mehr zurückkommen.

"Diese Erde ist mit unserem Blut getränkt", sagt Ayman. "Die Bilder von unseren getöteten Angehörigen und unseren misshandelten Frauen werden wir nicht mehr aus unseren Köpfen bekommen." Außerdem sei ein Zusammenleben mit den früheren arabischen Nachbarn, die sie an den IS verraten und bei den Morden, Vergewaltigungen und Plünderungen mitgemacht hätten, nicht mehr möglich.

Die meisten Jesiden aus dem Nordirak würden inzwischen in Syrien oder in der Türkei leben oder in einem der Flüchtlingslager in den kurdischen Gebieten auf bessere Zeiten warten. Viele hofften auf eine Ausreise nach Europa. Von seinen drei Schwestern hat Ayman nichts mehr gehört. Sie waren von IS-Milizen gefangen genommen worden. Freunde hatten ihm erzählt, sie seien nach Mossul gebracht und dort verkauft worden. "Ich mag nicht daran denken, was ihnen zugestoßen ist", sagt er. Aus Wut über ihr Schicksal kämpft er.

Die Unterstützung ist bislang ausgeblieben

Es gibt nur Schätzungen über die Zahl der Opfer. Realistische Angaben gehen von etwa 12.000 getöteten und vermissten Jesiden aus Sindschar und Umgebung aus. Mindestens 2000 Mädchen aus der Region sind derzeit noch Geiseln von IS, etwa 25.000 Menschen haben kein Obdach mehr.

Für die meisten Mitglieder der Bürgerwehr, der Ayman angehört, sind die Berge nun ihr Zuhause. Ein Anführer ist der Deutsche Qasim Shesho. Auch er hält sich immer noch in den Bergen auf. Kürzlich traf er mit Vertretern der kurdischen Autonomieregierung zusammen. Sie versprachen mehr Waffen und militärische Unterstützung, aber die ist bislang ausgeblieben, sagen Kämpfer der Jesiden.

Zudem kontrollieren nach wie vor IS-Einheiten Teile der Region. Derzeit versuchen sie, den Nachschubkorridor ins Gebirge von Sindschar zu erobern, der auf syrischem Territorium liegt. Gelingt ihnen das, ist die Jesiden-Bürgerwehr von der Außenwelt abgeschnitten. Gelegentlich fliegen die USA Luftangriffe und bremsen den IS-Vormarsch, aber die Jesiden beklagen, dass eine Entspannung nicht in Sicht sei.

Außerdem steht der Winter vor der Tür, die Nächte sind bereits empfindlich kalt. In ein paar Wochen werden die Temperaturen unter null Grad sinken. Der Bürgerwehr und den Menschen in den Flüchtlingslagern stehen schwierige Zeiten bevor. Schon jetzt leiden viele unter Erkältungen und Lungenentzündungen.

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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KingTut 03.10.2014
1. Nachschubwege
Irgendwo müssen die IS-Terroristen ihren Nachschub herbekommen und dort sollte man bei den Luftschlägen ansetzen. Das massive Vorgehen der Terroristen erfordert ja einen ständigen Strom an Gütern und diesen gilt es zu unterbinden. Warum das bisher nicht gelang ist mir ein Rätsel.
wynkendewild 03.10.2014
2. Ist doch kein Heilmittel.
Die USA könnten doch auch ein oder zwei Fallschirmjägerbrigaden absetzen um so einen Sicherheitskorriodor für die Jesiden zu schaffen. Luftangriffe zumal nur mit Jagdbombern ausgeführt, dienen einzig und alleine der Begradigung der Front, können aber keine humanitäre Katastrophe unterbinden.
Horst Derrick 03.10.2014
3. Bin
ich hier im falschen film?ist der westen tatsächlich nicht in der lage diese geisteskranken zu stoppen,bei all dem militärischen vorsprung?wir sollten endlich alle militärischen mittel ausschöpfen um diese teufel zu stoppen und eleminieren
5michael5 03.10.2014
4. Srebrenica, Sarajevo, Foca etc.
liegen vergleichsweise ums nächste Eck. Anstelle des IS waren die Tschetniks bzw. Ustascha am vergewaltigen und morden. Wir schauten mehr als 3 Jahre zu. Wir hätten die Waffensysteme gehabt um diese marodierenden Kranken zu pulverisieren = wie jetzt. Der Wille alleine fehlt.
mka1983 03.10.2014
5. @Horst Derrick
Tja, was lernt man wohl (normalerweise) daraus. Keinen internationalen Waffenhandel. Der Panzerdeal mit Saudi-Arabien stinkt doch auch zum Himmel. Es wird der Tag kommen, wo all die Waffen, die wir verkaufen, gegen die Bundeswehr gerichtet sein werden. Die Amis haben einfach (vorsätzlich?) den Fehler gemacht, Waffen an eine arabische Armee herauszugeben, welche sich vorerst gegen Nichtmuslime richtet. Später ist dann wohl die Türkei fällig, aber die haben ISIS ja selbst gegründet, sollte ja demnach kein Bündnisfall werden.
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