Terrorgruppe IS-Miliz soll mehr als hundert "Deserteure" hingerichtet haben

Der "Islamische Staat" steht unter Druck: Die Miliz muss Niederlagen wegstecken, erobert kaum neue Gebiete. Und auch die Loyalität schwindet. Angeblich wurden mehr als hundert mutmaßlich abtrünnige Kämpfer aus dem Ausland hingerichtet.

Panzer in Rakka (Archivaufnahme): Die "Militärpolizei" fahndet
REUTERS

Panzer in Rakka (Archivaufnahme): Die "Militärpolizei" fahndet


Bagdad - Zuletzt war es das Sindschar-Gebirge, jene strategisch wichtige und hochsymbolische Bergkette im Nordirak. Auch dort kassierte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eine empfindliche militärische Niederlage, musste gegen eine Allianz aus kurdischer Peschmerga und internationalen Kampfjets zurückstecken. Die Mörderbande, die noch im Sommer ganze Regionen erobert hatte, steht unter Druck.

Das macht sich offenbar auch intern bemerkbar. Wie die "Financial Times" ("FT") und die Nachrichtenagentur dpa berichten, sollen zuletzt mehr als hundert ausländische Kämpfer der Miliz hingerichtet worden sein. Ihr mutmaßliches Vergehen: Sie hatten genug vom Kampf in den Reihen des IS und wollten aus Rakka fliehen. Der nordsyrische Ort gilt als Hauptstadt des vom IS ausgerufenen "Kalifats" zwischen Syrien und dem Irak. Sowohl die "FT" als auch dpa zitieren anonyme Informanten, die Einblick in die Abläufe des "Islamischen Staats" haben.

Demnach fahndet eine Art Militärpolizei in Rakka nach Männern, die nicht zum Dienst an der Waffe erscheinen. Dutzende Häuser seien bereits durchsucht worden. Kämpfer müssten inzwischen Dokumente bei sich tragen, die belegen, ob sie gerade auf einer Mission sein müssten. Wer nach der Fahnenflucht erwischt wird, muss mit der Todesstrafe rechnen.

Peschmerga entdecken im Sindschar ein Massengrab

Der IS hatte in den Sommermonaten binnen kürzester Zeit große Gebiete im Irak und in Syrien unter seine Kontrolle gebracht. Dabei nutzte sie ihre extrem mobilen Einheiten und das Chaos in vielen Regionen für einen raschen Vorstoß. Aus aller Welt hatten sich vor allem junge Männer der Terrorgruppe angeschlossen.

Zuletzt blieben die Erfolge allerdings aus, dafür häuften sich die Rückschläge und Verluste. Knapp 800 Kämpfer sollen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte innerhalb der ersten beiden Monate seit Beginn der Bombardements getötet worden sein.

Erst Mitte der Woche hatte die Terrormiliz eine Niederlage im Sindschar-Gebirge kassiert. Die Peschmerga hatten am Donnerstag in einer Offensive IS-Stellungen in dem Hochplateau angegriffen. Dabei gelang es ihnen, einen Korridor zum Sindschar-Höhenzug freizuschlagen. Der kurdischen Nachrichtenseite Rudaw zufolge rückten die Peschmerga am Samstagnachmittag bis in die zuvor vom IS beherrschte Stadt Sindschar südlich des gleichnamigen Gebirges ein. Der arabische Fernsehsender Al-Arabija berichtete, Sindschar sei bereits komplett zurückerobert worden.

Nach der Befreiung machten die Peschmerga-Kämpfer jedoch eine grausame Entdeckung: Sie stießen auf ein Massengrab mit Überresten von rund 70 Menschen. Laut Rudaw handelt es sich bei den Opfern um von der Terrormiliz getötete Jesiden. Der IS hatte seit August Tausende Flüchtlinge der religiösen Minderheit im Sindschar-Gebirge eingekesselt.

jok/dpa/AFP

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