Deutsche Waffen für den Nordirak Wie die Bundeswehr die Kurden aufrüstet

Tausende Gewehre, Raketen und Handgranaten: Mit einem großen Paket von Waffen modernisiert Deutschland die kurdische Armee. Wie die Bewaffnung abläuft und was das kostet - die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Peschmerga-Kämpfer im Irak: Neue Waffen aus Deutschland
REUTERS

Peschmerga-Kämpfer im Irak: Neue Waffen aus Deutschland


Berlin - Nach fast dreiwöchigen Beratungen und zwei Spitzenrunden bei der Kanzlerin wird Deutschland die Kurden nun aktiv im Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützen. Es ist ein radikaler Kurswechsel in der deutschen Außenpolitik. Zum ersten Mal seit Jahren engagiert sich Deutschland direkt in einem laufenden militärischen Konflikt und liefert an Waffen an die Peschmerga-Armee von Kurden-Präsident Massud Barsani.

Auch wenn einige Fragen noch offen sind, zeichnet sich bereits ab, wie diese Aufrüstung ablaufen soll.

1. Wann soll die Lieferung beginnen und wie läuft das ab?

Die Bundeswehr rechnet intern damit, dass man noch rund zehn Tage für die nötigen Papiere und Genehmigungen braucht, dann könnten die ersten Transall-Flieger mit den Waffen abheben. Da offiziell die irakische Zentralregierung Empfänger ist, gehen die Flüge zunächst nach Bagdad, werden dort inspiziert, dann geht es weiter in die Kurden-Hauptstadt Arbil.

2. Wem übergibt die Bundeswehr die Waffen?

Seit Tagen steht die Bundeswehr mit dem kurdischen Peschmerga-Ministerium in Kontakt. In Berlin plant man, dass man mit den Waffen sowie mit der Schutz- und Kommunikationsausrüstung zunächst einen Verband von rund 4000 Mann ausstattet, danach könnten weitere solche Verbände folgen. Die Details will die Bundeswehr über sechs bereits in Arbil stationierte Verbindungsoffiziere klären, derzeit laufen dort bereits erste Abstimmungen.

3. Was sollen die Kurden mit den Waffen erreichen?

Über die Aufrüstung der eigenen Einheiten sollen die Kurden vor Ort entscheiden, die Bundeswehr will den Prozess aber begleiten und die Militärs vor Ort beraten. Am Ende sollen die Peschmerga in der Lage sein, den Vormarsch des "Islamischen Staats" (IS) zu verhindern und möglicherweise auch verlorenes Gelände zurückzuerobern. Mit einer Offensive der Kurden über ihr eigenes Gebiet hinaus rechnet niemand.

4. Können die Kurden mit den deutschen Waffen überhaupt umgehen?

Die Bundeswehr hat absichtlich nicht die modernsten Waffen, die eine lange Einweisung benötigt hätten, für die Kurden ausgewählt. Bis auf die "Milan"-Panzerabwehrrakete müssten Standardgewehre wie das G36 oder die Technik wie Funkgeräte von den lokalen Soldaten bedient werden können, heißt es in der Truppe. Für die "Milan"-Ausbildung soll zunächst eine Gruppe von Kurden im Bundeswehr-Standort Hammelburg trainiert werden und die Kenntnisse dann an die Kameraden weitergeben. Falls nötig, würde die Bundeswehr auch unbewaffnete Ausbilder nach Arbil entsenden.

5. Wo kommt das Material her - und was kostet es?

Die gesamte Lieferung stammt aus Bundeswehrbeständen und hat einen Wert von rund 70 Millionen Euro. Die Truppe wird an die Kurden abgegebene Gewehre und Teile der Technik zwar sukzessiv nachbeschaffen müssen, für die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr spielt die Aufrüstung der Kurden aber keine Rolle, da man große Lagerbestände hat. Teile der Lieferung, zum Beispiel die "Milan"-Raketen oder die Fahrzeuge, waren bei der Bundeswehr bereits ausgemustert.

6. Wie kontrolliert Deutschland, dass die Waffen nicht in die falschen Hände geraten?

Ausschließen kann das niemand, das gibt die Bundesregierung erstaunlich offen zu. Von den Kurden will das Auswärtige Amt (AA) eine sogenannte Endverbleibserklärung, die einen Weiterverkauf der Waffen ausschließt. Zudem sollen die Bundeswehroffiziere vor Ort genau beobachten, dass die Waffen in den Händen der Kurden-Armee bleiben. Gibt es Unregelmäßigkeiten, wird die Lieferung nach der ersten Tranche eingestellt.

7. Wie stark werden die Kurden insgesamt aufgerüstet?

Mittlerweile haben sich viele Länder - neben Deutschland die USA, Frankreich, Italien, Australien, aber auch kleine Länder wie Tschechien - zu Waffen- und Munitionslieferungen bereit erklärt. Das US Central Command in Florida hat die diversen Angebote abgestimmt, um Doppellieferungen zu verhindern. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass fast die gesamte Kurden-Armee von rund 100.000 Mann zumindest mit modernen Handfeuerwaffen ausgestattet wird. Deutschland dürfte in der Liste der größten Liefer-Länder durchaus in den Top 5 angesiedelt sein.

Gebiete unter unterschiedlicher Kontrolle in Syrien und im Irak (Stand: 14. August)
DER SPIEGEL

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
WakeUpNews 01.09.2014
1. Schnappt sich ruckzuck der Falsche...
Hoffentlich haben sie sich das gut überlegt, denn auch die aktuellen Waffen der ISIS kommen ja aus einer ursprünglich gut gemeinten Waffenlieferung der USA. Falls das jemand überlesen hat: Wir reden hier von 4000 Kämpfern. Also vier Gewehre und 2,5 Handgranaten pro Person. (fefe)
widower+2 01.09.2014
2. Was haben Sie überlesen?
Das Wörtchen "zunächst" vor den 4000 Kämpfern oder dass die Peschmerga insgesamt über 100.000 Kämpfer verfügen?
Nabob 01.09.2014
3.
Welche Aktivitäten werden jenseits der Waffenlieferungen ergriffen?
gedankenfechter 01.09.2014
4. Nicht ganz gut gemeint...
Zitat von WakeUpNewsHoffentlich haben sie sich das gut überlegt, denn auch die aktuellen Waffen der ISIS kommen ja aus einer ursprünglich gut gemeinten Waffenlieferung der USA. Falls das jemand überlesen hat: Wir reden hier von 4000 Kämpfern. Also vier Gewehre und 2,5 Handgranaten pro Person. (fefe)
Diese Waffen- und Geldlieferungen aus den USA und Saudi Arabien an die ISIS sind der Grund, warum diese Typen so gut ausgestattet sind. Deren moderne Ausrüstung fällt ja nicht vom Himmel... Im Kampf gegen Assad hat der Westen ein Monster erschaffen, das er nun wieder selber bekämpft! Mit diesen Waffen (100 000 Mann, Wahnsinn!), wird ein neues Monster Futter bekommen. Ich rede gar nicht unbedingt von den Kurden: Die Rufe vieler sunnitischer Stämme im Irak werden immer lauter: Sie bieten ihre Hilfe an, im Kampf gegen den IS. Es ist eine Vermutung, aber ich befürchte auch deren Aufrüstung wird insgeheim bereits stark betrieben, ... während wir blind auf die Kurden gucken...
aufmerksamer_fremder 01.09.2014
5. Deutschland = neues Amerika 10.0
und unsere Bundesregierung lernt nix aus der Geschichte, hoffe das die Regierung dran denkt die Bundeswehr auch mal aufzuruesten fuer andere scheint ja geld da zu sein......
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