Isaf-Chef Allen über Afghanistan "Unser Job ist keineswegs erledigt"

Im Westen wünschen sich viele ein rasches Ende der Afghanistan-Mission. Doch US-General John Allen, Oberkommandeur aller Nato-Einheiten, ist skeptisch: Er will den militärischen Druck auf die Taliban aufrecht erhalten und prophezeit für 2012 erneut heftige Kämpfe.

US-General John Allen: Kein Abzug aus Afghanistan vor 2014
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US-General John Allen: Kein Abzug aus Afghanistan vor 2014

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Kabul - Dass John Allen Marine ist, ein hart trainierter Elite-Kämpfer, sieht man ihm an. Als Vier-Sterne-General robbt Allen längst nicht mehr im Schlamm. Die Fingernägel sind peinlich genau gefeilt, einer der vielen Assistenten trägt ihm sogar sein Lieblings-Süßgetränk hinterher. Und doch ist Allen alles andere als lässig. Kerzengerade sitzt er auf seinem Stuhl. Nicht einmal lehnt er sich während des einstündigen Gesprächs im Briefing-Raum des Hauptquartiers der Nato-Truppen zurück.

Viel lieber mustert er die kleine Runde von angereisten deutschen Reportern. Wenn jemand ein ungewünschtes Thema anschneidet, reagiert Allen gern mit dem Satz, das sei ja doch "a very important question". Wenn der Oberkommandeur aller Isaf-Truppen in Afghanistan ankündigen will, dass nun etwas ganz Wichtiges kommt, beginnt er den Satz mit "let me make one thing very clear".

Eine Sache wollte Allen am Mittwoch klarmachen: Seine Ablehnung gegenüber allen politischen Planspielen für einen beschleunigten Abzug der Isaf-Truppe noch vor dem von der Nato angepeilten Abzugsjahr 2014. "Der Nato-Plan sieht in der Tat vor, dass bis Ende 2013 die gesamte afghanische Bevölkerung von afghanischen Kräften geschützt wird", sagt Allen, "das bedeutet jedoch keineswegs, dass unser Job erledigt ist oder dass wir keine internationalen Soldaten mehr in Afghanistan brauchen." Ab Ende 2013 ändere sich zwar die Kernaufgabe der Isaf-Soldaten, so der hagere Kommandeur aller internationalen Soldaten am Hindukusch, doch auch dann müssten die Soldaten die Afghanen weiter massiv unterstützen. "Vor uns liegt noch eine Menge Arbeit, das muss allen Beteiligten klar sein", warnt der US-General.

Der Kommandeur reagiert mit seinen klaren Worten auf Diskussionen vor allem innerhalb der US-Regierung, die im laufenden Wahlkampf eine schnellere Reduzierung der Truppen für geboten hält und den Prozess der Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen beschleunigt sehen will. Allen hingegen nennt die afghanische Armee ein "Flugzeug, das wir während des Flugs reparieren".

Trotz einiger Erfolge bei der Rekrutierung von Soldaten, der Ausbildung und Ausrüstung der lokalen Sicherheitskräfte bräuchten diese noch lange Unterstützung von den internationalen Truppenstellern. "Wir dürfen die lokalen Kräfte nicht im Stich lassen", fordert der Top-Offizier, "weder vor 2014 noch danach". Diesen Zeitplan hätten auch US-Präsident Obama und sein afghanischer Kollege Karzai kürzlich in einem langen Telefonat bekräftigt.

Devote Gesten kommen im eigenen Land nicht gut an

Obamas Top-Soldat in Kabul äußert sich zu einer Zeit, da die Afghanistan-Mission einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Zweimal kurz hintereinander musste man sich in den vergangenen Wochen bei den Afghanen entschuldigen. Erst war es die Verbrennung von heiligen Schriften durch unachtsame US-Soldaten in der amerikanischen Basis Bagram, die landesweit für wütende und blutige Proteste sorgte. Mitte März dann lief ein US-Soldat in Südafghanistan Amok und tötete 16 Zivilisten.

Wieder musste sich die US-Armee bis hoch zu Präsident Obama tief verbeugen. Im eigenen Land kommen solch devote Gesten nicht gut an, im entrückten US-Wahlkampf wird Obama schon als Schwächling dargestellt. Mehr als 60 Prozent aller Amerikaner sehen keinen Sinn mehr in der Mission am Hindukusch. Lieber schnell raus, als sich weiter festzufahren, lautet da eine beliebte These.

Die USA haben mit ihrem Rückzug der Truppen bereits begonnen, beim mit Abstand größten Truppensteller fallen die Zahlen groß aus. Bis Ende 2011 reduzierte das Pentagon die US-Einheiten von damals rund 100.000 Soldaten bereits um 10.000 Mann. Bis September 2013 sollen noch mal 23.000 Soldaten das Land am Hindukusch verlassen. Die Befehlshaber in Kabul haben diese von der Politik beschlossene Verkleinerung auf rund 67.000 Mann stets kritisch beäugt.

Einer von Allens Vorgängern als Isaf-Chef in Kabul riskierte deshalb sogar, sich öffentlich gegen die politische Linie aus Washington zu stellen. Der seit Juli 2011 amtierende Allen gibt sich da ruhiger. Die Reduzierung sei "lange und gut" geplant worden. "Niemand sollte glauben, dass wir in den kommenden Monaten an Kampfkraft verlieren werden, nur weil wir einige Einheiten nach Hause schicken", so Allen.

"Ich sehe heftige Kämpfe voraus"

Für das laufende Jahr 2012 prophezeit der Isaf-Chef für seine Truppe weiter intensive Kämpfe in Afghanistan. Im Süden des Landes gehe es hauptsächlich darum, die erreichten Landgewinne gegenüber den Taliban zu verteidigen und die Durchsetzungsstärke der lokalen Sicherheitskräfte zu erhöhen. "Ich sehe heftige Kämpfe im Osten des Landes voraus und werde alles tun, unsere Truppenstärke dort trotz der schon begonnenen Reduzierung der US-Einheiten stabil zu halten", so Allen.

Die Gebiete im Osten Afghanistans an der Grenze zu Pakistan gelten als Rückzugsgebiet der Taliban, auch die Transportrouten der Aufständischen verlaufen durch die unzugängliche und bergige Region. Allen macht in Kabul klar, eine seiner Prioritäten bleibe es, "den Druck auf die Aufständischen aufrecht zu erhalten und das jeden einzelnen Tag".

Der Feind mit dichtem Bart und Turban ist derzeit nicht die einzige Sorge der Isaf-Soldaten. Ausgerechnet vom vermeintlichen Partner, den Lehrlingen der afghanischen Armee, ging in den vergangenen Monaten eine tödliche Gefahr aus. Mehr als ein Dutzend Todesfälle durch sogenannte Innentäter, aufgehetzte afghanische Soldaten, die auf ihre Ausbilder aus dem Ausland schießen, gab es allein in den ersten Monaten 2012.

Isaf-Chef Allen kennt jeden Fall genau, er hat erst kürzlich angewiesen, dass pro Einheit mindestens einer seiner Soldaten ein Auge auf die Afghanen hat. Im Interview aber gibt er sich trotzdem optimistisch, auch das gehört zu seinem Job. Man sei noch in der Analyse der einzelnen Fälle, sagt Allen. Dabei sei immerhin herausgekommen, dass nur in der Hälfte die Taliban ihre Hände im Spiel gehabt oder den Angreifer gar in die Armee eingeschleust hätten.

"Man schießt in einem solchen Konflikt nicht bis zum Ende"

Der Vier-Sterne-General gab sich in dem Gespräch in Kabul kämpferisch. Natürlich kennt auch er die These, die Taliban würden den Abzug der internationalen Einheiten im Jahr 2014 einfach abwarten und dann wieder an die Macht zurückkehren. Allen sieht das naturgemäß anders. "Die Kämpfer der Taliban werden im Januar 2015 eine Überraschung erleben", sagt er, "sie werden auf eine lokale Armee treffen, die stärker denn je ist, aber sie werden auch auf internationale Truppen aus den USA oder auch aus Deutschland treffen". Die in Afghanistan engagierten Länder würden das Land weiter unterstützen, das sei spätestens seit der Afghanistan-Konferenz in Bonn klar. "Wir lassen Afghanistan nicht im Stich, weder die USA noch die Nato oder Deutschland", so der US-General.

Die Taliban rief der Isaf-Chef auf, die gestoppten Friedensgespräche mit den USA und der afghanischen Regierung wieder aufzunehmen. "Alle Aufstände enden mit Friedensgesprächen, man schießt in einem solchen Konflikt nicht bis zum Ende", so Allens Analyse. Für die Gespräche gebe es drei Voraussetzungen. So müssten die Taliban ihre Kontakte zu al-Qaida und anderen Terror-Netzwerken beenden, der Gewalt abschwören und die afghanische Verfassung anerkennen.

"Danach kann alles diskutiert werden", so Allen. Er gibt sich sicher, dass die Rate der kriegsmüden Taliban zuletzt rapide ansteigt. Seien es Anfang 2011 nur rund 600 Kämpfer gewesen, die im Zuge eines Aussteigerprogramms dem Feldzug gegen die Nato abgeschworen hätten, sei die Zahl mittlerweile auf rund 4000 angestiegen. "Da ist etwas in Bewegung", glaubt Allen.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
frubi 05.04.2012
1. .
Zitat von sysopAFPIm Westen wünschen sich viele ein rasches Ende der Afghanistan-Mission. Doch US-General John Allen, Oberkommandeur aller Nato-Einheiten, ist skeptisch: Er will den militärischen Druck auf die Taliban aufrecht erhalten und prophezeit für 2012 erneut heftige Kämpfe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825858,00.html
"Unser Job ist keineswegs erledigt" Stimmt. Es müssen weiterhin Zivilisten sterben. Man kann doch nicht einfach abziehen, ohne eine entsprechend dauerhafte Traumatisierung der afghanischen Bevölkerung hervorgerufen zu haben. So ist das amerikanische Militär halt. Man bleibt so lange in einem sinnlosen Konflikt, bis selbst der letzte Erzkonservative den Kopf schüttelt und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
auweia 05.04.2012
2. Na toll,
Zitat von frubi"Unser Job ist keineswegs erledigt" Stimmt. Es müssen weiterhin Zivilisten sterben. Man kann doch nicht einfach abziehen, ohne eine entsprechend dauerhafte Traumatisierung der afghanischen Bevölkerung hervorgerufen zu haben. So ist das amerikanische Militär halt. Man bleibt so lange in einem sinnlosen Konflikt, bis selbst der letzte Erzkonservative den Kopf schüttelt und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
nach dem dem Abzug der westlichen Truppen (nicht nur Amerikaner) wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Blutbad geben. Ich bin auf Ihren Kommentar zu den von den Taliban getöteten Zivilisten gespannt.
Abbuzze 05.04.2012
3.
Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Wenn die Afghanen es jetzt mit "Unterstützung" ausländischer Kräfte nicht schaffen deutlich zu machen, dass Sie eine Führung wollen, die nicht aus religiösen Fanatikern besteht, dann werden die Taliban nach Abzug der ISAF eben wieder an die Macht kommen. Ob die Mehrheit der Afghanen dies begrüßt oder einfach nur hinnimmt, ist hierbei für das Ergebnis unerheblich.
DennisFfm 05.04.2012
4. Was könnte wohl Merkels
Aussage bedeuten "wir wollen das schaffen". Nichts außer: Es wird keinen Abzug vor 2025 geben oder bis nach einem Irankrieg! Solange wird ein Säuberungskrieg geführt und Afghanistan besetzt gehlaten um dem Iran weiterhin die Luft abzuschnüren. Was die NATO da vor hat sind die kranken Weltmachtsphantasien der Amerikaner umzusetzen. Deutschland sollte sich schleunigst von diesem Aggressor USA abnabeln.
bmehrens 05.04.2012
5. Job?
Zitat von sysopAFPIm Westen wünschen sich viele ein rasches Ende der Afghanistan-Mission. Doch US-General John Allen, Oberkommandeur aller Nato-Einheiten, ist skeptisch: Er will den militärischen Druck auf die Taliban aufrecht erhalten und prophezeit für 2012 erneut heftige Kämpfe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825858,00.html
JOB - hört sich irgendwie positiv an. Vergleiche ich diesen ISAF-JOB mit der Privatwirtschaft, so machen die einen "JOB" wie die Finanzwirtschaft 2007/8, aber nun schon seit 10 Jahren. Mein Vorschlag: Die Führung degradieren!
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