Isaf-Chef McKiernan "Der Einsatz in Afghanistan dauert länger, als wir dachten"

Ein Rückzug der Nato aus Afghanistan wäre schrecklich, warnt Isaf-Kommandeur David McKiernan. Um dort den Erfolg zu erzwingen, brauche man noch mehr militärische Ressourcen. Im SPIEGEL-Interview mahnt er die Deutschen, ihren Auftrag zu erfüllen.


SPIEGEL: Viele Deutsche stehen dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr äußerst kritisch gegenüber. Können Sie ihnen erklären, warum sie das Leben ihrer Soldaten aufs Spiel setzen sollen?

Isaf-Chef McKiernan: "Die Soldaten am Leben halten"
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Isaf-Chef McKiernan: "Die Soldaten am Leben halten"

McKiernan: Ich glaube, sie sollten den Ausgang der Nato-Mission in Afghanistan im Zusammenhang ihrer eigenen Sicherheit in Europa sehen. Die Taliban gaben Qaida-Kämpfern hier Unterschlupf, und wir stellen sicher, dass sie nicht dorthin zurückkehren. Um das zu tun, müssen wir Einsätze gegen Aufständische durchführen. Dazu hat sich die Nato bereit erklärt – und ich erinnere daran, Deutschland ist ein Teil der Nato. Wenn die Bevölkerung in Deutschland dies nicht unterstützt, bedaure ich das. Doch es gibt eine Nato-Verpflichtung für diesen Einsatz.

SPIEGEL: Die Deutschen sind bereit, die Regierung von Hamid Karzai zu unterstützen und den Wiederaufbau voranzubringen, Krieg führen wollen sie offenbar nicht. In jüngster Zeit geraten auffallend viele unschuldige Zivilisten zwischen die Fronten von Aufständischen und Isaf-Schutztruppe, täglich töten und sterben Isaf-Soldaten.

McKiernan: Die Zunahme der Gewalt bereitet mir große Sorgen. Der Grund dafür sind häufig die direkten Beziehungen militanter Gruppen zu den angrenzenden Stammesregionen in Pakistan, wo ihnen Zuflucht und Bewegungsfreiheit gewährt wird.

SPIEGEL: Gekämpft wird in Afghanistan, doch einige Länder in der Nachbarschaft sind inzwischen unsichtbar mitbeteiligt. Sie unterstützen militante Gruppen, weil sie keine amerikanische Dominanz vor ihrer Haustür wünschen.

McKiernan: Ich verstehe, dass es Leute gibt, die keine ausländischen Truppen in ihrem Land haben wollen. Unsere Präsenz hier ist jedoch alternativlos, solange die legitime Regierung Afghanistans die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft braucht. Wenn sich die Militanten auch weiterhin in den Stammesgebieten verstecken können, dann wird diese Region instabil bleiben.

SPIEGEL: Die Stammesgebiete liegen in Pakistan. Wie soll das Problem in Afghanistan gelöst werden, wenn die Ursache in einem anderen Land liegt?

McKiernan: Der Aufstand militanter Gruppen ist ein Problem für Pakistan und für Afghanistan. Die Ursachen dafür sind hochkomplex. Historisch gesehen dauert die Niederschlagung von Aufständen bis zum Erfolg durchschnittlich 14 Jahre.

SPIEGEL: Wir haben also noch sieben Jahre Kampf vor uns?

McKiernan: Das habe ich nicht gesagt. Aber es braucht viel Zeit, länger, als wir dachten, und sicherlich auch mehr militärische Ressourcen. Entscheidend ist nicht, wo diese herkommen, aus Europa, USA oder Afghanistan, aber wir benötigen sie.

SPIEGEL: Seit gut einem Jahr arbeiten die Amerikaner zusammen mit der Isaf-Schutztruppe eine Liste von hochrangigen Kommandeuren der Taliban ab, die durch Kommandoeinsätze gezielt getötet oder gefangen genommen werden. Ist das Reservoir der Aufständischen nicht endlos?

McKiernan: Wir hatten einige Erfolge bei der Suche nach Taliban-Anführern innerhalb von Afghanistan. Einige wurden getötet, andere gefangen genommen. Das hatte eine gewisse Wirkung, aber es gibt noch immer genug Nachschub an Personal.

SPIEGEL: In den von der Bundesregierung vertraulich bei der Nato hinterlegten Einsatzbeschränkungen, den sogenannten Caveats, wird gezieltes Töten, ohne dass ein Angriff vorausgegangen ist, als "völkerrechtswidrig" eingestuft. Sind die Deutschen besonders schwierige Verbündete?

McKiernan: Wenn das deutsche Militär etwas nicht tut, was US-Soldaten aber sehr wohl machen, dann ist das eine rechtliche, eine politische Entscheidung. Ich akzeptiere das. Als Soldat verstehe ich jedoch nicht, wie man seine jungen Soldaten gefährden kann, weil man ihnen nicht alle Möglichkeiten bietet, sich zu schützen. Dazu gehört es auch, auf der Basis von Geheimdienstinformationen Aufständische zu bekämpfen und damit unsere Soldaten zu schützen. So hält man seine Soldaten am Leben.

SPIEGEL: Die Nato benötigt immer wieder mehr Personal und Gerät, aktuell geht es um Awacs-Flugzeuge, die zu einem guten Teil mit deutscher Mannschaft fliegen. Sie sollen den Luftraum kontrollieren, also helfen sie auch bewaffneten Flugzeugen. Das geht vielen Deutschen zu weit, die nicht in den Kampf verwickelt werden wollen.

McKiernan: Die Awacs-Flugzeuge werden benötigt, um den Luftraum über Afghanistan zu managen, damit es dort nicht zu Zusammenstößen kommt. Die Afghanen können das noch nicht selbst. Das gilt für den militärischen und den zivilen Luftraum, der immer intensiver genutzt wird. Ich will, dass Ihre Leser das verstehen: Wenn ein bewaffnetes Flugzeug losfliegt, hat es zuvor bereits alle Genehmigungen, ein bestimmtes Ziel zu bombardieren. Die Nato-Awacs haben nichts mit einer Zielführung der Bombe zu tun.

SPIEGEL: Im Oktober stimmt der Bundestag erneut über den Afghanistan-Einsatz ab. Was, wenn Deutschland sein Engagement nicht verlängert?

McKiernan: Es wäre das Gegenteil dessen, was wir beabsichtigten, nämlich zu zeigen, dass die Solidarität der internationalen Gemeinschaft für Afghanistan steht.

SPIEGEL: Was würde aus Afghanistan, wenn sich die Nato morgen von dort zurückzöge?

McKiernan: Ich glaube, das wäre schrecklich. Wir riskieren, dass die Aufständischen erneut Kontrolle erlangen, dass Drogenschmuggel und Terroristenlager sich ausbreiten. Das würde direkt die Sicherheit auch in Ihrem Land betreffen.

SPIEGEL: Seit sich die Bundesrepublik am Hindukusch militärisch engagiert, ist die Gefahr eines Anschlags auch in Deutschland deutlich gestiegen. Sollte unser Engagement die Welt nicht sicherer machen?

McKiernan: Bevor ich hierherkam, war ich in Heidelberg Kommandeur der US-Streitkräfte zwischen Norwegen und Italien. Es gab schon damals eine konkrete Bedrohung in Europa durch eine extremistische Organisation namens Islamische Dschihad Union, zu der auch einige Deutsche gehörten. Sie waren nach Pakistan gereist und dann nach Deutschland zurückgekehrt, um dort Terrorakte auszuführen. Derartige Trainingslager gab es auch in Afghanistan. Wir müssen sicherstellen, dass solche Terroristen nicht unter dem Schutz der Taliban zurückkehren. Wie gesagt, die Lage ist komplex und benötigt Zeit.

SPIEGEL: Wann können die deutschen Truppen wieder nach Hause?

McKiernan: Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass ein Wendepunkt erreicht ist, wenn die afghanische Wirtschaft, Sicherheit und die Regierungsfähigkeit auf allen Ebenen so stark sind, dass wir nur noch im Hintergrund unterstützen und beraten.

SPIEGEL: Inzwischen lehnt eine große Mehrheit der Afghanen die Regierung von Präsident Karzai wegen der immensen Korruption im Land ab. Stützen wir noch das richtige Regime?

McKiernan: Vielleicht gefällt uns diese Regierung nicht, vielleicht herrscht ein unakzeptables Maß an Korruption, vielleicht ist sie in großen Teilen uneffektiv. Aber dies ist die legitime Regierung Afghanistans. Richtig ist, gute Regierungsführung, die die Bedürfnisse seiner Bürger vor Ort und im Ganzen erkennt und erfüllt, ist eines der größten Herausforderungen hier, und das muss sich verbessern.

SPIEGEL: Beide amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, Barack Obama wie auch John McCain, wollen die Truppenpräsenz in Afghanistan massiv erhöhen. Wie viele Soldaten sind genug?

McKiernan: (seufzt) Dazu werde ich Ihnen jetzt nichts sagen, weil das klingen würde, als wäre dies die Antwort auf das Problem. Die Lösung des Konflikts in Afghanistan ist jedoch nicht nur militärisch zu erreichen. Sie muss vor allem politisch gefunden werden.

Das Interview führte Susanne Koelbl.



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