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Bürgerkrieg in Syrien: Qaida-Kämpfer exekutieren Demokratie-Aktivisten

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Die Extremisten des Qaida-Ablegers "Islamischer Staat im Irak und Syrien" halten Dutzende Gefangene in geheimen Kerkern fest. Nun haben sie offenbar angefangen, ihre Geiseln zu exekutieren. In ihrer Hand sind auch Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Machtdemonstration: ISIS-Kämpfer halten in der syrischen Grenzstadt Tall Abiad eine Parade ab. Zur Großansicht
REUTERS

Machtdemonstration: ISIS-Kämpfer halten in der syrischen Grenzstadt Tall Abiad eine Parade ab.

Die radikalislamistische Miliz "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) hat offenbar Dutzende Syrer hingerichtet, die sie als Geiseln gehalten hatte, darunter viele Aktivisten der syrischen Opposition. Die Extremisten hätten am Montagabend alle Gefangenen ermordet, die sie in einer zum Kerker umfunktionierten Klinik in Aleppo hielten, berichteten syrische Aktivisten. Bis zu 50 Menschen seien getötet worden, hieß es nach ersten Berichten.

Noch konnten nicht alle Hinrichtungen bestätigt werden. Freunde und Kollegen der Getöteten identifizierten Sultan al-Shami, Amin Abu Mohammed, Maher Hasroumi und Qoutaiba Abu Younes. Die vier jungen Männer gehörten zu einer Gruppe von fünf Aktivisten, die am 26. Dezember von ISIS festgenommen worden waren.

Sie hatten für die neue örtliche Fernsehstation Shada al-Hurija TV gearbeitet, die sich nach dem Rückzug der Assad-treuen Sicherheitskräfte aus Teilen Aleppos in der Stadt gegründet hatte. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" hatte sich besorgt über die ISIS-Attacken auf einheimische Berichterstatter geäußert.

Wer außer ihnen möglicherweise getötet wurde, ist noch unklar. Unter den Gefangenen von ISIS sind viele syrische Aktivisten der ersten Stunde, die den Aufstand gegen Baschar al-Assad gewaltfrei vorangetrieben hatten und sich Demokratie und Freiheit erhofften.

Netz von geheimen Folterknästen

Die Oppositionellen sind für die ISIS-Kämpfer direkte Rivalen. In den Gebieten, die nicht mehr unter der Kontrolle von Damaskus stehen, versuchen sie neue Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Damit geraten sie jedoch der ISIS-Miliz in die Quere, die einen radikalislamistischen Gottesstaat errichten will. ISIS wirft den Aktivisten vor, mit dem Westen zusammenzuarbeiten und mit dem Syrischen Nationalrat, dem vom Westen unterstützten syrischen Oppositionsbündnis.

In den Reihen von ISIS kämpfen viele nicht-syrische Ausländer, manche mit Dschihad-Erfahrung aus dem benachbarten Irak. Auch dort versucht die Miliz ihren Einfluss zu konsolidieren und kämpft derzeit gegen Stammesmilizen um die Stadt Falludscha.

Mit Brutalität und Rücksichtslosigkeit versucht ISIS ihre Macht auszuweiten und zu konsolidieren. Dazu hat die Miliz inzwischen ein Netz von geheimen Kerkern aufgebaut wie die zum Knast umfunktionierte Klinik in Aleppo. Regelmäßig kommt es zu Folter und Hinrichtungen, wie ein im Dezember veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentierte.

In den vergangenen Wochen hatte ISIS ihre Kampagne gegen Aktivisten und andere Syrer, die die Miliz als Feinde einschätzt, noch einmal verstärkt. Dutzende Medienaktivisten wurden verhaftet und ihre Büros verwüstet. 2013 hatte ISIS damit angefangen, syrische Aktivisten zu verhaften und zu ermorden.

Ausländische Reporter in Gewalt von ISIS

Am 3. Januar haben syrische Oppositionelle und Rebellen zum Widerstand gegen ISIS aufgerufen. In mehreren Städten toben nun Kämpfe zwischen den Rebellen und den Extremisten. Für Empörung sorgte die Ermordung eines syrischen Arztes und Rebellenchefs, der als Unterhändler mit ISIS sprechen sollte. Vor seiner Ermordung waren ihm mehrere Zähne ausgeschlagen und ein Ohr abgeschnitten worden.

Bisher ist es den syrischen Rebellen gelungen, die ISIS-Kämpfer in Syrien in Bedrängnis zu bringen. Doch die Radikalen haben einige Trümpfe in der Hand, darunter ihre Gefangenen. Die Hinrichtungen am Montagabend sollen stattgefunden haben, nachdem sich die syrischen Rebellen der von ISIS gehaltenen Klinik näherten. Zuvor war es Kämpfern der gemäßigten syrischen Opposition in der Stadt Rakka bei ihrem Überraschungsangriff am Freitag gelungen, Dutzende ISIS-Gefangene zu befreien.

Beobachter hatten schon länger vermutet, dass ISIS Geiseln nimmt für den Fall, dass die Miliz in Syrien in Bedrängnis gerät. So haben die Extremisten im vergangenen Jahr gezielt Jagd auf ausländische Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen gemacht und mehrere Dutzend entführt, darunter etwa den spanischen Nahost-Reporter Javier Espinosa, die französischen Journalisten Didier François und Edouard Elias, den seit langem in Syrien lebenden italienischen Jesuiten Paolo Dall'Oglio und viele andere.

ISIS hält die ausländischen Geiseln ohne Lösegeld-Forderungen fest, manche von ihnen bereits seit einem Dreivierteljahr. Die meisten ausländischen Gefangenen werden in ISIS-Geheimkerkern in Aleppo vermutet. Wie es ihnen derzeit ergeht, ist nicht bekannt. Zuletzt wurden Donnerstagnacht fünf Mitarbeiter der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" in Nordsyrien entführt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ja, und?
artusdanielhoerfeld 07.01.2014
Alles wiederholt sich. Ich erinnere mal daran, dass hierzulande ein gottloser Ketzer (und nach heutigen Maßstäben teuflischer Terrorist) namens Martin Luther die bis dato alleinige Kirche des Herrn mit seinen Thesen herausgefordert und im Endeffekt den Dreissigjährigen Krieg mit Millionen Toten heraufbeschworen hat. Heute kräht kein Hahn mehr danach. Genauso wird es den Radikalislamisten gehen, die ihren Einflußbereich ebenso wie die Protestanten damals mit Waffengewalt durchsetzen, sich etablieren und irgendwann auch wieder gemäßigter werden. Dann gehören auch sie zum normalen Alltag. Wer heute entrüstet auf al-Quaida zeigt, der vergisst, dass seine eigene religiöse Tradition aus eben einem solchen blutigen Machtkampf entstanden ist und outet sich als moralischer Heuchler.
2. Zu diesen Leuten fällt mir nichts mehr ein
sg17681 07.01.2014
Was, wenn nicht die gemeinsame Religion, soll sie weltweit zu diesen Taten inspiriert haben? Sie berufen sich alle bei ihren unmenschlichen Handlungen auf genau ein Buch: den Koran. Was sonst sollte der gemeinsame Nenner der verschiedensten islamischen Terrorgruppen sein? Wäre es nicht an der Zeit, eine Reform dieser heiligen Schrift durchzusetzen, bevor die globale Anzahl Opfer alles in den Schatten stellt, was jemals von menschlichen Zivilisationen verbrochen wurde?
3. Assad war und ist mies,...
sfk15021958 07.01.2014
...diese miesen Typen sind um ein Vielfaches schlimmer!
4.
schinkenpizza 07.01.2014
Sind das jetzt die guten oder schlechten Rebellen? Da sie vom Westen Waffen bekommen haben, müssen es ja logischweise die Gute sein
5.
rennflosse 07.01.2014
Zitat von sysopREUTERSDie Extremisten des Qaida-Ablegers "Islamischer Staat im Irak und Syrien" halten Dutzende Gefangene in geheimen Kerkern fest. Nun haben sie offenbar angefangen, ihre Geiseln zu exekutieren. In ihrer Hand sind auch Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. ISIS: Al-Qaida-Kämpfer in Syrien ermorden Aktivisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-al-qaida-kaempfer-in-syrien-ermorden-aktivisten-a-942176.html)
Unter diesen Umständen müßte man eigentlich hoffen, dass Assad sich durchsetzt und der Staat Syrien zur Ruhe kommt. Das Volk hat von den islamistischen Verbrechern jedenfalls kein besseres Leben zu erwarten.
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