Al-Qaida in Syrien und Irak Neuer Gottesstaat im Nahen Osten

Islamisten nutzen das Chaos in Syrien und im Irak - und errichten einen neuen Gottesstaat. Eine Qaida-Miliz hat sich im Grenzgebiet beider Länder festgesetzt, sie kontrolliert schon mehrere Städte. Ihr Markenzeichen: äußerste Brutalität.

REUTERS

Um die irakische Stadt Falludscha tobt ein erbitterter Kampf. Die Kämpfer der Miliz "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) haben dort einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre schwarze al-Qaida-Flagge weht über Teilen der Stadt. Die ISIS-Kämpfer patrouillieren in den Straßen in schwarzen Uniformen und Masken, die ihre Gesichter verhüllen.

Nicht nur im Irak, auch in vielen Dörfern und Städten in Syrien hat ISIS inzwischen "Emirate", Gottesstaaten, ausgerufen, in denen der jeweilige "Emir", ein ISIS-Kommandant, den Ton angibt. Die Miliz ist grenzüberschreitend. Sie lässt sich nicht in einen irakischen und einen syrischen Teil aufspalten. In ihren Reihen kämpfen viele erfahrene Dschihadisten, auch nicht-arabische, beispielsweise aus Tschetschenien.

ISIS konzentriert sich besonders auf die dünn besiedelten, peripheren Wüstenregionen Syriens und des Irak. Es sind Gebiete, in denen traditionell der Einfluss der Stämme groß ist, oftmals grenzüberschreitend. Wer und was da die Grenzen im Nichts überquert, ist schwer kontrollierbar. Schmuggler haben hier leichtes Spiel. Ein Überblick:

  • Norden und Nordosten Syriens: In diesem Teil des Landes hat das Regime von Baschar al-Assad seit über eineinhalb Jahren die Kontrolle verloren. Seitdem versuchen verschiedene Rebellengruppen und zivile Gruppen, das Machtvakuum zu füllen. Seit 2013 haben sie neue, brutale Konkurrenz bekommen: die ISIS-Kämpfer. Dutzende syrische Aktivisten wurden von den ISIS-Extremisten im letzten Jahr verhaftet, einige ermordet. Den Radikalen gelang es, strategisch wichtige Orte wie die Grenzübergänge mit der Türkei von anderen Rebellen zu erobern. In den ersten Tagen 2014 lieferten sich die ISIS-Kämpfer erneut Schlachten mit anderen Rebellenmilizen in der Provinz Aleppo. Eine Koalition syrischer Rebellengruppen sowie syrische Aktivisten haben am Freitag zum Widerstand gegen die Extremisten aufgerufen.
    Karte: Syrien

    Städte, die teils oder ganz von der Miliz "Islamischer Staat im Irak und Syrien" kontrolliert werden

  • Nordwesten des Irak: In den Provinzen Ninive und Anbar hat die Zentralregierung in Bagdad wenig zu sagen. In diesem mehrheitlich sunnitischen Landesteil sind viele unzufrieden. Die Menschen fühlen sich von der schiitisch dominierten Regierung vernachlässigt und gegängelt. Seit 2012 kommt es dort immer wieder zu Protesten, die teils von den Sondereinheiten Bagdads brutal aufgelöst wurden. Zuletzt musste Bagdad seine Sicherheitskräfte abziehen, um eine Eskalation zu verhindern. Diese Gelegenheit nutzten die ISIS-Kämpfer für einen Angriff auf die wichtigsten Städte der Region.

Karte: Irak

Städte, die die Miliz "Islamischer Staat im Irak und Syrien" versucht zu erobern

Die Radikalen bauen am grenzüberschreitenden Gottesstaat

Viele ISIS-Kämpfer kennen sich in der Grenzregion bestens aus: Sie sind Veteranen aus dem Kampf gegen die US-Soldaten, die 2003 im Irak einmarschierten. Die Dschihadisten reisten oft über Syrien in den Irak rein. Das syrische Regime von Baschar al-Assad half den ISIS-Kriegern gern, schließlich hatte man mit Washington einen gemeinsamen Feind.

Die Logistik von ISIS erstreckt sich über die Grenzregion und funktioniert in beide Richtungen. Gelingt es ISIS, al-Qaida-Kämpfer aus irakischen Gefängnissen zu befreien, tauchen die wenig später in Syrien auf. Erobert ISIS Waffen in Syrien, schaffen es diese auch in den Irak.

Ursprünglich wurde ISIS im Irak mit der Unterstützung der Zentralführung al-Qaidas gegründet. Allerdings hat sich der ISIS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi inzwischen mit Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri zerstritten.

Inzwischen wird in Syrien die Miliz oft nicht mehr, nach ihrem arabischen Kürzel, "Daasch" genannt, sondern immer häufiger "Daula", übersetzt: Staat, weil sie eben diese Rolle zu erfüllen beginnt. Dabei setzen die Extremisten auf Zuckerbrot und Peitsche.

  • Terrorherrschaft: In den ISIS-Gottesstaaten gilt eine wortwörtliche Auslegung der Scharia, der islamischen Gesetzgebung. Um Exempel zu statuieren, ließ ISIS bereits Teenager wegen eines Witzes hinrichten. Kritiker und Andersgläubige werden brutal verfolgt. Es gibt geheime ISIS-Kerker, in denen gefoltert wird. Wenn alawitische oder schiitische Syrer den ISIS-Kämpfern in die Hände fallen, müssen sie damit rechnen, grausam ermordet zu werden wegen ihres Glaubens. Auch Kirchen haben die ISIS-Extremisten geschändet.

  • Indoktrination: In Syrien organisieren sie Islamquiz-Wettbewerbe für Kinder und bieten Schulunterricht nach ihren Vorstellungen an. Auf Plakaten werben sie für eine Vollverschleierung von Frauen und bedrohen Syrerinnen, die sich nicht anpassen wollen. Die ISIS-Extremisten wollen die Sitten und Kultur in ihren Gebieten auf Jahrzehnte prägen.

US-Präsident Obama ist ratlos

Der Traum von ISIS ist die Errichtung eines Gottesstaats im Irak und der gesamten Levante-Region, also neben Syrien auch im Libanon, in Jordanien, Palästina und Israel, wobei besonders Jerusalem als heilige Stadt eine besondere Anziehung ausübt. Damit dürfte es auf absehbare Zeit nichts werden.

Doch aus dem syrisch-irakischen Grenzgebiet werden die Extremisten wohl so schnell nicht verschwinden. Gelingt es den irakischen Sicherheitskräften, die ISIS-Kämpfer wieder zurückzudrängen, werden sie sich wohl auf der anderen Seite der Grenze wieder konsolidieren, bis zum nächsten Angriff.

Die USA führen ISIS auf ihrer Terrorliste. Washington unterstützt die irakische Regierung mit Waffenlieferungen gegen die Extremisten. Ironischerweise ist die Regierung des Irak mit Syriens Baschar al-Assad verbündet, dessen Rücktritt Washington regelmäßig fordert.

In Syrien weiß die US-Regierung nicht so recht, wen sie unterstützen soll. Den syrischen Rebellengruppen, die inzwischen nicht nur gegen Baschar al-Assad sondern auch gegen die Extremisten kämpfen, liefert Washington lieber nichts, auch keine zivilen Güter mehr wie Medikamente oder Handys. In den USA werden erste Stimmen laut, die fordern, man solle lieber wieder mit Assad zusammenarbeiten gegen die Extremisten, obwohl dieser erst ISIS gezielt gefördert hatte.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 157 Beiträge
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spon-facebook-10000140154 04.01.2014
1. das war zu befürchten..........
dass der Kampf gegen Assad nur den Islamisten nützt. Warum kann sich der Westen in diesen Ländern nicht einfach raushalten..........
zwischendominante 04.01.2014
2. Wer sind eigentlich die Berater westlicher Politik?
Ist es nicht logisch, dass, wenn man sowohl im Irak wie auch in Syrien ein Machtvakuum schafft, dieses von jemandem ausgefüllt wird? Tollen Zeiten gehen wir entgegen ...
keinuntertan 04.01.2014
3. Der pan-arabische Sozialismus war besser.
Zitat von sysopAPIslamisten nutzen das Chaos in Syrien und im Irak - und errichten einen neuen Gottesstaat. Eine Qaida-Miliz hat sich im Grenzgebiet beider Länder festgesetzt, sie kontrolliert schon mehrere Städte. Ihr Markenzeichen: äußerste Brutalität. ISIS: In Irak und Syrien bauen die Extremisten am Gottesstaat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-in-irak-und-syrien-bauen-die-extremisten-am-gottesstaat-a-941782.html)
Der pan-arabische Sozialismus der 1950er und 1960er Jahre war das beste, was den Menschen in Nordafrika und im Nahen & Mittleren Osten passieren konnte. Verstaatlichung der Ölquellen, modernisierung der Gesellschaft, staatliche Schulpflicht, Aufklärung, Trennung von Religion und Staat. Aber der Westen wollte das nicht. Er sah sich durch den Einfluss der Sowjetunion im Nahen Osten bedroht. Und der Westen wollte Kontrolle über das Öl behalten. Deshalb unterstüzte der Westen die islamistischen Oppositionen. Das Ergebnis sehen wir heute. Danke USA. Danke Großbritannien. Ihr habt eine Region zerstört.
flosse66 04.01.2014
4. Der Feind meines Freundes...
...oder war es der Freund meines Freundes? Der Freund meines Feindes? Es rächt sich, dass der angebliche Außenpolitikexperte Obama keinen Plan hat, was er im Nahen Osten machen will. Mal werden Waffen und Medikantente, Truppen und Gelder geschickt, mal nicht. Mal unterstürzt man die eine Seite, dann die andere, manchmal beide oder keine. Obama ist damals mit dem Versprechen angetreten, auch mit Amerikas Feinden zu verhandeln und alle an einen Verhandlungstisch zu bringen. Bitte! Machen! Obama hat eh nix zu verlieren und wenn er eine Hinterlassenschaft für die Nachwelt lassen möchte, wird es so langsam mal Zeit, Probleme frontal anzugehen.
kaynchill 04.01.2014
5. jetzt muss die Suppe ausgelöffelt werden
Da alles andere versagt hat hilft nur noch eins: Die Vereinten Nationen erkennen einen "Gottesstaat" als legitimen Staat in festgelegten Grenzen an. Bedingung ist ein Nichtangriffspakt der natürlich sämtliche terroristischen Anschläge in anderen Ländern einschließt. Der Westen hat dadurch, dass er den Menschen dort ihre Heimat gewaltsam entrissen hat ein Monster erschaffen. Die einzige Möglichkeit zur Kontrolle ist ihm zu geben was es will. So lange es in seiner Höhle bleibt kann es ja machen was es will. Über kurz oder lang werden die Fanatiker merken dass ihr System nicht funktionieren kann und sich gegenseitig zerfleischen.
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