Irak-Krise USA bereiten direkte Gespräche mit Iran vor

Die Krise im Irak bringt zwei Erzfeinde näher zusammen. Washington will laut einem Zeitungsbericht direkte Gespräche mit Teheran führen. Das gemeinsame Ziel: die Dschihadisten der Isis zu stoppen.

Schiitische Kämpfer im Irak: Iran und USA erwägen Unterstützung für Isis-Gegner
AP/dpa

Schiitische Kämpfer im Irak: Iran und USA erwägen Unterstützung für Isis-Gegner


Washington - Die US-Regierung bereitet direkte Gespräche mit Iran über die Krise im Irak vor, berichtet das "Wall Street Journal". Washington und Teheran wollen sich demnach angesichts des Vormarschs der Sunnitenmiliz Isis in dieser Woche zu ersten Beratungen treffen, hieß es unter Berufung auf US-Regierungsvertreter.

Die Gruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) hatte in den vergangenen Tagen Teile des Irak unter ihre Kontrolle gebracht. Die radikalen Islamisten gingen dabei äußerst brutal vor. Die Armee startete nach eigenen Angaben am Wochenende eine Gegenoffensive.

Wie das "Wall Street Journal" weiter berichtet, wird mit dem Beginn der direkten Gespräche noch in dieser Woche gerechnet. Unklar sei allerdings noch, über welche diplomatischen Kanäle sich die US-Regierung mit Teheran austauschen wolle. Einen Anlass könnten die Atomverhandlungen mit der Islamischen Republik bieten, die am Montag in Wien beginnen. Ein hochrangiger Regierungsvertreter in Washington sagte der Agentur Reuters, man erwäge Gespräche mit Teheran.

Der iranische Präsident Hassan Rohani hatte sich zuvor offen für eine Zusammenarbeit mit den USA im Kampf gegen Isis gezeigt. Allerdings müsse die Initiative von den Amerikanern ausgehen.

Zwischen Washington und Teheran hatte unter anderem wegen des Atomstreits jahrelang eine Eiszeit geherrscht. Zuletzt gab es aber auch in dieser Frage bereits eine Annäherung.

Röttgen: Deutschland soll vermitteln

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, Norbert Röttgen (CDU), sprach sich für eine Kooperation der USA mit Iran aus. "Teheran ist bereit, seinen Beitrag zu leisten", sagte Röttgen der "Welt". Gleiches gelte für Saudi-Arabien. Durch eine koordinierte Kooperation "zwischen regionalen Kontrahenten und etwa auch den USA" könnten die Dschihadisten zurückgedrängt werden. Zudem wäre dies "über den Irak hinaus Anlass für Hoffnung in der gesamten Region", sagte der CDU-Politiker.

Deutschland und die Europäische Union sieht Röttgen als Vermittler in der Pflicht: "Die Aufgabe lautet, zwischen den sich kritisch beäugenden Ländern der Region vermittelnd tätig zu werden." In die diplomatischen Gespräche müssten auch die Türkei und Russland einbezogen werden.

Einen Auslandseinsatz der Bundeswehr schloss Röttgen kategorisch aus: "Es ist völlig klar, dass es keinen Einsatz deutscher Soldaten dort geben kann."

USA erhöhen Sicherheit für Botschaft

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen will am Montag in Ankara mit dem türkischen Außenminister Ahmed Davutoglu die Bedrohungslage besprechen.

Das Nato-Land Türkei grenzt sowohl an Syrien als auch an den Irak. Alle drei Länder haben zudem eine nach Autonomie strebende kurdische Minderheit, und die Türkei befürchtet ein Übergreifen der Konflikte. Die USA haben wegen der Erfolge der sunnitischen Islamisten einen Flottenverband um den Flugzeugträger "George H.W. Bush" in den Persischen Golf entsandt.

Wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte, werden zudem die Sicherheitsvorkehrungen an der Botschaft in Bagdad erhöht. Zugleich werden einige Mitarbeiter der Vertretung vorübergehend abgezogen.

SPIEGEL ONLINE

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

fab/dpa/Reuters



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Seite 1
Markenbox 16.06.2014
1. Schön
Zitat von sysopAP/dpaDie Krise im Irak bringt zwei Erzfeinde näher zusammen. Washington will laut einem Zeitungsbericht direkte Gespräche mit Teheran führen. Das gemeinsame Ziel: die Dschihadisten der ISIS stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-usa-bereiten-offenbar-gespraeche-mit-iran-vor-a-975369.html
Schön, dass sie miteinander reden. Was es aber zeigt, ist, wenn es schief läuft, sind die Schmuddelkinder wieder gut genug. Nix Atombombe, Existenzrecht Israels usw.. Die Außenpolitik der USA ist eine einzige Katastrophe
prjctdth 16.06.2014
2.
Welches Interesse hat Iran, gegen Glaubensbrüder zu kämpfen? Richtig, In Iran leben 90% Schiiten. Und wer ist ISIS? Richtig, sunnitisch! Als ob es Iran um Frieden ginge. Tut mir leid, aber unsere westlichen Führer mischen sich da in Dinge ein, die sie nicht verstehen!
bugra-yil 16.06.2014
3. komisch
ich hab Geld und kann mir trotzdem keine Waffen kaufen. So die frage ist welches Land rüstet die Isis aus? und wieso ? wollen sie den Goldpreis treiben weil die Welt angst bekommt, wollen sie den Ölpreis treiben um ordentlich Gewinn zu machen ? wer auch immer dahinter steckt es wird mal wieder der Westen sein, wer sonst
hevopi 16.06.2014
4. Wie schnell sich die Welt ändert,
gestern noch Todfeinde, heute Verbündete gegen den Terror. Woher kommen die ganzen Waffen?
t dog 16.06.2014
5. Deutschland soll vermitteln
Jetzt soll Herr Röttgen mal erklären, wie das aussehen soll. Bei den Verhandlungen müssten alle Parteien gleichberechtigt behandelt werden. Da haben wir 2 muslimisch extremistische Parteien, den Iran und ISIS. Der irakische Staat existiert nicht mehr. Und zu guter letzt die USA. Die Verhandlungen sind doch vin vornherein zum Scheitern verurteilt. Seit wann kann man mit Extremisten verhandeln? Die heissen nicht zum Spass Extremisten. Es kann nur unserem Ansehen und unseren Exporten in der Welt schaden, wenn wir im politischen Sinne, unsere Finger in jeden fremden Misthaufen hineinstecken. Siehe neben dem Irak auch Syrien und Ukraine. Wer ist denn in Berlin nach 70 Jahren mal wieder auf die Idee gekommen, die Welt mit seinem Militär zu einem besseren Ort machen zu wollen? Wer kommt denn nach Gaddafi, Assad, Hussein? Nach der Logik müsste der arabische Raum ja jetzt schon eine friedliche Zone sein.
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