Islamabad Militär droht mit Sturm auf die Rote Moschee am Freitag

Tag drei der Belagerung der Roten Moschee in Islamabad. Die Lage spitzt sich zu. Geistliche des islamistischen Zentrums benutzen Frauen und Kinder als menschliche Schilde gegen das Militär. Ein Kapitulationsangebot wird abgelehnt. Die Truppen erwägen nun, am Freitag, dem Feiertag der Muslime, das Gotteshaus anzugreifen.


Islamabad - Schon vor Anbruch des Tages waren erste Detonationen zu hören. Ihre Ursache war unklar. Möglicherweise handelte es sich um Artilleriefeuer der Armee oder um gezielte Sprengungen an den hohen Mauern des Gebäudes, in dem sich nach Angaben des pakistanischen Innenministers Aftab Sherpao noch bis zu 60 radikale Islamisten verschanzt halten. Sie seien mit Kalaschnikows, Handgranaten und Molotow-Cocktails bewaffnet.

Szene vor der Roten Moschee: Frauen bangen um ihre Kinder, die im Gebäude festgehalten werden
REUTERS

Szene vor der Roten Moschee: Frauen bangen um ihre Kinder, die im Gebäude festgehalten werden

Die gläubigen Fanatiker lieferten sich den ganzen Tag über Schusswechsel mit der Armee und paramilitärischen Einheiten, die den Komplex umzingelt und die Eingeschlossenen von jedem Nachschub abgeschnitten haben. Kampfhubschrauber vom Typ Cobra standen zeitweise über der Moschee, aus der sie unter Beschuss gerieten.

Regierungsbeamte und Mitarbeiter von Hilfsdiensten, die Zugang zur Moschee erhielten, um Tote herauszubringen, berichteten, die noch in dem Gotteshaus verbliebenen Studenten würden von den zunehmend verzweifelten Geistlichen als Geiseln gehalten. "Einige der Studenten sind verwundet, doch die Geistlichen erlauben nicht, dass sie medizinische Hilfe bekommen", sagte Nisar Hasnain, ein Mitarbeiter der Khubaib Foundation, der bei der Bergung der Toten half. Die religiösen Führer hätten sich zunächst widersetzt, dann aber erlaubt, zehn Leichen aus der Moschee zu schaffen.

Entrüstet erzählte Hasnain, der Arzt habe festgestellt, dass einer der Toten bereits länger als zwölf Stunden nicht mehr am Leben sei. Damit brachen ausgerechnet die religiösen Fundamentalisten ein Grundgebot des Islam, dass Tote so schnell wie möglich beerdigt werden müssen. "In der Moschee sind die Bedingungen katastrophal", berichtete Hasnain weiter, "die Studenten hungern und haben nichts zu trinken".

"Meine Tochter ist gerade mal 18 und sehr ängstlich"

An der Moschee kam es zu tragischen Szenen. Eltern, die ihre Kinder in das Seminar geschickt hatten, damit sie eine anerkannte Ausbildung bekommen, stritten sich mit Soldaten und flehten sie an, zur Moschee durchgelassen zu werden, trotz des Gewehrfeuers und des Tränengases in der Luft. "Meine Tochter ist gerade mal 18 und sehr ängstlich", sagte eine Mutter in einem hellen, bunten Kopftuch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. "Ich konnte mit ihr telefonieren, und sie bat mich, zu kommen und sie rauszuholen."

Etliche Eltern beschworen die Polizei, sie durch den Stacheldraht zu lassen, den die Sicherheitskräfte um die Moschee gelegt haben. Doch sie wurden von den Schwerbewaffneten zurückgehalten. Nur einigen gelang es, die Militärs zu überreden. "Ich habe wenigen erlaubt, in das Gebäude zu gehen", sagte Colonel Ali, Truppenführer einer paramilitärischen Einheit, "doch es gelang ihnen nicht, mit ihren Kindern zurückzukehren." Die Führer der Moschee ließen dies nicht zu. "Es ist furchtbar und erbärmlich", urteilte Ali.

Es ist unklar, wie viele Menschen sich noch in der Moschee befinden. Colonel Ali schätzt, dass sich noch 400 darin aufhalten, die Hälfte davon seien Frauen. Ali sagte, das Verhör von rund 1000 Koranschüler, die freiwillig die Moschee verlassen hatten, habe ergeben, dass sich noch etwa 100 Bewaffnete verschanzt hielten.

In einer Feuerpause bot der mit seinen Schülern verschanzte radikale Islamisten-Prediger an, gegen freies Geleit aufzugeben. "Diejenigen, die aufgeben, sollten nicht verhaftet werden", sagte Abdul Rashid Ghazi dem Sender Aaj am Abend. Die Regierung lehnte das Angebot ab und forderte erneut eine bedingungslose Kapitulation.

Gewaltige Explosion am Abend

Als es dunkel wurde über der pakistanischen Hauptstadt, stand eine gewaltige Rauchwolke über dem Gebiet, in dem sich das Gotteshaus befindet. Das Minarett zeichnete sich nur noch düster am Horizont ab. Kurz zuvor hatte es eine gewaltige Explosion gegeben.

Die Gewalt in der pakistanischen Hauptstadt ist nur das letzte Kapitel eines lange anhaltenden Streits zwischen den Anhängern der Roten Moschee und der Regierung von Präsident Pervez Musharraf. Die Führer der Moschee streben einen islamistischen Gottesstaat an, wie er einst von den Taliban in Afghanistan errichtet worden war.

Musharraf, der als enger Verbündeter der Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terror gilt, steht von zwei Seiten unter Druck: Er hat es mit einer zunehmend militanten Bewegung im Land zu tun und wird gleichzeitig von prodemokratischen Aktivisten angegriffen, die sich darüber empören, dass der Präsident im März versuchte, den obersten Richter des Landes zu entlassen. Liberale Politiker üben Druck auf Musharraf aus, gegen die Führer der Moschee - zwei Brüder - eine harte Gangart einzuschlagen. Und im Ausland wächst die Sorge, dass die Taliban-artige Bewegung in Pakistan weiter wächst, in einem Land, das die Atombombe hat.

Hochspannung vor dem Freitagsgebet

Mit Spannung wird der Freitag erwartet, der Feiertag der Muslime. Die Freitagsgebete könnten die Spannung noch einmal steigern. Die Regierung pokert hoch: "Wir scheuen uns nicht, das heilige Haus selbst an einem Freitag zu stürmen", sagte ein hoher Beamter SPIEGEL ONLINE. Auch eine hohe Regierungsbeamtin, die anonym bleiben will, sagt: "Für das Militär ist der Freitag kein Thema." Was die Soldaten bisher zurückhalte, sei die Tatsache, dass sich Frauen und Kinder in der Moschee aufhielten. Wäre dies nicht der Fall, gebe es kein Zögern.

Dennoch: Vorbehalte bleiben, angesichts der Vorstellung, dass bewaffnete Soldaten heiligen Grund betreten. Dies könnte zu massivem Widerstand führen. Die große Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung unterstützt die Geistlichen der Moschee zwar nicht, doch die Verletzung des heiligen Bezirks könnte sogar Präsident Musharraf in Bedrängnis bringen.

Nach wie vor steht die Drohung der fanatischen Religionsführer im Raum, die Studenten würden sich in der Manier von Selbstmordattentätern opfern, sollte die Armee stürmen. Colonel Ali ist sich nicht sicher: "Es könnte sein, dass sich Selbstmordattentäter in der Moschee befinden." Es befänden sich neben den vielen Geiseln auch Extremisten in dem Gebäude, die zu allem bereit seien.



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