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06. April 2003, 15:46 Uhr

Islamische Geistliche

"Selbstmord-Attentate sind erlaubt"

Die höchsten islamischen Geistliche rufen immer offener zu Selbstmord-Attentaten gegen die Alliierten im Irak auf. Unter ihnen ist auch Mohammed Sajjid Tantawi, der religiöse Führer der Sunniten. Beobachtern zufolge ist nach der Einnahme Bagdads mit einem Anstieg solcher Anschläge zu rechnen.

Gewalt ist erlaubt: Sunniten-Führer Tantawi
AP

Gewalt ist erlaubt: Sunniten-Führer Tantawi

Kairo - Nach Ansicht von Tantawi, Großscheich der Al-Azhar-Moschee in Kairo, sind alle Beteiligten am Irak-Krieg gleichermaßen Verbrecher. Hussein, weil er sein eigenes Volk unterdrückt und ermordet habe. Die Amerikaner und Briten, weil sie die Ehre des Irak verletzt hätten. Und die Führung von Kuweit, weil sie im Kampf gegen ein arabisches Land ein nicht-arabisches Land zu Hilfe gerufen hätten.

Einen Kreuzzug will der Sunniten-Führer in dem Irak-Krieg nicht erkennen. Dazu hätten sich zu viele christliche Nationen und Religionsführer gegen die Invasion ausgesprochen - unter anderem auch Papst Johannes Paul II. Dieser hatte sich am Sonntag erneut für ein Ende der Gewalt im Irak ausgesprochen. "Möge Gott dafür sorgen, dass dieser Konflikt bald zu Ende geht und einer neuen Zeit des Vergebens, der Liebe und des Friedens Platz macht", sagte er bei seiner wöchentlichen Ansprache.

Tantawi, der auch eine der wichtigsten islamischen Universitäten leitet, ist dagegen überhaupt nicht friedlich gestimmt. "Selbstmord-Attentate sind nach islamischem Gesetz erlaubt", sagte er am Samstag. Er scheute sich auch nicht, seine Glaubensbrüder offen zu solchen Aktionen aufzurufen: "Wer immer in den Irak gehen will, um dem irakischen Volk zu helfen, die Tür ist offen. Und ich sage, die Tür zum Heiligen Krieg ist offen."

Schon eine Woche zuvor hatte sich der syrische Großmufti, Scheich Achmed Kaftaro, für Selbstmord-Attentate ausgesprochen. Nach islamischem Recht ist Selbstmord als Verbrechen geächtet, zur Verteidigung des eigenen Landes oder anderer Muslime jedoch erlaubt.

Der Anführer der Schiiten in Libanon, Scheich Mohammed Hussein Fadlallah, rief außerdem am Samstag dazu auf, einer von den USA eingesetzten Regierung im Irak Widerstand entgegenzusetzen: "Wir müssen uns gegen jeden Mann wehren, den Amerika als Gouverneur einzusetzen versucht". Damit reagierte Fadlallah auf die Ankündung der USA, in Kürze Pläne für eine Interimsregierung vorzulegen.

Radikale muslimische Gruppen und selbst ernannte "Gotteskrieger" rüsten nach Ansicht von Dia Raschwan, Politologe am Kairoer Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Forschung, schon für die Zeit nach dem Sturm auf Bagdad. Bereits jetzt sind nach irakischen Angaben rund 6000 Araber in der irakischen Hauptstadt, die zu allen Opfern bereit seien. Viele Tausend "Freiwillige" mehr werden es sein, wenn Briten und US-Amerikaner erst die Kontrolle über das Zweistromland übernommen haben, meint Raschwan.

Abdel Moati Bajumi, Mitglied des islamischen Forschungszentrums der Al-Azhar-Universität, rechnet ebenfalls mit einem Anstieg von Selbstmord-Attentaten, sobald die irakische Hauptstadt eingenommen ist: "Bagdad ist ein besonderes religiöses Symbol. Das war die Hauptstadt des islamischen Kalifats während der Abbassiden-Zeit in den Jahren 750 bis 1258. Die Umstellung und ein Angriff auf die Stadt wird Osama Bin Laden und al-Qaida neue Legitimität geben". Und kein islamischer Führer könne danach mehr eine gegen die USA gerichtete "Antwort" verurteilen, so Bajumi.

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