Türkische IS-Gefangene Die mysteriöse Geiselbefreiung von Mossul

101 Tage waren 49 Menschen aus dem türkischen Generalkonsulat in Mossul Geiseln der Terrormiliz "Islamischer Staat". Jetzt kamen sie frei. Über die Hintergründe schweigen die Mächtigen in Ankara.

Von , Istanbul


Ein Bild erfreut die Türkei: Premierminister Ahmet Davutoglu, gerade mal ein paar Wochen im Amt, hält den Kopf von Öztürk Yilmaz mit beiden Händen und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Yilmaz lächelt, er wirkt erschöpft.

Yilmaz ist türkischer Generalkonsul in Mossul, jedenfalls war er es bis zum 11. Juni, als Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die diplomatische Vertretung stürmten und insgesamt 49 Menschen, darunter Yilmaz und seine Familie, als Geiseln nahmen.

Am Samstag verkündeten Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, die Geiselnahme sei beendet. Erdogan ließ schriftlich verbreiten, die Geiseln seien in einer "nächtlichen Rettungsoperation" befreit worden. Angeblich wurde sie vom Geheimdienst MIT geführt, beteiligt waren nach Angaben des türkischen Außenministers Mevlüt auch sein Haus sowie die türkische Armee.

Regierung und Opposition in seltener Eintracht

Die türkischen Staatsbürger waren am frühen Samstagmorgen von Syrien aus über die Grenze nach Sanliurfa gebracht worden, wo Davutoglu sie empfing. Anschließend flog er gemeinsam mit ihnen in die Hauptstadt Ankara. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums sagte, es handele sich um 46 Personen, drei der Gefangenen seien Iraker gewesen, die für das Generalkonsulat gearbeitet hätten. Sie seien nicht in die Türkei gebracht worden.

Davutoglu begrüßt Konsul Yilmaz in Ankara
REUTERS

Davutoglu begrüßt Konsul Yilmaz in Ankara

Regierung und Opposition äußerten sich am Samstag in seltener Eintracht. Davutoglu sprach von einer "freudigen Nachricht", Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von "großer Freude" und erklärte, er habe den Premierminister angerufen und ihm gratuliert.

Doch wie die nächtliche Befreiungsaktion vonstattenging, darüber schweigen die Mächtigen. Weder Davutoglu noch Erdogan nannten Details. Mehrere türkische Zeitungen verbreiten, es sei kein Lösegeld gezahlt worden. Auch habe es keinen Gefangenenaustausch gegeben.

Die Geiseln, heißt es weiter in den Berichten, seien von IS-Kämpfern bis an die Grenze gebracht und dort an die Türkei übergeben worden. Waffengewalt soll demnach nicht angewandt worden sein. Darauf deutet auch Davutoglus Aussage hin, der glückliche Ausgang sei Folge "tagelanger, wochenlanger harter Arbeit". Dabei seien "Kontakte" hilfreich gewesen. Zudem seien alle Geiseln unverletzt und wohlauf.

Verhandlungen zwischen Ankara und IS

Außenminister Cavusoglu erklärte am Samstagvormittag, IS hätte als Zeitpunkt für die Freilassung den 20. September genannt, nachdem frühere Termine ohne Ergebnis verstrichen waren. Damit räumte er ein, dass es Verhandlungen zwischen Ankara und IS gegeben hat.

Die Geiselnahme hatte enorme Verrenkungen für die türkische Regierung zur Folge: Sie weigerte sich beharrlich, IS als Terrororganisation zu bezeichnen. Erdogan, bis Ende August noch Premierminister, hatte erklärt, er lasse sich nicht zu einer Wortwahl drängen, die die türkischen Geiseln in Gefahr bringe.

Als vor einer Woche US-Außenminister John Kerry nach Ankara reiste, um die Türkei zur Unterstützung im Kampf gegen IS zu bewegen, holte er sich eine Abfuhr ab. Der Nato-Partner gab sich zögerlich und erlaubte nicht einmal, dass der Luftwaffenstützpunkt Incirlik nahe der syrischen Grenze für Luftschläge gegen IS-Stellungen genutzt werden darf. Lediglich humanitäre Hilfe würde man leisten. Mehrere hunderttausend Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien leben derzeit in der Türkei. Eine Offensive in Syrien löste eine neue Massenflucht aus.

Ihre Zurückhaltung begründeten türkische Politiker immer wieder mit ihrer Sorge um die Geiseln. Das "Wall Street Journal" nannte die Türkei daraufhin "unseren Nicht-Verbündeten in Ankara". Die IS-nahe Nachrichtenseite "Takva Haber" hingegen sieht in der Weigerung der Türkei, sich der Koalition gegen IS anzuschließen, einen Erfolg. Diese Haltung sei der Grund für die Freilassung der Geiseln gewesen. Die Türkei habe durch die Verhandlungen mit den Dschihadisten den "Islamischen Staat" inoffiziell anerkannt. IS habe das belohnt.

Westliche Diplomaten verärgert

Ob eine solche Lösung ausgehandelt wurde, ist ungewiss. Auch wie es überhaupt zu der Geiselnahme kommen und ein hochgesichertes Generalkonsulat eingenommen werden konnte - 30 Geiseln waren immerhin Spezialkräfte zum Schutz der Vertretung -, ist nicht beantwortet. Die Regierung hatte, angeblich nur zum Schutz der Gefangenen, eine Nachrichtensperre verhängt.

Aus westlichen Diplomatenkreisen hieß es am Samstag, die Türkei habe IS-Kämpfer bisher unterstützt und vergeblich dazu genutzt, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. Einer, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, er freue sich über den "guten Ausgang dieses Dramas", aber es sei "bemerkenswert, dass amerikanische und britische Geiseln vor laufender Kamera geköpft werden, während türkische freikommen". Jetzt, da die "Ausrede der Geiselnahme" nicht mehr gelte, müsse die Türkei beweisen, auf wessen Seite sie stehe.

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sanhe 20.09.2014
1. Verhältnis zwischen Türkei und IS sehr interessant...
Das erfreuliche Freikommen der türkischen Geiseln lässt nur 2 Schlüsse über die Hintergründe zu: Entweder floss hohes Lösegeld an den IS oder die Türkei hat doch engere Verbindungen zum IS als angenommen und dem IS Unterstützung in irgendeiner Form zugesagt. Beides wäre für sich gesehen bedenklich.
bettertimes 20.09.2014
2. Verhandlungen mit den Dschihadisten?
Auch wenn kein Geld geflossen ist, so dürften doch die Bedingungen für die Freilassung der Geiseln der türkischen Regierung wohl eher von den Dschihadisten der IS diktiert worden sein. Eine davon wird mit Sicherheit auch der zukünftige Verzicht der Türkei auf eine militärische Unterstützung der "Anti-IS-Koalition" sein. Alles andere zu glauben wäre wohl naiv!
haltetdendieb 20.09.2014
3. Die Türkei hat engere Verbindungen zum IS
Das ist historisch bedingt. Eben noch Partner, fällt es schwer, den ehemaligen Partner auf einmal als Terroristen zu bezeichnen. Mag er noch so sehr Terrorist sein. Der Geheimdienst hat bestenfalls, falls überhaupt, Millionen an Lösegeld überreicht, die Armee den Abzug gesichert. Der IS ist der Sieger in dieser Geschichte, die türkische Regierung verliert im Westen ihr Gesicht. Was ihr wahrscheinlich total egal ist. Islam ist dicker als Blut. Und die Türkei will nicht mehr der säkulare Staat sein, der sie nie war. Ich bin gespannt wie sich die Geschichte um den IS und die Türkei entwickelt. Alle Optionen sind offen!
jbond007 20.09.2014
4. nicht koscher
ist mir das. ich weiss nicht, wie ich das tuerkische verhalten beurteilen soll. aber ich habe respekt davor, dass den leben der geiseln prioritaet eingeraeumt wurde. jetzt hat die tuerkei allerdings keine "ausrede" mehr, ihren verbuendeten die unterstuetzung zu verweigern. ich bin gespannt.
samsi 20.09.2014
5. Lösegeld oder Einfluss
Lösegeld ist die Art wie Deutschland seine Probleme löst ..die Türkei jedoch mit Einfluss Macht ..den wenn die Türkei geduldig wartet dann nicht weil es sich Fürchtet sonder weil es den Krieg als letzte Option zieht, doch wenn die letzte Option als die einzige erscheint und hier war es an der Zeit, das IS die Geiseln liefert ...sonst währen die Türkei nicht nur in Bagdat sondern auch in Damaskus ...
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