Audio-Botschaft des IS-Chefs Baghdadis Opferrhetorik klingt wie bei Saddam Hussein

Der "Islamische Staat" steht besser da denn je - diese Botschaft verbreitet der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi. Seine Drohungen gegen Israel verraten allerdings, dass das nicht stimmt.

IS-Chef al-Baghdadi: "Sorgt euch nicht, ihr Muslime!
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IS-Chef al-Baghdadi: "Sorgt euch nicht, ihr Muslime!

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Für einen selbsternannten Staatschef macht sich Abu Bakr al-Baghdadi ganz schön rar. In der Öffentlichkeit hat er sich nur ein einziges Mal gezeigt, das ist jetzt fast genau anderthalb Jahre her. Auf seine jüngste Audiobotschaft mussten die Anhänger des "Islamischen Staats" (IS) mehr als sieben Monate warten. Am Samstag veröffentlichten die Dschihadisten eine 24-minütige Ansprache ihres Anführers.

Die Rede unterscheidet sich deutlich von seiner letzten Audiobotschaft vom Mai dieses Jahres. Damals redete ein selbstbewusster Mann, der sich mit den Eroberungen seiner Miliz brüstete und die Muslime aller Welt aufrief, in das Kalifat auszuwandern, das Baghdadi im Sommer 2014 ausgerufen hatte.

Sieben Monate später äußert sich der IS-Chef deutlich defensiver. Indirekt räumt er Niederlagen, Rückschläge und die Unterwanderung durch Spione ein. "Sorgt euch nicht, ihr Muslime! Eurem Staat geht es gut und er wächst mit jedem Tag", beteuert Baghdadi. "Mit jeder Härte, die ihn ereilt, spuckt er die Heuchler und Agenten aus und wird stärker und entschlossener."

Kein Wort zu den Anschlägen von Paris

In Wahrheit haben die Dschihadisten in den vergangenen Wochen einige Rückschläge hinnehmen müssen. Kurdische und arabische Einheiten rücken auf die IS-Hauptstadt Rakka vor, die direkte Verbindungsstraße zwischen Rakka und der irakischen Millionenstadt Mossul wurde gekappt. Nun hat die Miliz auch die Kontrolle über Ramadi verloren. Die irakische Armee und schiitische Milizen haben die Stadt hundert Kilometer westlich von Bagdad nach eigenen Angaben inzwischen zurückerobert.

Baghdadi geht auf die Rückschläge nicht im Einzelnen ein, auch die IS-Terroranschläge von Paris und auf das russische Passagierflugzeug über der ägyptischen Sinai-Halbinsel erwähnt er nicht.

Stattdessen verdammt er die von Saudi-Arabien ausgerufene Militärkoalition, die den IS und andere Terrororganisationen bekämpfen will. "Muslime! Die derzeitige Schlacht ist nicht nur ein Kreuzzug, sondern ein totaler Krieg zwischen den Nationen des Unglaubens und der Nation des Islam", sagt der IS-Chef. Der Anführer einer Terrororganisation, die selbst allen Andersdenkenden den Krieg erklärt hat und die Weltherrschaft anstrebt, beklagt sich nun also darüber, dass die bedrohten Staaten den Kampf gegen den IS aufnehmen.

Baghdadi setzt den IS selbst unter Druck

Baghdadi reagiert genauso wie Saddam Hussein und andere arabische Diktatoren vor ihm, die in die Enge getrieben wurden: Er stilisiert sich zum Opfer einer Weltverschwörung und spielt die Israel-Karte. Einen großen Teil seiner Rede widmet der IS-Chef seinen Drohungen gegen Israel: "Die Juden dachten, wir hätten sie vergessen, weil sie uns abgelenkt haben. Aber wir haben Palästina nicht für einen Augenblick vergessen", sagte Baghdadi. "Unsere Bataillone kommen mit jedem Tag näher, und schon bald werden die Juden uns in Palästina sehen."

Drohungen gegen Israel gehören seit jeher zum rhetorischen Repertoire in die Ecke getriebener arabischer Diktatoren. "Wir werden die Hälfte Israels verbrennen", kündigte Saddam Hussein an, als die US-geführte Koalition nach der Kuwait-Invasion 1990 Krieg gegen den Irak führte. Zehn Jahre später schwadronierte er noch einmal von der Zerstörung Israels.

Ziel dieser Drohungen ist es stets, Sympathien in der islamischen Welt zu gewinnen und auch jene Muslime hinter sich zu scharen, die Saddam, den IS oder andere sonst ideologisch ablehnen. Saddam ist mit dieser Taktik gescheitert - auch weil sich seine Ankündigungen als leere Drohungen erwiesen haben.

Mit seiner Audiobotschaft setzt Baghdadi nun den IS unter Druck. Er hat Angriffe in Israel angekündigt - wenn diese nicht stattfinden, würde seine Terrororganisation in den Augen ihrer Anhänger als ähnlich zahnlos entlarvt wie einst Iraks Armee.

insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
jhea 28.12.2015
1. Ach wie niedlich
Weitermachen!
fazil57guenes 28.12.2015
2.
Wenn das wirkliche Männer oder Anführer sein wollen, dann sollten sie sich nicht ständig hinter anderen verstecken und andere für sich opfern lassen, die dann noch völlig unschuldige mit in den Tod reissen.
alyeska 28.12.2015
3. Baghdadi ein zahnloser Tiger?
Noch hat er Zähne, aber er verliert von Tag zu Tag immer mehr davon. Dabei sind die übrig gebliebenen Zähne durchaus gefährlich, schwächen aber merklich das Gesamtsystem und werden in der Zahnlosigkeit enden.
90-grad 28.12.2015
4. Der Mann hat jeden Bezug
zur Realität verloren. Und dass es nur sog. Audiobotschaften gibt, keine "Prahlerei zu Paris, etc." erscheint mir auch seltsam.
hansfrans79 28.12.2015
5.
Zitat von jheaWeitermachen!
Und wieder zeigt sich, dass unter meinen Mitmenschen nicht wenige Ihre Ansichten auf den gleichen Ideen von Rache und Vergeltung gründen und sich damit nicht einmal marginal von den is Schergen unterscheiden.
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