Endlich verständlich So funktioniert der "Islamische Staat"

Warum nimmt der "Islamische Staat" Europa ins Visier? Im Hintergrundformat "Endlich verständlich" finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen zu der Terrorgruppe.

Von

AFP


Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist der „Islamische Staat“ (IS)?
  2. In welchen Ländern gibt es den IS?
  3. Wer sind die Anführer des IS?
  4. Was ist über den IS-Chef bekannt?
  5. Wie ist der IS entstanden?
  6. Wie hat der IS sein „Kalifat“ erobert?
  7. Wie finanziert sich der IS?
  8. Wie regiert der IS?
  9. Was hat der „Islamische Staat“ mit dem Islam zu tun?
  10. Was predigen die Klerikalen des IS?
  11. Warum bekämpften sich Sunniten und Schiiten?
  12. Warum enthauptet der IS seine Gefangenen?
  13. Warum zerstört der IS das Weltkulturerbe?
  14. Nimmt der IS Europa ins Visier?
  15. Wer hat sich aus Deutschland dem IS angeschlossen?
  16. Wer kämpft gegen den IS?
  17. Was tut Deutschland gegen den IS?
  18. Warum ist es so schwierig, den IS zu besiegen?
  19. Tagebuch aus einer Stadt unter dem IS-Regime
  20. Wo erfahre ich mehr über den IS?

1. Was ist der „Islamische Staat“ (IS)?

Der „Islamische Staat“ ist eine Terrororganisation, die aus dem irakischen Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida hervorgegangen ist und in den vergangenen zwei Jahren große Gebiete in Syrien und im Irak erobert hat. Die Miliz regiert in ihrem Machtbereich mit großer Grausamkeit – sie lässt Widersacher und Gefangene exekutieren, bestraft Vergehen gegen die eigene Auslegung des Korans mit drakonischen Strafen, lässt vor laufender Kamera Geiseln enthaupten und die Videos durch die eigene Propagandamaschine weltweit verbreiten.

Der IS ist gleichzeitig auch ein Staatenprojekt. Konkret geht es um den Aufbau eines vermeintlich islamischen Staates, in dem die IS-Ideologie die Staatsreligion bildet. Der IS verklärt sich zu einer fundamentalistischen Utopie, die Radikale in aller Welt elektrisiert. Dadurch ist er zu einer Marke von internationaler Anziehungskraft geworden. Selbst Attentäter, die nie direkt mit dem IS in Kontakt standen, berufen sich auf ihn. Kriminelle Gruppen und islamistische Milizen betonen Verbindungen zum IS, weil sie sich im Wettbewerb mit Rivalen Vorteile versprechen.

Forscher streiten, wie man den Islamischen Staat bezeichnen sollte: Volker Perthes, Leiter des außenpolitischen Thinktanks Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), schlägt „dschihadistisches Staatsbildungsprojekt“ vor. Der amerikanische Terrorismusforscher Brian Fishman hat den IS als „governmental amoeba“, also als „Staatsamöbe“ (die laufend ihre Form ändert), bezeichnet.

2. In welchen Ländern gibt es den IS?

Der Westirak und der angrenzende Nordosten Syriens sind die Kernregion des IS. Die dünn besiedelte Wüstenregion ist etwa so groß wie Belgien und die Niederlande. Dort kontrolliert der IS die wichtigsten Städte und Verbindungsrouten. Die Miliz versucht, in diesem Gebiet ihre Macht zu konsolidieren und Stützpunkte zu erobern, die noch von anderen Gruppen gehalten werden.

In Libyen nisten sich IS-Rückkehrer aus Syrien ein. Sie konnten die Küstenstadt Derna im Osten unter ihre Kontrolle bringen. Nun versuchen sie, auch in anderen Städten die Vorherrschaft zu erringen.

In Ländern wie Pakistan oder Nigeria, wo es rivalisierende Milizen gibt, mehren sich die Trittbrettfahrer: Milizen schwören dem IS-Kalifen die Treue, weil sie sich einen Vorteil gegenüber ihren lokalen Konkurrenten erhoffen. Der IS nimmt solche Treueschwüre als Gratis-PR gerne an.

Mehrere Attentäter in westlichen Ländern haben sich auf den IS berufen. So hatte sich Amedy Coulibaly, der Franzose, der in einem jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 vier Menschen ermordet hat, zu der Miliz bekannt. Dabei war Coulibaly niemals im Irak oder in Syrien. Er hatte keinen Kontakt zur IS-Führung, der Anschlag war nicht vom IS geplant.

3. Wer sind die Anführer des IS?

Über die Führungsriege des IS ist wenig bekannt. Die Miliz hat kaum Interesse, die Namen ihrer wichtigsten Männer öffentlich zu machen – solche Informationen würden nur dem Gegner nützen. Terrorismusforscher und Geheimdienste vermuten aber, dass die Führungsstruktur des IS ungefähr so aussehen dürfte.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

Die meisten Mitglieder des Führungsrats sind Iraker und langjährige Dschihad-Veteranen, viele waren Militärs oder Geheimdienstler im Regime von Saddam Hussein. Neun von ihnen saßen zusammen im US-Gefängnis Camp Bucca ein.

Die vier wichtigsten Männer neben IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi:

Stellvertreter Abu Alaa al-Afri, 1957 oder 1959 geboren, stammt aus Mossul und soll als Physiklehrer gearbeitet haben, bevor er sich dem Dschihad zuwandte. Afri kämpfte erst in Afghanistan, dann im Irak, wo er zum Vertrauten von Abu Musab al-Zarqawi wurde, dem Gründer der irakischen al-Qaida. Afri soll im Mai 2015 bei einem US-Luftangriff getötet worden sein, was die USA bisher allerdings nicht bestätigt haben.

Irak-Beauftragter Fadel al-Hayali (Kampfname: Abu Muslim al-Turkmani), war unter Saddam Hussein Offizier der irakischen Spezialkräfte. Berichten zufolge soll auch er bei einem Luftangriff getötet worden sein.

Syrien-Beauftragter Adnan al-Sweidawi (Abu Ali al-Anbari) war Generalmajor in Saddam Husseins Armee. Er stammt aus der westirakischen Provinz Anbar.

IS-Sprecher Taha Subhi Falaha (Abu Mohammed al-Adnani) kämpfte im Irak jahrelang als Dschihadist gegen die Soldaten der US-geführten Koalition.

Auch ein deutscher Radikaler soll Mitglied im IS-Kabinett sein: der ägyptischstämmige Reda Seyam, als Bildungsminister. Laut irakischer Regierung ist er im Dezember 2014 bei Gefechten ums Leben gekommen. Ob diese Information stimmt, ist jedoch unklar.

Für die Kriegsführung ist der Militärrat zuständig. Die Kommandeure genießen in ihrem jeweiligen Einsatzgebiet Autonomie. Einer der bekanntesten IS-Militärchefs ist der gebürtige Georgier Tarkhan Batiraschwili, der sich Omar al-Shishani nennen lässt.

4. Was ist über den IS-Chef bekannt?

Die Miliz bezeichnet Abu Bakr al-Baghdadi als ihren Kalifen, als ihren unangefochtenen Anführer. Zumindest nach außen ist Baghdadi das Gesicht der Organisation. 2011 haben die USA bis zu zehn Millionen Dollar für Hinweise ausgeschrieben, die zu seiner Festnahme führen.

Eigentlich heißt er Ibrahim al-Badri. Doch für seine neue Rolle ab 2010 als Chef der irakischen al-Qaida, dem Vorläufer des IS, wählte Badri den Kampfnamen Abu Bakr al-Baghdadi. Al-Baghdadi soll nahelegen, dass er aus der irakischen Hauptstadt stammt. Doch Badri wurde am 1. Juli 1971 in Samarra geboren, rund 125 Kilometer nördlich von Bagdad am Ufer des Tigris. Sein Kampfname ist ebenfalls symbolisch: In der Geschichte des Islam spielte Abu Bakr als Schwiegervater und einer der ersten Anhänger des Propheten Mohammed eine wichtige Rolle.

Seit Ausrufung des Kalifats im Juni 2014 lässt sich Badri alias Baghdadi nun Kalif Ibrahim nennen.

Als Ibrahim al-Badri aufwuchs, herrschte noch der sunnitische Diktator Saddam Hussein über den mehrheitlich schiitischen Irak. Unter den Sunniten Samarras hatte der Diktator viele Anhänger. Zwei von Badris Onkeln dienten in den Sicherheitskräften des Regimes. Die guten Beziehungen seiner Familie zum Hussein-Regime haben Badri den Weg geebnet: Trotz mäßiger Noten nahm ihn die Fakultät für Islamwissenschaften der Universität Bagdad an. Um den zwei- bis dreijährigen Wehrdienst kam er als untauglich eingestuft herum. Dabei war er – von seiner Kurzsichtigkeit abgesehen – kerngesund; in der Schule und an der Uni galt er als guter Fußballspieler.

Im Februar 2004 wurde Badri von US-Soldaten verhaftet: Er hatte einen radikalislamischen Freund besucht und wurde nach einer Razzia kurzerhand ebenfalls mitgenommen. Zehn Monate saß Badri in Camp Bucca ein, einem der größten US-Gefängnisse im Irak. Dort soll er sich radikalisiert und Kontakte zur irakischen al-Qaida geknüpft haben.

5. Wie ist der IS entstanden?

Der „Islamische Staat“ ist aus der irakischen al-Qaida hervorgegangen; er nutzte die Bürgerkriege im Irak und in Syrien, um sich eine Machtbasis zu schaffen. Chronologie eines rasanten Aufstiegs:

2003

Der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi verübt Anschläge im Irak – er kämpft gegen die Besatzung des Landes durch US-Soldaten. Zarqawi kennt Qaida-Chef Osama Bin Laden aus dessen Zeit in Afghanistan. Zarqawi wird Bin Ladens Mann für den Irak.

2004

Zarqawi filmt erstmals eine Hinrichtung: Die US-Geisel Nicholas Berg wird vor laufender Kamera geköpft. Ab Oktober 2004 nennen sich Zarqawis Männer „al-Qaida im Irak“.

2005

Die Miliz wird zum Magnet für Dschihadisten aus aller Welt. Sie reisen über Syrien in den Irak, um sich Zarqawi anzuschließen. Auch im Irak selbst mangelt es nicht an Rekruten: Nach dem Einmarsch der USA werden Armee, Geheimdienste, Milizen und Ministerien aufgelöst. Tausende sind plötzlich ohne Lohn. Viele schließen sich den Dschihadisten an.

2006

Nach einer Bombe auf ein schiitisches Heiligtum im Irak bricht ein neuer Bürgerkrieg aus. Hinter dem Anschlag wird die irakische al-Qaida vermutet. Im Juni wird Zarqawi durch einen US-Luftangriff getötet. Neuer Anführer wird Abu Omar al-Baghdadi. Der Qaida-Ableger nennt sich jetzt „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) und terrorisiert das Land mit einer Anschlagswelle.

2007

Die USA stocken ihre Truppen im Irak auf und können die Dschihadisten vorübergehend zurückdrängen. Zudem lehnen sich die sunnitischen Stämme der Provinz Anbar gegen die Miliz auf.

2010

ISI-Chef Abu Omar al-Baghdadi kommt bei einem US-Luftangriff ums Leben. Neuer Chef wird Abu Bakr al-Baghdadi.

2011

Die Proteste in Syrien weiten sich aus. Präsident Baschar al-Assad lässt im Mai im Rahmen einer Amnestie inhaftierte Dschihadisten frei; sie sollen helfen, die Aufständischen zu unterwandern. Viele der Ex-Häftlinge tauchen als Milizenchefs wieder auf. Im August schickt die ISI-Führung mehrere Männer, darunter den Syrer Abu Mohammed al-Golani, nach Syrien, wo sie einen neuen Qaida-Ableger gründen – die Nusra-Front.

2012

Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri ruft Muslime in aller Welt auf, in Syrien gegen das Regime von Baschar al-Assad zu kämpfen. Gleichzeitig protestieren im Westen des Irak Sunniten gegen die Regierung; sie fühlen sich von Bagdad gegängelt und bedroht. Der ISI ruft sunnitische Iraker dazu auf, sich der Miliz anzuschließen.

2013

Im März gibt das syrische Regime die Provinzstadt Rakka auf; Rebellengruppen übernehmen die Macht. Im April kommt es zum Bruch zwischen Nusra-Anführer al-Golani und ISI-Chef Baghdadi. Von nun an gibt es zwei Qaida-Ableger in Syrien: die Nusra-Front und ISIS, den „Islamischen Staat im Irak und in Syrien“, wie sich die irakische al-Qaida fortan nennt. Der ISIS breitet sich in Nordsyrien schnell aus. Mögliche Widersacher werden verschleppt und exekutiert.

6. Wie hat der IS sein „Kalifat“ erobert?

Im Januar 2014 reißt ISIS die vollständige Kontrolle über die syrische Provinzstadt Rakka an sich und ruft den Ort zur Hauptstadt seines Emirats aus. Gleichzeitig schaffen es syrische Rebellengruppen, ISIS aus dem Nordwesten Syriens zurückzudrängen.

Im Februar bricht Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri öffentlich mit ISIS. Doch die Miliz ficht das nicht an: Ihre Anführer, verkündet sie trotzig, seien die wahren Nachfolger des getöteten Qaida-Gründers Osama Bin Laden – und eben nicht Zawahiri.

Im Juni marschiert der ISIS in Mossul ein, erobert Tikrit und massakriert in der Nähe der Stadt Hunderte irakische Soldaten. Am 29. Juni ruft ISIS ein Kalifat aus und benennt sich in IS um, den Islamischen Staat. IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ernennt sich in Mossul Kalifen Ibrahim.

Im August rückt der IS in den Nordirak vor. Das Schicksal der jesidischen Iraker zieht die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Die USA beginnen am 8. August, Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak zu fliegen. Am 19. August veröffentlicht der IS ein Video, in dem erstmals die Ermordung einer westlichen Geisel gezeigt wird, des amerikanischen Journalisten James Foley. Am 22. September beginnen die USA zusammen mit arabischen Golfstaaten die Bombardierung von IS-Stellungen in Syrien.

Im Januar 2015 muss der IS eine schwere Niederlage hinnehmen: Unterstützt durch die internationalen Luftschläge drängt eine Koalition aus irakischen und syrischen Kurdenmilizen sowie syrischen Rebellen die Dschihadisten aus der syrischen Stadt Kobane zurück. Der Preis ist hoch, die Stadt wird nahezu vollständig zerstört.

Im März wird IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi angeblich bei einem Luftangriff verletzt. Doch kurz darauf ist der IS wieder auf dem Vormarsch: Im Mai nimmt er die syrische Stadt Palmyra ein, dazu die irakische Stadt Ramadi.

Erstmals tritt der IS auch in Libyen in Erscheinung: Er hat das Machtvakuum des Bürgerkriegs genutzt und kontrolliert nun die Stadt Derna.

7. Wie finanziert sich der IS?

Die Einnahmen des IS kommen zum Großteil aus den Gebieten, die er kontrolliert – er ist eine Beute-Ökonomie. Doch die Miliz hat inzwischen Regeln eingeführt, um den Raub zu reglementieren und ihn so zu legitimieren.

Zwangspfändung: Der IS bedient sich am Privateigentum von Menschen, die er als Feinde einstuft. Beschlagnahmt werden: Regierungseinrichtungen, Privathäuser von Vertretern des Assad-Regimes oder der irakischen Regierung sowie Häuser von Menschen, die vor dem IS geflohen sind.

Versklavung und Zwangsprostitution: Der IS verschleppt Menschen, die er als Irrgläubige einstuft und die ihm nützlich erscheinen. So wurden Hunderte jesidische Frauen und Kinder von der Miliz entführt und verkauft. Von ihren vermeintlichen Besitzern werden sie zu Arbeit und Sex gezwungen.

Lösegeld: Einige Geiseln hat der IS gegen Bezahlung wieder freigelassen, darunter syrische und irakische Christen, Jesiden und andere Angehörige von Minderheiten. Als besonders lukrativ gilt die Entführung westlicher Geiseln. Mit gekidnappten europäischen Journalisten hat der IS Millionen verdient.

Einkommensteuer: Der IS verlangt von Unternehmern und Bauern sowie von Beamten, die noch ihr Gehalt vom syrischen und irakischen Staat bekommen, einen Anteil ihres Einkommens; in der Regel liegt die Abgabe etwa bei einem Zehntel. Für Unternehmer kann es sich trotzdem lohnen, in vom IS-kontrollierten Gebieten zu operieren: Statt von diversen Milizen bestohlen zu werden, müssen sie nur einmal zahlen.

Zoll: Der IS belegt Transportfahrzeuge, die Waren oder Passagiere durch seinen Machtbereich bringen, mit einer Zwangsabgabe. Auch hier gilt für viele Lkw- oder Busfahrer: Lieber einmal vom IS abkassiert werden als mehrfach von anderen Räuberbanden.

Kulturraub: Das Chaos im Irak und in Syrien begünstigt den Schmuggel von Altertümern – Plünderer konnten geraubte Kunstwerke weiterverkaufen. Der IS versucht nun, diese einträgliche Einnahmequelle unter seine Kontrolle zu bringen. Er hat ein Ministerium für Altertümer eingerichtet, das Lizenzen an Grabräuber vergibt.

Ölschmuggel: Dieser hat eine lange Tradition in den Regionen des Irak, die nun vom IS kontrolliert werden. Diesen Schwarzmarkt hat nun die Miliz übernommen. Der IS erzielte so zunächst Millioneneinnahmen, allerdings sind diese durch die Luftangriffe auf Ölförderungsanlagen stark eingebrochen.

Strom und Wasser: In seinem Machtbereich hat der IS die öffentlichen Versorger übernommen: Strom, Wasser, Krankenhäuser. Wo Stromnetz oder Abwassersystem beschädigt waren, ließ der IS sie vielerorts reparieren. Die Angestellten der öffentlichen Betriebe blieben dieselben; sie erhalten ihr Gehalt oft weiterhin aus Damaskus oder Bagdad. Ein Teil der Einnahmen fließt an den IS.

8. Wie regiert der IS?

Der „Islamische Staat“ hat ein ausgefeiltes Verwaltungssystem. Auf “Staatsebene“ gibt es das IS-Regierungskabinett, den IS-Militärrat und den Schura-Rat, in dem die IS-Klerikalen sitzen, die gleichzeitig als oberste Richter fungieren. Eine Trennung zwischen Religion und Staat existiert nicht; die IS-Ideologie ist offizielle Staatsdoktrin.

Der IS hat seine Gebiete in Provinzen aufgeteilt, diese wiederum in Bezirke. Jede Provinz wird von einem IS-Gouverneur regiert. Dabei nutzt er die ihm unterstellte zivile Verwaltung, einen eigenen Sicherheitsapparat samt Geheimdienst sowie eigene Gerichtshöfe. Die Bezirke haben ebenfalls eigene Verwaltungs- und Sicherheitsorgane sowie Richter.

Ein IS-Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, zeigt die Struktur für die Bezirke.

Vielerorts übernimmt der IS bestehende Strukturen und vorhandenes Personal. Beamte und Fachkräfte wie Ärzte, Imame, Professoren können ihren Job behalten. Manche bekommen sogar weiter ihr Gehalt aus Bagdad oder Damaskus. Zugleich wirbt der IS um qualifizierte Einwanderer aus dem Ausland.

Gewaltenteilung gibt es nicht. Der Kalif und seine regionalen Stellvertreter, die Gouverneure, agieren als Exekutive und Legislative in einem: Sie schaffen neue Regeln und Gesetze per Erlass und sorgen gleich auch für deren Durchsetzung.

Gerichte und Überwachungsapparat sind die wichtigsten Herrschaftsinstrumente des IS. Drakonische Strafen sollen verhindern, dass sich Bürger gegen den IS auflehnen. Der IS ähnelt darin den zerfallenden Staaten, die er ablöst: Syrien und der Irak sind Geheimdienststaaten, in denen Folter, Brutalität und Korruption zum Alltag gehören.

Gleichzeitig geben die Erlasse und Urteile den Menschen nach Jahren des Bürgerkrieges wieder eine gewisse Stabilität. Der IS schafft eine neue, wenn auch brutale Ordnung.

9. Was hat der „Islamische Staat“ mit dem Islam zu tun?

Führende muslimische Theologen lehnen die Miliz und ihre Doktrin ab. In einem offenen Brief an IS-Chef Baghdadi haben mehr als 120 von ihnen in 24 Punkten dargelegt, wo der IS-Anführer irrt – und warum die Ideologie der Miliz dem Islam widerspricht.

Die Interpretation der heiligen Texte ist im Islam eigentlich den führenden Theologen vorbehalten. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Macht der Islamgelehrten in den meisten Ländern von autoritären Herrschern gestutzt.

Ausnahmen sind Iran und Saudi-Arabien: Dort untermauern die Machthaber ihren Herrschaftsanspruch mit ihrer eigenen Islam-Interpretation. Diese haben sie zur Staatsreligion erhoben, über deren Auslegung mächtige Klerikale wachen.

Der “Islamische Staat“ macht es Iran und Saudi-Arabien nun nach: Auch er hat eine eigene Islam-Interpretation entwickelt und zur Staatsreligion gemacht. Seinen eigenen Islamgelehrten, die diese Ideologie stützen, erteilt er weitreichende Befugnisse: Sie überprüfen, ob die Politik des IS konform ist mit der Islam-Version der Terroristen.

10. Was predigen die Klerikalen des IS?

Von den existierenden Islam-Strömungen ist die IS-Auslegung dem Wahhabismus Saudi-Arabiens am ähnlichsten. Sie ist fundamentalistisch, versteht sich als Rückkehr zum wahren Islam. Die meisten heutigen Muslime praktizieren demnach einen vermeintlich falschen, aufgeweichten Islam. Daher messen die IS-Klerikalen den historischen Überlieferungen über die ersten Muslime eine sehr große Bedeutung zu - viel mehr als andere Islamgelehrte.

Dabei sind diese historischen Anekdoten wenig zuverlässig zur Ableitung religiöser Prinzipien. Oft ist nicht klar, wer sie wann verfasst hat. Sie stammen aus der Anfangszeit des Islam, die durch erbitterte Flügelkämpfe und Expansionskriege geprägt war.

Der IS leitet jedoch gerade aus solchen Anekdoten grundlegende Verhaltensregeln ab. Die simple Maxime: Wenn die ersten Muslime so gehandelt haben, kann es heute nicht falsch sein. IS-Klerikale ignorieren oft sogar, dass manche dieser Erzählungen in direktem Widerspruch zu bedeutenden Passagen in den Heiligen Schriften stehen.

Die Miliz predigt die nahende Apokalypse. Es ist ein Lockruf an internationale Rekruten, bei einem vermeintlich historischen Projekt dabei zu sein - auf der richtigen Seite. Die Vorstellung, dass der Tag des Jüngsten Gerichtes bevorsteht, gibt es im Christentum wie im Islam. In den vergangenen Jahrzehnten allerdings hat sie sich in der radikalislamistischen Gedankenwelt stark verbreitet.

In den Konflikten mit Israel und später im Einmarsch der US-Soldaten im Irak 2003 sahen manche Dschihadisten Vorboten dieses Endkampfs. Der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, der den IS-Vorläufer irakische al-Qaida gegründet hatte, war beseelt von der Vorstellung der kommenden Apokalypse. In den Erzählungen der muslimischen Untergangsversion spielen die Städte Jerusalem und Damaskus eine zentrale Rolle.

Auch die Idee eines Kalifats ist nicht neu. Wie ein solches entstehen könnte, beschrieb 2004 ein Qaida-Pamphlet im Internet, “Die Verwaltung der Barbarei“: Dschihadisten müssten sich in schwachen muslimischen Staaten einnisten und deren Zerfall mit Gewalt beschleunigen. So könnten nach und nach Enklaven erobert und schließlich ein islamischer Staat geschaffen werden.

Neu ist, dass der IS dieses Strategiepapier auch praktisch umsetzt. Er hat ein Kalifat ausgerufen, dessen Gebiet er noch nicht vollständig kontrolliert, und ermuntert Menschen aus aller Welt, sich anzusiedeln. Es ist ein konkretes politisches Projekt.

11. Warum bekämpften sich Sunniten und Schiiten?

Schiismus und Sunnismus sind die beiden Hauptströmungen des Islam, wobei die Gemeinschaft der Sunniten weltweit die größte Fraktion stellt – ihr gehören Schätzungen zufolge zwischen 85 und 90 Prozent der Muslime an. Im Glauben und in der religiösen Praxis gibt es wenig Unterschiede zwischen den Strömungen. Die Spaltung geht auf einen Streit im siebten Jahrhundert zurück, wer als rechtmäßiger Nachfolger des Propheten Mohammed gelten darf: Nach Mohammeds Tod unterstützten die Sunniten Abu Bakr als Nachfolger, einen Vertrauten Mohammeds. Die Schiiten lehnten ihn ab und unterstützten Ali, den Vetter und Schwiegersohn Mohammeds. Daher stammt auch ihr Name: Schiatu Ali, die Unterstützer Alis. In vielen Ländern gibt es beide Religionsgruppen, manchmal sogar innerhalb einer Familie – es gibt einige Vielvölkerstaaten im Nahen Osten, in denen unterschiedliche Konfessionen und Ethnien zusammenleben.

Doch es gibt im Nahen Osten auch Herrscher, die Religion instrumentalisieren: Sie spielen die verschiedenen konfessionellen und ethnischen Gruppen gegeneinander aus, um sie leichter beherrschen zu können.

Konflikte um Macht und Wohlstand werden so zu Glaubensfragen aufgeladen, bei denen Kompromisse kaum Platz finden. Paramilitärische Gruppen entstehen, die sich entlang religiöser Linien organisieren und Jagd auf vermeintlich Andersgläubige machen – auch Zivilisten.

In Syrien und im Irak lässt sich ein solcher Zerfall beobachten: So spielt die irakische Armee, in der Sunniten und Schiiten kämpfen sollten, kaum noch eine Rolle. Stattdessen wird der Bürgerkrieg dominiert vom radikal-sunnitischen IS (mit 30.000 bis 240.000 Kämpfern), den radikal-schiitischen Mobilisierten Volkskräfte (mit bis zu 100.000 Mann) sowie kurdischen Milizen (mit noch einmal 80.000 bis 200.000 Kämpfern). Die Zahlen zeigen aber auch: Die Mehrheit der 32,6 Millionen Iraker kämpft gar nicht; sie hat sich keiner konfessionellen oder ethnischen Miliz angeschlossen.

Nicht nur einheimische Politiker spielen die Gruppen gegeneinander aus. Auch ausländische Mächte mischen sich ein. So unterstützen Iran (Schiiten) und Saudi-Arabien (Sunniten) diverse Milizen in mehreren Ländern des Nahen Ostens. Dabei geht es ihnen oft weniger um Religion als um Realpolitik: Iran und Saudi-Arabien sind Rivalen um die Vormachtstellung am Golf. Beide wollen ihren Einfluss in der Region ausweiten.

12. Warum enthauptet der IS seine Gefangenen?

Der IS verhängt drakonische Strafen wie aus dem Mittelalter. Schon bei geringsten Verstößen gegen die Regeln der Islamisten drohen Auspeitschungen oder noch härtere Strafen. Auf Vergehen wie Ehebruch steht sogar die Todesstrafe.

Enthauptungen geschehen nicht im Verborgenen, sondern vor Publikum. In eroberten Städten köpft der IS auf den zentralen Plätzen. Wenn die Miliz ihre grausame Schau fürs Ausland aufführt, wie bei der Ermordung westlicher Reporter, wird die Tat aufwendig gefilmt. Die Gräueltaten sind Teil der Kriegsführung, sie sollen den Gegner demütigen und demoralisieren.

Die Taktik funktioniert: Als der IS im Mai 2015 auf das syrische Palmyra vorrückte, ergriffen viele syrische Soldaten die Flucht. Sie wussten, was ihnen bei Gefangennahme drohen könnte. Nach der Einnahme von Palmyra ließ der IS vermeintliche gegnerische Kämpfer und Spitzel mitsamt ihren Familien köpfen. Manche der Leichen wurden in der Stadt zur Schau gestellt: eine deutliche Warnung an die Bevölkerung.

Die Gräueltaten sollen den Gegner außerdem provozieren – und so zu Fehlern zwingen. So haben IS-Gegner Racheakte an sunnitisch-arabischen Zivilisten verübt. Das nützt dem IS, weil es die Rekrutierung neuer Unterstützer leichter macht.

13. Warum zerstört der IS das Weltkulturerbe?

Der IS hat eine fundamentalistische Islam-Auslegung zur Staatsreligion erhoben. Er betrachtet viele historische Schätze und Stätten als Götzenhuldigung. Dabei hat der IS es nicht nur auf die Tempel und Götterstatuen anderer Zivilisationen abgesehen wie die der Assyrer und der Mesopotamier, die vor Jahrtausenden über Teile des Irak und Syriens herrschten. Genauso zerstört die Miliz muslimische Heiligtümer, die es für unerlaubten Ikonenkult hält, beispielsweise Jahrhunderte alte Schreine, die bestimmten Heiligen gewidmet sind sowie prunkvolle Kalligraphie und Bilder.

Das Vorgehen des IS erinnert an die reformatorischen Bilderstürmer im 16. Jahrhundert, die aus vielen Kirchen vermeintlich unerlaubte Darstellungen von Heiligen entfernten und teils verkauften oder vernichteten. Nur nutzt der IS neuere Methoden, um die Kunstwerke zu zerstören: Bulldozer, Sprengstoff und Bohrmaschinen.

Inzwischen hat der IS mit der Zerstörung von zwei Unesco-Weltkulturerbestätten begonnen: die Ruinenstadt Hatra im Irak und Palmyra in Syrien.

Der IS nutzt die Verwüstung der historischen Schätze auch für Propagandazwecke. Aufwändig dokumentiert die Miliz die Verwüstungen mit mehreren Kameras. Meist werden die Aufnahmen allerdings nicht sofort veröffentlicht, sondern erst, wenn er gerade wieder eine militärische Niederlage einstecken musste. Der IS will so Stärke signalisieren.

Zudem kommt dem IS der Aufschrei im Westen gerade recht, der die Verwüstungen jedes Mal begleitet. Die Dschihadisten können so tun, als hätten sie ihren westlichen Gegner empfindlich getroffen. Gleichzeitig verweisen sie auf die internationalen Reaktionen, um gegen den Westen zu hetzen: Der Westen interessiere sich mehr für die historischen Stätten als für die Menschen im Irak und in Syrien, behauptet der IS.

Nicht nur der IS wütet: Andere Weltkulturerbestätten, wie die Altstadt von Aleppo, wurden durch den Krieg bereits völlig zerstört.

14. Nimmt der IS Europa ins Visier?

Seit sich im Herbst 2014 eine internationale Koalition gegen den IS formiert hat, haben die Dschihadisten wiederholt zu Anschlägen in Staaten aufgerufen, die sich an dem Kampf beteiligen, also auch in Europa. Zudem hat der IS gezielt zu Attacken gegen europäische Juden aufgerufen.

Französische Dschihadismus-Experten wie Wassim Nasr und David Thomson gehen davon aus, dass die Terrorgefahr in Europa auch ohne die Aufstellung der internationalen Koalition gestiegen wäre wegen der vielen Europäer, die zum IS reisen und dort militärische Erfahrung sammeln. Thomson, der seit mehreren Jahren französische und belgische Dschihadisten interviewt, berichtet, dass viele schon 2012 sagten, sie wollten auch Anschläge in der ihnen verhassten Heimat verüben. "Das ist in ihrer DNA", sagt Nasr.

Vor der Anschlagsserie von Paris gab es keine Erkenntnisse darüber, dass die IS-Führung selbst Anschläge in Europa plante. Das brauchte sie auch gar nicht: Mehrere Attentäter in Europa haben sich bereits auf den IS berufen, obwohl manche von ihnen keinen direkten Kontakt zur Miliz hatten und auch niemals in Syrien oder im Irak waren. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) geht davon aus, dass vor allem von radikalisierten Einzeltätern oder Kleinstgruppen eine Gefahr ausgeht.

15. Wer hat sich aus Deutschland dem IS angeschlossen?

Nach Erkenntnissen des Bundesamts für Verfassungsschutz sind bisher mehr als 800 Männer, Frauen und Kinder aus Deutschland nach Syrien ausgereist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich alle dem IS angeschlossen haben. Manche reisen auch in das Bürgerkriegsland, um humanitäre Hilfe zu leisten. Rund ein Drittel der Ausgereisten sind nach Deutschland zurückkehrt. Die Gründe sind nicht immer eindeutig. Mindestens 85 der Ausgereisten sind bereits gestorben.

Die Syrien-Ausreiser sind in der Regel männlich, zwischen 15 und 35 Jahre alt, bereits zuvor mit Straftaten aufgefallen (Gewaltdelikte, Diebstahl, Drogen) und haben einen Migrationshintergrund. Zu diesem Ergebnis kam der Verfassungsschutz in einer Studie, die 378 Ausreise-Fälle analysiert.

Das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus beim Landespolizeipräsidium analysierte die Lebensumstände der 23 Hessen, die bis Oktober 2013 aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Syrien ausgereist waren: 20 der 23 waren männlich, alle waren zwischen 16 und 34, die Hälfte war bereits zuvor kriminell geworden und 22 der 23 hatten einen Migrationshintergrund. Eine Mischung aus Perspektivlosigkeit und Identitätssuche sei allen gemein gewesen. Ihrem Umfeld war die Radikalisierung oft aufgefallen; die Männer hatten sich meist von ihren Eltern und alten Freunden distanziert.

16. Wer kämpft gegen den IS?

Unterschiedliche Milizen und Nationen, die oft selbst verfeindet sind, bekämpfen den IS in Syrien und im Irak. Zum Teil sind es einheimische Verbände, zum Teil ausländische Truppen.

Die größten Gruppen sind die US-geführte, internationale Koalition gegen den IS und die Mitglieder der von Iran geführten Allianz. Manche der Bündnispartner greifen nur im Irak ein, andere nur in Syrien, einige in beiden Ländern. Die verschiedenen Bündnisse im Überblick:

Einheimische Milizen

In Syrien bekämpfen verschiedene Assad-treue, syrisch-kurdische, Assad-feindliche und andere radikalislamistische Milizen den IS. Im Irak wird er von Bagdad-treuen schiitischen Milizen, der irakischen Armee, irakisch-kurdischen Milizen und irakisch-arabischen Milizen bekämpft.

US-geführte Koalition

Die meisten Luftangriffe werden von den USA geflogen. Sowohl im Irak als auch in Syrien bekommen sie Unterstützung von Kanada, Jordanien, Marokko, Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Ausschließlich in Syrien intervenieren Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die arabischen Golfstaaten haben zuletzt ihre Unterstützung reduziert, weil sie sich auf den Krieg im Jemen konzentrieren. Nur im Irak sind Australien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, die Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Portugal, Spanien und die Türkei aktiv.

Manche Länder der US-Koalition beteiligen sich mit Kampfjets, andere mit Militärausbildern für die irakischen Truppen. Deutschland liefert in den Irak Waffen und Material und bildet Kämpfer der kurdischen Peschmerga sowie der Jesiden aus. Im November 2015 kündigte die Bundesregierung an, in Syrien die Koalition mit Aufklärungstornados, Luftbetankung und einer Fregatte zu unterstützen.

Die Türkei stellt den US-Jets seit Juli 2015 ihre Stützpunkte zur Verfügung. Die Regierung in Ankara hatte selbst Bombenangriffe auf den IS angekündigt. Die meisten türkischen Luftschläge scheinen allerdings bisher der verbotenen türkisch-kurdischen "Arbeiterorganisation" (PKK) zu gelten.

Die PKK-Kämpfer und PKK-Ableger stellen sich im Irak und in Syrien dem IS entgegen und werden von den US-Kampfjets aus der Luft unterstützt. Zudem helfen seit Herbst 2015 US-Spezialkräfte als Militärberater dem syrischen PKK-Ableger. Allerdings sind die PKK-Einheiten formal kein Teil der Koalition, da die Gruppe von vielen Ländern als Terrororganisation eingestuft wird.

Iran-geführte Koalition

Iran interveniert in Syrien und im Irak mit Waffen, Geld und Militärausbildern. Zudem schickt Teheran Milizionäre. Die libanesische Hisbollah ist vor allem in Syrien aktiv mit Tausenden ihrer Kämpfer. Der Fokus dieser Koalition liegt allerdings nicht auf dem IS, sondern syrischen Rebellengruppen, die ihrerseits den IS bekämpfen.

Russland

Moskau interveniert seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges 2011 zugunsten von Baschar al-Assad. Seit September 2015 hat Russland seine Intervention ausgeweitet und fliegt zudem Luftangriffe auf Syrien. Der Fokus Russlands liegt allerdings nicht auf der Bekämpfung des IS. Verschiedene Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass 10 bis 20 Prozent der russischen Bomben IS-Ziele treffen. Dagegen gelten 80 bis 90 Prozent Bomben gelten syrischen Rebellengruppen, die ihrerseits den IS bekämpfen, oder Zivilisten, die in den von Rebellen kontrollierten Gebieten leben.

17. Was tut Deutschland gegen den IS?

Deutschland beteiligt sich an der internationalen Koalition gegen den „Islamischen Staat“. Gleichzeitig geht es auch im eigenen Land gegen IS-Anhänger vor.

In Deutschland ist der IS seit September 2014 als Organisation verboten, die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet. Selbst die Vorbereitung einer Unterstützung des IS ist strafbar. Sicherheitsbehörden versuchen die Ausreisen zu verhindern, indem sie den Verdächtigen den Reisepass entziehen.

Rückkehrer werden von den Sicherheitsbehörden beobachtet, gegen manche ergeht ein Haftbefehl. Im ersten deutschen Prozess gegen einen IS-Rückkehrer wurde im Dezember 2014 ein 20-jähriger Hesse wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Dazu beteiligt sich Deutschland an einer Ausbildungsmission für die irakische Armee und irakisch-kurdische Peschmerga-Kämpfer mit bis zu 100 Bundeswehrsoldaten als Trainern. Nach Angaben der Bundesregierung liegt der Fokus dabei auf einer infanteristischen Grundausbildung, Sanitätsdienst, der Beseitigung von Sprengfallen sowie Führung und Taktik. An den Bombardierungen beteiligt sich Deutschland nicht.

Den irakischen Kurden hat Deutschland 2014 Waffen im Wert von rund 70 Millionen Euro geschenkt, darunter ausgemusterte Fahrzeuge, Panzerabwehrraketen und Sturmgewehre.

Die irakische Regierung bekommt von Deutschland keine Waffen. Sie soll aber nicht-tödliche Ausrüstung wie Nachtsichtgeräte oder Schutzhelme erhalten.

Im November 2015 kündigte die Bundesregierung an, in Syrien die Koalition mit Aufklärungstornados, Luftbetankung und einer Fregatte zu unterstützen – insgesamt bis zu 1200 Bundeswehr-Soldaten. Zudem scheint sich die Bundesregierung auch die Option offen zu lassen, im Notfall Bundeswehr-Soldaten einzusetzen, um abgestürzte Soldaten der Koalition zu retten. In der Kabinettvorlage ist diesbezüglich verklausuliert von "Sicherung und Schutz, gegebenenfalls Rettung und Rückführung isolierten Personals" die Rede.

18. Warum ist es so schwierig, den IS zu besiegen?

Die größte Stärke des IS ist die Schwäche seiner Gegner: Sie sind zerstritten und bekämpfen sich gegenseitig. Nach Jahren der kriegerischen Auseinandersetzungen oder Bürgerkriege haben Syrien und der Irak keine schlagkräftigen Nationalarmeen mehr. Der IS breitet sich in diesem Machtvakuum aus. Solange diese nationalen Konflikte nicht gelöst werden, wird auch der IS nicht besiegt werden.

Die Miliz reagiert mit hoher Flexibilität und passt sich an veränderte Bedingungen an: Auf die internationalen Bombardierungen reagiert sie mit besserer Tarnung. Statt in ihren üblichen Konvois fahren die Dschihadisten mit unauffälligen Fahrzeugen und mischen sich unter Zivilisten. Mehrmals haben sie während eines Sandsturms angegriffen, in der Hoffnung, dass die internationalen Kampfjets dann nicht eingreifen können.

Die Anführer der Miliz haben langjährige Erfahrung im Untergrund. Während der US-Besatzungszeit im Irak mussten sie sich verstecken und wissen, wie man die Überwachungsmethoden der Amerikaner austrickst.

Doch unbesiegbar ist der IS nicht: Verschiedene Milizen konnten im Irak und in Syrien Erfolge gegen ihn verzeichnen. Die größte symbolische Niederlage des IS war die Schlacht um die syrische Provinzstadt Kobane, wo die Dschihadisten von syrischen und irakischen Kurdenkämpfern und einer syrischen Rebellenmiliz geschlagen wurden. Dabei halfen amerikanische Bombardements. Der Preis war allerdings hoch: Die Stadt liegt in Trümmern. Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende.

19. Tagebuch aus einer Stadt unter dem IS-Regime

Stellen Sie sich vor, der IS hat Ihre Stadt besetzt. Morde und Folter sind an der Tagesordnung. Nur eine Gruppe erhebt sich gegen die Fanatiker: al-Qaida - ausgerechnet. Im libyschen Darna ist dieses Horrorszenario Realität. Farrah Schennib berichtet im Tagebuch vom Überleben unter Islamisten.

Eine Stadt unter dem IS-Terrorregime: Tagebuch aus dem Fegefeuer

20. Wo erfahre ich mehr über den IS?

Experten haben zahlreiche Bücher über die Gruppe veröffentlicht. Eine Auswahl:

Christoph Reuter, „Die Schwarze Macht“

SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter berichtet seit Jahrzehnten über Dschihadisten im Irak und Syrien. Sein Buch beschreibt aus nächster Nähe den Aufstieg der Miliz. Reuter beschreibt seine Erfahrungen auf Dutzenden Reisen durch Syrien und den Irak. Zudem wertet er interne Strategiepapiere des IS aus.

Hassan Hassan und Michael Weiss, „ISIS: Inside the Army of Terror“

Der Journalist Hassan Hassan stammt aus dem Nordosten Syriens, wo der IS-Vorläufer, die irakische al-Qaida, seit einem Jahrzehnt aktiv ist. Zusammen mit dem amerikanischen Journalisten Michael Weiss hat er über 80 IS-Mitglieder interviewt sowie internationale Militärs, Geheimdienstler und Forscher, die sich seit Langem mit der Organisation beschäftigen.

Behnam T. Said, „Islamischer Staat: IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden“

Der Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte Said arbeitet für den Hamburger Verfassungsschutz. Er beschreibt, wie weit in Syrien und im Irak die Wurzeln der Radikalislamisten zurückreichen. Zudem beleuchtet er die deutsche Szene, in der die IS-Propaganda auf Widerhall stößt.

Grafik: Michael Niestedt, Hanz Sayami, Alexander Trempler, DER SPIEGEL

Layout: Katja Braun, Hanz Sayami

Programmierung: Guido Grigat, Frank Kalinowski, Chris Kurt


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