Terror gegen Russland und Frankreich Die neue Strategie des IS

Die Anschläge von Paris markieren einen Strategiewechsel des IS. Erstmals sollen die Dschihadisten von Syrien aus Attentate im Ausland organisiert haben. Damit wird die Terrororganisation dem Qaida-Netzwerk immer ähnlicher.

IS-Kämpfer in Propagandavideo: "Wir müssen uns auf eine neue Lage einstellen"
REUTERS

IS-Kämpfer in Propagandavideo: "Wir müssen uns auf eine neue Lage einstellen"

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Erst der Bombenanschlag auf das russische Passagierflugzeug über dem Sinai, dann die Attentate von Paris. Innerhalb von nur zwei Wochen hat die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) verheerende Anschläge gegen Ziele im Ausland verübt. Insgesamt wurden dabei etwa 350 Menschen getötet.

Die Attentate richteten sich gegen Zivilisten aus Russland und Frankreich. Zwei Länder, die Luftangriffe gegen Stellungen des IS im Irak und in Syrien fliegen.

Nach den Erkenntnissen der Geheimdienste wurden beide Attacken von hochrangigen IS-Kadern in Syrien gesteuert. Im Falle des abgestürzten Airbus deuten abgefangene Gespräche zwischen Dschihadisten in der inoffiziellen IS-Hauptstadt Rakka und dem ägyptischen Ableger der Terrororganisation darauf hin. Der in Syrien abgetauchte belgische Islamist Abdelhamid Abaaoud wiederum gilt als Drahtzieher der Anschläge von Paris. Offenbar bildete er zumindest einige der Selbstmordattentäter in Syrien aus und schickte sie dann für die Attentate zurück nach Europa.

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Der IS wird al-Qaida immer ähnlicher

Die zentral gesteuerten Anschläge markieren einen Strategiewechsel: Die Dschihadisten haben damit den Terror erstmals geplant und organisiert in die Länder getragen, die gegen den IS Krieg führen. Besonders die koordinierten Attentate von Paris im Stile einer Kommandoaktion überraschten die europäischen Geheimdienste.

Noch im Spätsommer waren deutsche Sicherheitsbehörden davon ausgegangen, dass der IS seine Priorität in der "Konsolidierung bestehender Einflusssphären" sehe. Damit würden Ressourcen in Syrien und dem Irak gebunden und die "operative Fähigkeit" gemindert, "international Anschläge in westlichen Staaten zu koordinieren". So steht es in einer vertraulichen Analyse des Bundesinnenministeriums.

In der Lesart der Nachrichtendienste und Polizeibehörden konzentrierte sich die Terrormiliz auf den Aufbau eines islamistischen Kalifats. IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi hatte im April 2013 den Kampf gegen das syrische Regime zum obersten Ziel seiner Organisation erklärt, als er mit al-Qaida und dem Bin-Laden-Nachfolger Ayman al-Zawahiri brach.

Anschläge in westlichen Ländern waren damit zwar nicht generell ausgeschlossen, sie wurden aber wie im Fall der Pariser Attentate vom Januar eher begrüßt als beauftragt. Der IS sei bislang eher Inspirator denn Organisator gewesen, schrieb die "Süddeutsche Zeitung".

Damit scheint es nun vorbei zu sein. "Wir müssen uns auf eine neue Lage einstellen", sagt ein hochrangiger Sicherheitsbeamter aus Berlin.

Mittlerweile operiert der IS ähnlich wie al-Qaida zu Beginn des Jahrtausends. Damals verübten Kommandos im Namen der Organisation Anschläge in New York und Washington, Madrid und London. Nach den Attentaten von Paris hat der IS in einem neuen Video bereits die US-Hauptstadt als künftiges Anschlagsziel benannt. Der CIA-Chef sagt, er rechne mit weiteren Anschlägen des IS im Westen.

Und noch etwas ist neu: Zum ersten Mal hat die Miliz Selbstmordattentäter in Europa eingesetzt. Während sich in Syrien und dem Irak bereits Dutzende Freiwillige aus dem Westen in die Luft gejagt haben, darunter zahlreiche Deutsche, war diese perfide Form eines Anschlags in den Heimatländern der Attentäter bislang unbekannt.

Selbstmordattentate sind kaum zu verhindern

Der IS greife in Syrien und dem Irak besonders häufig auf Ausländer zurück, weil "diese Männer hochgradig ideologisch motiviert sind und lokal nicht verankert". So erklärte der Terrorforscher Peter R. Neumann das Phänomen vor einiger Zeit im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Selbstmordattentate sind militärisch sinnvoll. Sie können mit vergleichsweise wenig Aufwand großen Schaden anrichten und verbreiten zugleich extreme Furcht", sagte Neumann.

Auch die deutschen Sicherheitsbehörden sind überrascht. "Das hat eine ganz neue und besondere Qualität", sagt ein Staatsschützer. "Zum einen weil man eine ungeheure Entschlossenheit und Radikalität dafür braucht. Zum anderen weil solche Anschläge eigentlich nicht mehr zu verhindern sind, wenn die Attentäter erst einmal auf der Straße sind."


Zusammengefasst: Die Terrororganisation "Islamischer Staat" hat die Anschläge von Paris nach Erkenntnissen der Ermittler von Syrien aus gesteuert. Das ist ein Novum. Die europäischen Geheimdienste hatte bislang angenommen, dass der IS auf den Aufbau seines Quasi-Staats im Irak und in Syrien konzentrieren würde. Stattdessen suchen die Dschihadisten nun die direkte Konfrontation mit dem Westen.

Video: Spur führt nach Syrien

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