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Anschlagsserie im Fastenmonat: Die Ramadan-Offensive des IS

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Überlebende des Attentats in Kuwait: Anschlag auf die schiitische Minderheit Zur Großansicht
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Überlebende des Attentats in Kuwait: Anschlag auf die schiitische Minderheit

Der "Islamische Staat" hat sich zu den Attentaten in Tunesien und Kuwait bekannt. Im Fastenmonat Ramadan will die Terrororganisation damit Stärke demonstrieren. In den kommenden Wochen drohen weitere Anschläge.

Eigentlich ist der Ramadan ein Monat der spirituellen Einkehr und Besinnung. Die Muslime sollen den Fastenmonat nutzen, um sich mehr noch als sonst auf ihren Glauben zu konzentrieren und besonders gottesfürchtig zu leben.

Doch der Ramadan ist seit den Anfängen des Islam auch ein Monat des Kampfes. Prophet Mohammed besiegte einst während des Ramadan den herrschenden Stamm seiner Heimatstadt Mekka, sechs Jahres später zog er mit seinem Heer siegreich in Mekka ein.

Der "Islamische Staat" (IS) beruft sich auf diese Überlieferungen und leitet daraus das Recht ab, im Ramadan mit besonderer Härte und Rücksichtslosigkeit gegen seine Feinde vorzugehen. Der Sprecher der Terrororganisation, Abu Mohammed al-Adnani, hatte erst am Dienstag IS-Unterstützer zu Anschlägen aufgefordert. Die Dschihadisten sollten den heiligen Monat in einen "Schrecken für Ungläubige, Schiiten und abtrünnige Muslime" verwandeln. Adnani nannte Jordanien, Saudi-Arabien und den Libanon als Ziele.

Kuwaits Herrscher setzen ein Zeichen

An diesem Freitag folgten Taten - aber in anderen Ländern. In Tunesien feuerte ein Attentäter an einem Hotelstrand in Sousse auf ausländische Touristen. Er tötete mindestens 38 Menschen. Nach Angaben der tunesischen Regierung sind neben Briten und Belgiern auch Deutsche unter den Toten.

In Kuwait sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einer schiitischen Moschee in die Luft. Er riss mindestens 27 Menschen mit in den Tod, mindestens 227 weitere wurden verletzt.

Der IS bekannte sich zu beiden Anschläge. Sie richteten sich wie von Adnani gefordert zum einen gegen Nichtmuslime und zum anderen gegen Schiiten. Die IS-Fundamentalisten betrachten die Schiiten als Häretiker, also Muslime, die sich vom "wahren Glauben" abgewandt hätten. In den vergangenen Wochen hatten die Dschihadisten bereits Selbstmordattentate auf schiitische Moscheen im Jemen und in Saudi-Arabien verübt.

Für den kleinen Golfstaat Kuwait war es der verheerendste Anschlag seit Jahrzehnten. Knapp 40 Prozent der Bürger sind dort Schiiten, im Gegensatz zu anderen Golfmonarchien wie Saudi-Arabien oder Bahrain gewährt das sunnitische Herrscherhaus in Kuwait der Minderheit weitgehende Rechte.

Nach dem Attentat setzten Emir Sabah al-Sabah und sein Premierminister Jaber al-Mubarak al-Sabah umgehend ein Zeichen: Das Staatsoberhaupt besuchte demonstrativ die schiitische Moschee, der Regierungschef zeigte sich in Krankenhäusern mit Opfern des Anschlags. "Die Anschläge bedrohen unsere nationale Einheit", sagte der Premierminister. "Aber das wird ihnen nicht gelingen, wir sind viel stärker."

Es war der erste IS-Anschlag in Kuwait. Mit dem Attentat hat die Terrororganisation nun bewiesen, dass sie trotz aller Bemühungen des Westens und der Regierungen in der Region in der Lage ist, in Staaten zuzuschlagen, die bislang als stabil gelten.

Ähnliches gilt für Tunesien: Das Land in Nordafrika ist der einzige Staat in der Region, in dem die Umwälzungen des Arabischen Frühlings zu einem echten Machtwechsel und einer Demokratisierung geführt haben. Der Sturz der Ben-Ali-Diktatur und ihres repressiven Sicherheitsapparats hat aber auch militante Islamisten erstarken lassen. Tausende junger Tunesier haben sich dem IS in Irak und in Syrien angeschlossen, und sie sind auch bereit, in ihrem Heimatland Unschuldige zu töten.

IS will Tunesien ins Chaos stürzen

Das zeigten die Dschihadisten in März mit ihrem Anschlag auf das Bardo-Museum in Tunis, und das haben sie nun mit dem Attentat von Sousse erneut unter Beweis gestellt. Mit den Überfällen auf Touristenziele wollen sie Urlauber abschrecken und das Land seiner wichtigsten Einnahmequelle berauben.

VIDEO: Augenzeuge berichtet von dem Anschlag in Sousse

Ein "Soldat des Kalifats" habe den "abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens" angegriffen, teilte der IS in einem Bekennerschreiben auf Twitter mit. Nach Angaben der tunesischen Behörde soll der Täter ein 23-jähriger Student gewesen sein. Ob er sich vom IS in Libyen, Syrien oder im Irak ausbilden ließ, ist derzeit noch unklar.

Mittelfristig will die Terrormiliz Tunesien wie das Nachbarland Libyen ins Chaos stürzen, in dem dann der IS das Land Stück für Stück unter seine Kontrolle bringt.

Zu dem dritten Anschlag dieses Freitags, der Enthauptung eines Mannes durch einen 35-jährigen Islamisten in Frankreich, hat sich der IS bislang noch nicht bekannt. Die Ermittler gehen aber offenbar davon aus, dass der Täter von den Dschihadisten inspiriert wurde. Er würde damit ins Schema der sogenannten "einsamen Wölfe" fallen. Junge, männliche Muslime, die sich durch die Botschaften der Terroristen radikalisieren und anstiften lassen und schließlich auf eigene Faust handeln.

Weitere Anschläge in den kommenden Wochen sind zu befürchten: Der Ramadan dauert noch knapp drei Wochen, am Montag jährt sich zudem die Ausrufung des "Kalifats" zum ersten Mal - für die IS-Anhänger ein Tag mit besonderer Bedeutung.

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Und wann handeln wir?
Pixopax 27.06.2015
immer mehr Leid, immer mehr Opfer von offenbar irren Salafisten. Wir sollten einmal überlegen ob Europa nicht seine Salafisten und Extremislamisten mit Unterstützern einer terroristischen Vereinigung gleichsetzt, sie inhaftiert. Erworbene Staatbürgerschaft aberkennen und sofort ausweisen. Wer den Salafismus predigt ist gegen dieses Land, für den Terror, und eine Gefahr für die Menschen, dann mögen sie auch woanders leben oder sicher aufbewahrt werden.
2.
kaputtgino 27.06.2015
Was soll diese Aussage 24 Stunden nach dem Attentat? Man ist immer noch nicht in der Lage konkrete Aussagen zu deutschen Opfern abzugeben? Oder soll der Touristenstrom, der sich jetzt, wo NRW als bevölkerungsstärkstes Bundesland in die Ferien geht, auch über Tunesien ergießt - aus wirtschaftlichen Gründen nicht gestört werden? Könnte ja manchem die Ferienlaune und den Gusto hin nach Tunesien verderben....
3. Wann handelt der Westen endlich?
dreckswerbung73 27.06.2015
Wenn es eine übergreifende Miltärdoktrin gibt, die so ziemlich jedes Land auf dieser Welt teilt, dann dass ein Krieg nur mit Luftschlägen nicht zu gewinnen ist. Schon gar nicht gegen eine Guerillaarmee, die selber die asymetrische Kriegstaktik einsetzt. Ob der Westen das nun toll findet oder nicht, zur Ausmerzung des IS muss ein Bündnis inklusive aller Anwohner geschlossen werden, ja auch inklusive der Türkei und wenn es geht auch mit Assad. Nur wenn dann massiv mit Bodentruppen von allen Seiten gegen den IS vorgegangen wird, kann diesem Terrorregime mittelfristig Einhalt geboten werden. Ansonsten kann der Westen und die Anreinerstaaten noch jahrelang Luftschläge durchführen, Milizen ausbilden und Anschläge hinnehmen, bis dann doch die Erkenntnis kommt, dass es ohne einen gemeinsamen Einsatz von regulären Bodentruppen einfach nicht geht.
4. Fanatismus
w.schorer 27.06.2015
ist scheinbar ein Phaenomen von extremen Ideologien oder intensiver Auseinandersetzung mit Glauben wenn "Mensch" das Umfeld und die Welt dadurch aus den Augen verliert. Vielleicht eher ein Problem der Menschheit, ob man sich unter der Nationalsoziolistischen extremen Parolen ermaechtigt fuehlte Macht auszuueben oder unter islamistischem Glauben. Bedeutung kann man heutzutage auch in viel hoeherem Masse erreichen durch den medialen Aufschrei. In WW II sind die inspirierten Jungen Menschen einfach nur irgendwo zerschossen worden und verschwunden. Heute geht eine extreme Tat um die Welt. Der Schritt aus der Bedeutlungslosigkeit eines armseligen Lebens oder verirrten Gedanken wird immer mehr Nachahmer finden und immer mehr Opfer kosten dank der medialen Platform die darauf als Bestaetigung und Belohnung steht. Heldentum wird wohl auch nie aussterben. Wir werden uns mit gewissen Verlustprozenten permanenter Anschlage abfinden muessen wie mit Krankheiten und sollten eine Entmythifizierung der Taeter erreichen.
5. Die Anschläge rücken näher
No Way, Jose 27.06.2015
Noch findet das ganze hauptsächlich im Nahen Osten und Nordafrika statt, und wir glauben, wenn wir nicht gerade das Risiko eingehen und in Tunesien, Ägypten usw. Urlaub machen, kann uns wenig passieren. Aber mit jedem Flüchtlingsboot importieren wir statistisch auch diejenigen, die den "abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens" auch bei uns verorten. Diese Leute haben bereits betende Christen auf offener See ins Meer geschmissen. Da wird noch einiges auf uns zukommen.
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