Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

IS-Angriff auf Ain al-Arab: Im Auge des Sturms

AFP/ AAMAQ NEWS

Die Terroristen des "Islamischen Staats" stehen vor Ain al-Arab, direkt an der Grenze zur Türkei. "Die Lage ist verzweifelt", sagt der Journalist Kurt Pelda, der sich in der Stadt befindet. Trotzdem kämen Zivilisten zurück, um zu kämpfen.

Dorf um Dorf nehmen die Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien ein, immer weiter sind sie in Richtung Norden vorgedrungen, in Richtung der Grenze zur Türkei. Seit einigen Tagen stehen sie vor Ain al-Arab. Die Stadt mit rund 50.000 Einwohnern liegt direkt an der Grenze, sie hat eine strategisch große Bedeutung.

Kurdische Militärs berichteten, die Terroristen griffen die Stadt von drei Seiten an. Man sei ihnen unterlegen, sowohl was die Zahl der Kämpfer als auch was deren Ausrüstung angeht. Schon jetzt sind wohl mehr als 160.000 Menschen in die Türkei geflohen, der Druck auf die Grenzen dürfte weiter steigen, sollten die Islamisten weiter vorrücken.

Der Schweizer Journalist Kurt Pelda ist in Kobani, wie Ain al-Arab von den Kurden genannt wird. Am Telefon beschreibt er die Lage aus seiner Sicht.

Zur Person
SPIEGEL ONLINE: Herr Pelda, was bekommen Sie von den Kämpfen mit?

Pelda: Es ist Gefechtslärm aus dem Westen zu hören, der Wind kommt von dort. Die Kämpfer des IS sind noch fünf, vielleicht zehn Kilometer von der Stadt entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Finden Luftangriffe auf die Terroristen statt?

Pelda: Die amerikanischen Flugzeuge greifen vor allem im Osten an, man hört die Angriffe hier aber nicht, sie sind zu weit weg. Heute Nacht aber nahm ich die erste Drohne wahr, die über die Stadt flog, das war gegen Mitternacht. Ab dann war andauernd etwas los: Erst weitere Drohnen, dann Propellerflugzeuge. Eine Drohne konnte ich sehen, sie hatte ihre Positionslichter an. Am Morgen ab 3 Uhr waren dann Kampfjets zu sehen, F-15, die kreisen über dem Grenzgebiet und streifen dabei die Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Für wie groß halten Sie die derzeitige Bedrohung von Ain al-Arab durch den IS?

Fotostrecke

5  Bilder
"Islamischer Staat": Der Kampf um Kobani
Pelda: Es gab einige Falschmeldungen, wonach schon in der Stadt gekämpft worden sei. Das ist aber bisher nicht der Fall. Trotzdem muss man sagen, dass die Lage verzweifelt ist. Man sah gestern viele kurdische Kämpfer und Kämpferinnen - es sind hier auch viele Frauen im Einsatz -, die Schützengräben aushoben. Da waren auch Bulldozer und Bagger im Einsatz. Die Bedrohung ist sicher sehr groß. Wobei ich auch nicht ausschließen will, dass der IS die Stadt derzeit nicht beschießen will, um die Türken nicht zu provozieren.

SPIEGEL ONLINE: Das halten Sie für möglich?

Pelda: Ich weiß es nicht. Was aus Sicht des IS für den Einmarsch spricht, ist, dass sie in der Stadt relativ sicher vor Luftschlägen sind. Bisher sind sie jedenfalls noch nicht in die Stadt vorgedrungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut sind die Kurden ausgerüstet?

Pelda: Gegen die Panzer des IS können sie nicht allzu viel ausrichten. Sie haben zwar Panzerabwehrlenkwaffen, aber wahrscheinlich sind es noch zu wenige. Es hängt jetzt alles davon ab, ob die Luftangriffe die Panzer ausschalten, auch wenn es derzeit danach aussieht, dass die Volksverteidigungseinheiten die IS-Kämpfer in der letzten Nacht vor allem im Süden zurückgedrängt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Lenkwaffen, sind also Waffen aus dem Westen im Einsatz?

Pelda: Das muss so sein: Bei den "Milan"-Lenkwaffen, die hier im Einsatz sind, handelt es sich nicht um die alten Versionen, mit der die syrische Armee kämpft. Sie müssen also von außerhalb kommen. Ich habe gestern ein Flugzeug mit mindestens zwei schweren Propellermotoren gehört, offenbar ein Transportflugzeug, es hat nicht geschossen. Ich könnte mir vorstellen, dass Material abgeworfen wurde. Ich weiß es aber nicht sicher.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen die Zivilisten nun, möglichst schnell in die Türkei zu fliehen?

Pelda: Zum Teil schon. Viele harrten in der Nacht an der Grenze aus, manche mit ihren Rinder- oder Schafherden. Sie haben Angst, in ihren Häusern zu bleiben. Man weiß ja, dass die IS-Kämpfer meist nachts angreifen. Sie würden wohl auch über die Grenze gehen, aber die ist ziemlich gut gesichert, die kann man nicht einfach so passieren. Am offiziellen Grenzübergang von Kobani, der manchmal für Flüchtlinge geöffnet wird, geht im Moment niemand rüber. Wahrscheinlich haben die Türken die Grenze geschlossen. Es gibt aber auch Zivilisten, die zurückkommen in die Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sie das?

Pelda: Manche vertrauen darauf, dass die Stadt verteidigt werden kann. Es gibt aber auch Zivilisten, die kämpfen wollen. Gestern kamen ein paar Hundert Männer, die hatten von der türkischen Seite aus einen Grenzzaun niedergedrückt. Es gibt Bewegungen in beide Richtungen.

SPIEGEL ONLINE: Für wie groß halten Sie die Chance, dass die Stadt gegen den IS verteidigt werden kann?

Pelda: Bisher konnten die Kurden die IS-Kämpfer fernhalten. Sie sind zahlreich und haben eine große Moral, die wollen kämpfen. Aber es wird sehr auf die Luftangriffe ankommen und die sind noch relativ schwach. Vielleicht fehlen ihnen Beobachter am Boden. Jedenfalls ist die Entscheidung hier noch nicht gefallen.

Das Interview führte Birger Menke

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ain al-Arab - sehr sehr mutig
eunegin 27.09.2014
Einem fehlen wieder einmal die Worte, mit welcher Verzweiflung sich Menschen gegen den Klerikalfaschismus der IS-Mörderbanden stemmen. Hochachtung vor Herrn Pelda! Es macht mir allerdings auch Angst, dass auf IS-Seite Typen wüten, die aus Europa kommen und (so gering ist die Chance nicht), mit mir in der Berliner U-Bahn gesessen sind.
2. Von Erdogan hört man nichts
Hajojunge 27.09.2014
Tel Aviv scheit sich ebenfalls bedeckt zu halten. Dabei ist auch Israel langfristig in größter Gefahr.
3.
Shivon 27.09.2014
Ich hoffe für die Menschen, dass die Stadt hält...
4. Couch comments
kaischek 27.09.2014
Während wir Gutmenschen und Friedensapostel das Geschehen vor Ort von der Couch hinweg mit Peace & Love Aufrufen kommentieren, spielen sich vor Ort eine Schlacht und Dramen epischen Ausmaßes ab. Ob es hilft, die Eingeschlossenen und um Leib und Leben Bedrohten mit "Waffen nur für gute Kurden"-Diskussionen nachhaltig zu unterstützen, kann man wohl bezweifeln. Was spricht dagegen, für begrenzte Zeit Spezialeinheiten einzufliegen, die die Belagerung auflösen und die Moral der Angreifer erstmalig schwächen? Wollen wir wieder zusehen und schlaue Reden halten, wie in Srebrenica?
5. Luftangriffe nicht ausreichend
sanhe 27.09.2014
US-Generalstabschef Dempsey hat es hinter vorgehaltener Hand ja schon ausgesprochen: Ohne Einsatz von Bodentruppen wird der IS nicht wirksam zu bekämpfen sein. Entweder man realisiert dies in den Hauptstädten früher oder später (dann ist die Sache umso anstrengender und "verlustreicher").
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | USA-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: