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Bundeswehr-Einsatz gegen den IS: Auf ungewisser Mission

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Mit Aufklärungsjets, Luftbetankung und einer Fregatte will Deutschland in die internationale Koalition gegen den IS einsteigen. Welchen Beitrag kann die Bundeswehr wirklich leisten? Und wie gefährlich wird ihr Einsatz?

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Auf dem Papier, das die Bundesregierung verabschiedet hat, wirkt es eindeutig, was die Bundeswehr bei ihrer neuen Auslandsmission leisten soll. Mit Aufklärungsjets vom Typ "Tornado", Betankungsflugzeugen und einem Kriegsschiff, so sieht es das Mandat für den Einsatz vor, sollen bis zu 1200 Bundeswehrsoldaten einen Beitrag im "Kampf gegen Terrorismus im Rahmen der Allianz gegen den IS" leisten. Ziel sei die "Verhütung und Unterbindung terroristischer Handlungen", dabei will man besonders dem Partnerland Frankreich militärisch zur Seite stehen.

Das Mandat, das das Kabinett an diesem Dienstag beschlossen hat und das wohl noch diese Woche vom Bundestag beschlossen wird, markiert eine Kehrtwende. Seit die von den USA angeführte Koalition von rund 60 Nationen mit Luftschlägen versucht, den sogenannten "Islamischen Staat" in Syrien und dem Irak zu bekämpfen, hatte sich Deutschland stets zurückgehalten. Statt Kampfjets schickte man Ausbilder und Waffen für die kurdischen Peschmerga im Nord-Irak. Erst nach den Anschlägen von Paris und der Bitte der Franzosen entschied Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dass die Bundeswehr sich auch an den Luftoperationen gegen den IS beteiligen soll.

Der deutsche Beitrag ist dabei eine Mischung aus symbolischer Solidarität und echter militärischer Hilfe. Die Zahl von 1200 Soldaten mag sich gewaltig anhören; würde die Obergrenze wirklich ausgeschöpft, wäre der Anti-IS-Einsatz die größte Auslandsmission. Im Krisengebiet selbst werden aber wohl nur rund 450 Mann für den Betrieb der "Tornados" und der Tankflugzeuge vom Typ A310 eingesetzt, sie werden vermutlich in der Türkei stationiert. Hinzu kommen rund 250 Mann auf einer Fregatte, die den französischen Flugzeugträger "Charles des Gaulle" im Mittelmeer begleiten soll, und Personal für die militärischen Stäbe.

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Bundeswehr-Jets: "Tornados" auf Auslandsmission
Mit Blick auf die Obergrenze fürs Personal setzt die Bundeswehr auf maximale Flexibilität. So hält sich in Deutschland eine Rettungseinheit bereit, die erst bei Notfällen wie dem Abschuss eines Jets aktiviert wird. Zudem wird das gesamte Personal des deutschen Militärsatelliten "SAR-Lupe" unter das Mandat gestellt. Dieser soll den Franzosen hochauflösende Bilder aus dem Krisengebiet liefern und so die Aufklärung möglicher Ziele erleichtern.

Bundeswehr leiste militärischen Mehrwert

Was die Deutschen "Tornado"-Piloten wirklich erwartet, vermag niemand genau zu sagen. Die französischen Militärs hatten die Aufklärungsjets und Betankungsflugzeuge der Luftwaffe explizit gewünscht. Wie oft sie jedoch am Ende von der Anti-IS-Koalition eingesetzt werden und wie sehr ihre Bilder benötigt werden, wird die Truppe erst in den nächsten Wochen erfahren. Möglichst schnell soll ein Team zur Al Udeid Air Base nach Katar reisen, dort wird der Luftkrieg über Syrien und dem Irak koordiniert.

Grundsätzlich sind die Bilder der sogenannten Recce-"Tornados" bei jedem Militäreinsatz gefragt. Aus rund 3000 Meter Höhe können sensible Kameras, eingebaut in einen rund zwei Meter langen grauen Gehäuse am Boden der Jets, hochauflösende Fotos und Infrarot-Bilder in einem weiten Spektrum rechts und links der Flugbahn aufnehmen. Per Datenlink gehen die Daten live an die Bodenstation. Dort können die Auswerter militärische Stellungen oder IS-Trainingslager erkennen und die Zieldaten für Luftangriffe an Kampfjets weitergeben.

Bisher übernehmen die Amerikaner für die Koalition fast die gesamte Aufklärung mit Flugzeugen, Drohnen und diversen Satellitensystemen. Bei der Bundeswehr heißt es, die deutschen Bilder könnten die bisherigen Erkenntnisse gut ergänzen, zumal die Bilder der "Tornados" schärfer und detailreicher sind als Drohnen-Aufnahmen. Damit, so ist man sich recht sicher, leiste die Bundeswehr einen militärischen Mehrwert, der über die rein symbolische Solidarität mit Frankreich hinausgeht.

Bei der Truppe jedenfalls geht man davon aus, dass die deutschen Flugzeuge regelmäßig eingesetzt werden. Daher schickt die Luftwaffe für jeden der "Tornados" gleich mehrere Besatzungen ins Einsatzgebiet. Bereits kommende Woche könnten die ersten beiden Flugzeuge auf die türkische Luftwaffenbasis Incirlik verlegt werden, teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Dienstag mit. Die Aufklärungsflüge über Syrien könnten aber erst Anfang Januar starten, weil die Auswertungseinheit für die Aufnahmen derzeit mit ihrem Material noch bei einem Großmanöver in Spanien sei. Insgesamt sollen für den Betrieb der "Tornados" rund 350 Soldaten entsendet werden, darunter viele Techniker und Experten für die sensible Aufklärungstechnik.

Ungefährlich ist die Mission nicht. In der relativ niedrigen Höhe von rund 3000 Metern könnte der IS die "Tornados" bei Aufklärungsflügen durchaus mit Boden-Luft-Raketen angreifen. Bisher gab es solche Versuche selten, da die Kampfjets der anderen Nationen viel höher fliegen. Die Bundeswehr rüstet die Flugzeuge trotzdem sowohl mit einem Radarwarner als auch mit Infrarot-Sensoren aus, die sofort melden, wenn sie ins Visier genommen werden. Mit dem Abschuss sogenannter Flares würde dann versucht, die Raketen abzulenken.

Die Mission der Betankungsflugzeuge wirkt im Gegensatz dazu fast harmlos. Den riesigen A310 der Luftwaffe würden bei ihren Einsätzen bestimmte Lufträume zugewiesen, dort können Kampfjets verschiedener Typen über einen Rüssel Kerosin aufnehmen und ihre Missionen fortsetzen. Die militärische Fähigkeit dazu ist weltweit bei allen Streitkräften begrenzt. Deswegen geht die Bundeswehr davon aus, dass die Koalition auch von diesem deutschen Angebot oft Gebrauch machen wird. Laut Ministerium soll der Tank-Airbus schon nächste Woche in die Türkei verlegt werden. Er wäre dann auch "das Element, was als erstes in den Einsatz gehen könnte", so ein Sprecher.


Zusammengefasst: Das Kabinett hat den Anti-IS-Einsatz der Bundeswehr beschlossen, der Bundestag wird dem Mandat wohl noch in dieser Woche zustimmen. Mit der Mission will Deutschland Solidarität mit Frankreich nach den Terroranschlägen von Paris zeigen, aber auch einen echten militärischen Beitrag im Kampf gegen den Terror leisten. Vor allem der Einsatz der Aufklärungs-"Tornados" ist nicht ungefährlich.

Zum Autor

Matthias Gebauer ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Matthias_Gebauer@spiegel.de

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insgesamt 184 Beiträge
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1.
graylion 01.12.2015
Auf ungewisser mission ist gut. Was ist die Mission? Was ist das Kriegsziel? Das Ganze sieht nach Irak 2.0 aus mit dem gleichen schauderhaften Ergebnis
2. Liberté - Egalité - Fraternité ---> Solidarité
bdxc 01.12.2015
Die auch militärisch unterfütterte Solidarität mit unseren französischen Freunden und Verbündeten ist zu begrüßen. Die - hoffentlich problemlose - Abstimmung bereits am Freitag desgleichen. Allerdings gilt es zu bedenken, dass noch niemals in der Militärgeschichte ein Krieg ohne den Einsatz von Bodentruppen gewonnen wurde. Und es ist sicher weitaus sinnvoller, wenn diese durch die NATO-Streitkräfte gestellt werden, als sich auf die diversen syrischen Oppositionsgruppen zu verlassen.
3. Mission impossible
windpillow 01.12.2015
Wie gefährlich der Einsatz -war-, wird sich erst hinterher rausstellen. Und dann ist wohl Heulen und Zähneklappern angesagt.
4. Wer A sagt...
chrimirk 01.12.2015
... muss auch B sagen. Kann denn unsere Armee gar nichts? Man kann das nicht mehr hören, was angeblich alles nicht geht. Aber: Man kann nicht überall rummischen wollen, vom dadurch Entstandenen aber nichts verantworten zu wollen. Klar ist, dass Staaten der Größe von Monaco oder Liechtenstein andere Probleme haben. Oder D. zieht sich aus allem raus. Aber das wäre ja auch wieder schlecht.
5. Der
experiencedsailor 01.12.2015
Der A310 ist ein Mittelstreckenjet, wie er von den meisten Fluggesellschaften eingesetzt wird-kein Passagier käme auf die Idee, hier von riesig zu sprechen.
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