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Strategie der USA und Türkei für Nordsyrien: Schutzzone ohne Schutz

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IS-Kämpfer in Syrien: Sie sollen von der Grenzregion mit der Türkei vertrieben werden Zur Großansicht
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IS-Kämpfer in Syrien: Sie sollen von der Grenzregion mit der Türkei vertrieben werden

Die Türkei will eine Pufferzone in Nordsyrien. Die USA sprechen davon, die IS-Dschihadisten von dort zu vertreiben. Doch wie realistisch ist das? Und wer kämpft gegen wen? Der Überblick.

Es geht um eine etwa 100 Kilometer lange und 50 Kilometer breite Fläche im Norden Syriens. Das Gebiet liegt an der Grenze zur Türkei und umfasst Dörfer, Felder, viel unbesiedeltes Areal. Hier soll, wenn es nach der türkischen Regierung geht, zwischen den Städten Asas und Dscharabulus eine Pufferzone entstehen.

Ankara fordert dies schon seit Jahren. Nun soll es endlich so weit sein. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte bereits in Aussicht, dass alle in die Türkei geflohenen Syrer, derzeit über 1,8 Millionen Menschen, bald in diese "sichere Zone" umziehen könnten.

Ankaras Vorschlag: Im Norden Syriens soll eine Schutzzone entstehen Zur Großansicht
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Ankaras Vorschlag: Im Norden Syriens soll eine Schutzzone entstehen

Die US-Regierung dagegen hat bisher die Bezeichnungen Schutz-, Puffer- oder Flugverbotszone vermieden. Sie will nicht zu viel versprechen. Eine Schutzzone braucht Beschützer: Kämpfer am Boden, eine Luftwaffe, die ein Flugverbot feindlicher Kampfjets durchsetzt. Doch auch die US-Regierung kündigte an, man werde das Gebiet von den Dschihadisten des "Islamischen Staates" befreien und im Zweifelsfall auch die Armee von Baschar al-Assad bombardieren.

Kommt also nun tatsächlich eine Schutzzone?

D ie wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

  • Wer kontrolliert das Gebiet derzeit?

Der "Islamische Staat" (IS) ist aktuell die stärkste Miliz in dieser Region.

  • Wer soll es vom IS zurückerobern?

Das ist derzeit noch unklar. Die türkische Regierung und die amerikanische Regierung wollen keine Soldaten nach Syrien schicken. Mit Luftangriffen allein oder mit Beschuss über die Grenze hinweg werden sie das Gebiet aber nicht erobern können. Sie brauchen also syrische Verbündete am Boden. Bisher ist jedoch nicht klar, wer das sein soll.

  • Welche Gruppen könnten die USA und die Türkei unterstützen?

In der Umgebung sind mehrere syrische Milizen aktiv. Mit am schlagkräftigsten sind die "Volksverteidigungseinheiten" (YPG), der syrische Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Doch die türkische Regierung bekämpft die PKK und will deshalb nicht mit den YPG zusammenarbeiten. Für die USA kommt dagegen eine Kooperation mit der ebenfalls schlagkräftigen "Islamischen Front" nicht infrage. Bei der Gruppe handelt es sich um eine Koalition mehrerer islamistischer Milizen, die mit der Nusra-Front, dem syrischen Qaida-Ableger, zusammenarbeiten.

  • Könnte die "Freie Syrische Armee" eingreifen?

Die "Freie Syrische Armee" existiert praktisch nicht mehr. Das lose Bündnis von desertierten Soldaten und Aufständischen hatte 2011 den Kampf gegen das Assad-Regime begonnen. Aber viele ihrer Kämpfer haben in den vergangenen fünf Jahren aufgegeben oder sind geflohen. Wer noch kämpft, tut das heute als hauptberuflicher Milizionär gegen Geld. Und das gibt es in der Regel vor allem bei den islamistischen Gruppen. Zudem sind viele inzwischen vom Westen enttäuscht, denn dieser hatte hohe Erwartungen geweckt und sie dann nicht erfüllt.

  • Wen will die USA mit Luftangriffen unterstützen?

Es ist eine bisher sehr kleine Gruppe, die sich "Division 30" nennt. Das US-Verteidigungsministerium hat 2014 damit begonnen, syrische Rebellenkämpfer für den Kampf gegen den IS auszubilden. Doch die Syrer sind zurückhaltend, zu groß ist das Misstrauen gegenüber den USA. Manche Interessenten kommen auch aus Sicht der USA nicht infrage, weil sie in islamistischen Milizen gekämpft haben. Bisher wurden lediglich 54 Rebellen von den USA geschult - weit weniger als die angepeilten 5000 jährlich. Die radikale Nusra-Front hat die kleine Gruppe vor kurzem überfallen und etwa ein Drittel von ihnen verschleppt, unter ihnen den Kommandeur der Truppe. Es geht also um derzeit knapp 40 Männer. Dass diese 40 eine 5000 Quadratkilometer große Fläche vom IS zurückerobern könnten, ist ausgeschlossen. Die USA versuchen weitere Rebellen zu rekrutieren, doch bisher mit wenig Erfolg.

  • Werden die USA auch Assads Armee bombardieren?

Dies ist ein sehr hypothetisches Szenario. Assads Kämpfer haben sich bereits vor Jahren aus dem Gebiet zurückgezogen. Denkbar wäre, dass syrische Kampfjets und Helikopter in dem Gebiet Angriffe fliegen. Noch immer schlagen dort die gefürchteten Fassbomben ein und töten Zivilisten. Die USA haben allerdings nur ihre Hilfe zugesichert, für den Fall, dass die von ihnen ausgebildeten Rebellen bedroht werden. Zivilisten werden in dem Gebiet also weiterhin schutzlos Luftangriffen ausgesetzt sein. Nur eine Flugverbotszone könnte sie vor Bombardierungen schützen, allerdings ist kein Land bisher dazu bereit, eine solche durchzusetzen.

  • Gab es Zwischenfälle mit US-Kampfjets und Assads Luftabwehr?

Die USA fliegen bereits seit einem Jahr Luftangriffe auf radikalislamistische Ziele in Syrien. Bisher kam es zu keinem einzigen Zwischenfall mit der syrischen Luftabwehr von Baschar al-Assad.

Fazit: Von einer sicheren Zone in Nordsyrien kann keine Rede sein. Denn Schutz für Zivilisten gibt es dort nicht: Sie werden weiter aus der Luft bombardiert. Kein Land, auch die USA nicht, ist bereit, eine Flugverbotszone durchzusetzen. Am Boden kontrollieren derzeit die Dschihadisten des "Islamischen Staates" das Gebiet. Diese sollen nun vertrieben werden. Allerdings ist noch unklar, von wem.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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1. das Gebiet von den Dschihadisten des
alt_f4 05.08.2015
Die übrigen Dschihaddisten dürfen aber bleiben, nicht wahr? Warum nicht alle bleiben lassen? Jetzt hat man sie so schön aufgebaut, um sie schon wieder zu diskreditieren? macht das Sinn?
2. 40 mann wie stark ist das denn
maki1961 05.08.2015
da sieht man wer mit der USA zusammen sein will. da braucht der Obama doch nur frau Merkel fragen ich denke wir werden aushelfen. es sind ja auch unsere westlichen werte die wir dort verteidigen. also auf mit gebrüll.
3.
pigelse 05.08.2015
Diese Aktion schafft keine Lösung sondern führt höchsten für mehr absatzzahlen bei der Rüstungsindustrie. Wenn man Militärisch eingreifen will, müssen alle Konsequent sein und Bodentruppen entsenden oder sollte es sein lassen. Was die Leute dort sicher nicht brauchen, sind noch mehr Bomben.
4. Und das Völkerrecht?
jurawel 05.08.2015
Obama hat in Kenia gerade großspurig die Regierung zum Kampf gegen den Terrorismus aufgefordert, wärend er selbst Terroristen in Syrien ausbildet und unterstützt? Es gibt eine legale und legitime Regierung in Syrien, ob dass nun Obama paßt oder Erdogan! Diese bedroht Obama nun auch noch für den Fall dass diese die Terroristen bekämpft! Für einen Verfassungsrechtsprofessor und Friedensnobelpreisträger ein peinliches Verhältnis zum Recht. Selbstkritik? Fehler erkennen und korrigieren? Bei Obama wohl nicht möglich.
5. Chance nutzen!
koves 05.08.2015
Vielleicht ergibt sich ja mittelfristig die Chance, den Kurden ein eigenes Land zu ermöglichen, sobald der Konflikt im Nahen Osten beendet ist... Das Problem ist der Konflikt selbst - und Herr Erdogan! Schade nur, dass die USA nicht weitsichtig denken...
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