Brennende Ölquellen im Irak Das schwarze, stinkende Erbe des IS

Der IS setzt Öl als Waffe ein - im wahren Sinne des Wortes. Vor Mossul haben die Dschihadisten Ölquellen in Brand gesetzt. Die Folgen für Mensch und Natur sind verheerend - und möglicherweise nur ein Vorbote für Schlimmeres.

Alex Kühni

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Seitdem sich der "Islamische Staat" (IS) aus Kajara zurückgezogen hat, scheint für die Einwohner der Stadt die Sonne nicht mehr. Im Juli setzten die Dschihadisten mehr als ein Dutzend Ölquellen in dem Ort in Brand, seither hüllt dicker schwarzer Rauch die Stadt in Dunkelheit. Die Terroristen wollten so den Drohnen und Kampfflugzeugen der Anti-IS-Koalition die Sicht nehmen.

Kajara liegt rund 50 Kilometer südlich von Mossul, der letzten Hochburg des IS im Irak. Im Juni 2014 hatte die Terrormiliz den Ort eingenommen, vor drei Monaten eroberten irakische Truppen die Stadt am Tigris wieder zurück. Doch es ist ihnen bis heute nicht gelungen, die brennenden Ölquellen zu löschen. Eine Förderstätte steht inmitten eines Wohnviertels, die Feuerwehr versucht vergeblich, den Brand mit Wasser unter Kontrolle zu kriegen.

Für die rund 15.000 Einwohner von Kajara ist das eine Katastrophe. Die gesamte Stadt ist mit einer Ascheschicht überzogen, beißender Gestank liegt in der Luft, die Menschen klagen über massive Atemprobleme, Hautirritationen, brennende Augen. Nach Angaben der Vereinten Nationen mussten sich mehr als tausend Einwohner ärztlich behandeln lassen, weil sie giftigen Dämpfen ausgesetzt wurden. Vögel fallen tot vom Himmel. Die Wolle der Schafe, die Hirten über die Felder rund um Kajara treiben, ist schwarz.

Einwohner fürchten die Flucht

Die irakischen und US-amerikanischen Soldaten auf der Luftwaffenbasis westlich der Stadt haben spezielle Kleidung und Atemmasken bekommen, mit denen sie sich vor Gesundheitsschäden schützen sollen. Die Zivilisten in der Stadt haben diesen Schutz nicht. Trotzdem versuchen die Einwohner so gut es geht, ihren Alltag zu leben. Im Schatten der Rußwolken spielen Kinder Fußball.

Selbst wenn die brennenden Ölquellen in den kommenden Wochen gelöscht werden sollten: Die Folgen für Mensch und Natur sind verheerend. Tausende Barrel Erdöl sind in den Tigris geflossen, aus dem Bauern Wasser für ihre Felder pumpen. Auf den Äckern um Kajara liegt eine dicke Rußschicht. In diesem Boden wird in den nächsten Jahren nichts mehr wachsen.

Trotzdem ziehen die meisten Menschen in Kajara ein Leben im Dreck einem Leben auf der Flucht vor. Die Stadt stand zwei Jahre lang unter der Herrschaft des IS, die Einwohner fürchten daher, selbst als Terroristen gebrandmarkt zu werden, wenn sie nun in andere Städte flüchten. Viele sehen in den brennenden Ölquellen auch eine Rache des IS dafür, dass die Einwohner die Extremisten nicht vorbehaltlos unterstützten. Diese Rache verfolgt sie nun.

In Mossul droht noch größere Katastrophe

Die irakische Regierung fürchtet, dass die Situation in Kajara nur ein Vorbote dessen ist, was die Menschen in Mossul erwartet. In der Millionenstadt stehen zahlreiche Industrieanlagen. Wenn sie bei den Kämpfen um die Metropole getroffen werden, oder wenn der IS sie selbst in Brand setzt, droht eine Katastrophe noch größeren Ausmaßes. Denn in Mossul leben nicht 15.000 Menschen wie in Kajara, sondern mehr als eine Million.

Unter anderem befinden sich in der Großstadt mehrere Öllager, Elektrizitäts- und Heizkraftwerke, sowie Fabriken in denen Treibstoffe und Chemikalien gelagert werden.

In den vergangenen Wochen haben IS-Terroristen am Stadtrand von Mossul bereits mehrere mit Erdöl gefüllte Gräben in Brand gesteckt, um den Jets und Drohnen der US-geführten Koalition die Sicht zu nehmen. Zudem zündeten die Dschihadisten einen Teil der Schwefelfabrik von Mischrak südlich von Mossul an. Mehrere Zivilisten sollen seither an den Folgen der giftigen Dämpfe gestorben sein.

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