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Recherche-Bericht: Jagd nach dem IS-Masterplan

REUTERS

Blitzschnell war der "Islamische Staat" vorgerückt - dank einer perfekten Strategie. SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter ist es gelungen, Organigramme und Angriffspläne des IS aufzuspüren. Rekonstruktion einer Spurensuche.

Die Papiere erlauben einen ungekannten Einblick in die innerste Führung des "Islamischen Staates" (IS), verraten Details über den Aufbau und die Taktik der Terrororganisation. DER SPIEGEL hat exklusiv ein Konvolut von Strategieplänen und Organigrammen des IS ausgewertet.

Doch wie gelangte DER SPIEGEL überhaupt in Besitz der brisanten Papiere? Wie konnte er die Authentizität der Dokumente verifizieren? Reporter Christoph Reuter schildert, mit welchen Gefahren, Problemen und Hindernissen er sich bei seinen Recherchen auseinandersetzen musste.

Lesen Sie hier seinen Bericht:


Gewissermaßen begann die Suche nach den Bauplänen für die Kommandostrukturen des "Islamischen Staates", bevor sie überhaupt geschrieben wurden. Denn sie letztlich zu bekommen, überhaupt von ihnen zu erfahren, gelang nur, weil einer von Hunderten Kontaktleuten in Syrien sich an mich erinnerte.

Im Herbst 2012 hatte er uns ein paar Tage lang in die Steppen des Ostens begleitet, eine von fast 20 Reisen in die Aufstandsgebiete des verwüsteten Landes. Menschen dort haben ihr Leben riskiert, um unsere Recherchen zu ermöglichen. Andere haben uns erst verflucht, weil Journalismus sinnlos sei und nichts ändere. Nur, um hinterher doch mit uns zu reden.

Ich schreibe bewusst "uns", denn meist ist ein Fotograf, immer jedoch einer der zwei, drei syrischen Mitarbeiter des SPIEGEL dabei. Genauso wie diese Schilderung einen Umweg nimmt, verlief die Recherche. Syrien ist das Land der Umwege geworden, wenig lässt sich planen, nichts ist einfach. Um möglichst genau zu erfahren, was geschieht, versuchen wir in Kontakt zu bleiben mit jenen, die wir über die Jahre als verlässlich kennengelernt haben. Der Kontaktmann, nennen wir ihn Tawil, der sich Wochen nach dem Tod des IS-Strategen Haji Bakr meldete, erwähnte erst nur, dass seltsame handschriftliche Aufrisse in dessen Haus gefunden worden seien.

Haus von Haji Bakr: Hier lagen die Pläne für den Eroberungsfeldzug in Syrien Zur Großansicht
Christoph Reuter/ DER SPIEGEL

Haus von Haji Bakr: Hier lagen die Pläne für den Eroberungsfeldzug in Syrien

Gesehen hatte sie kaum jemand, und die wenigen, die von ihnen wussten, waren zurückhaltend. Die Kämpfe zwischen syrischen Rebellen und den maskierten Männern des IS waren noch in vollem Gange. Viele hatten schlicht Angst vor den Killerkommandos des IS, die auch tief im Hinterland der Rebellen auftauchten, zuschlugen und verschwanden.

Der erste Hüter der Papiere hatte seinen Fund sechs Tage überlebt. Abdelmalik Hadbe war der Kommandeur des kleinen Trupps gewesen, der am 27. Januar eher zufällig Haji Bakrs Haus umstellt und den "Scheich" hatte festnehmen wollen, von dem ihnen ein Nachbar erzählt hatte. Dann hatte Bakr das Feuer eröffnet und war erschossen worden. Als sie wussten, wen sie da umgebracht hatten, ließ Hadbe Computer, Navigationsgeräte und die Mappe mit den Plänen einsammeln.

Doch bevor er dazu kam, sie auszuwerten, brach er nach Norden auf, in den kleinen Ort Raei an der türkischen Grenze: Die IS-Führung hatte den Syrern ein Waffenstillstandsabkommen vorgeschlagen und versprach, einen Emissär nach Raei zu schicken, "um das Blutvergießen zu beenden und die wahre Natur unseres Kampfes zu erklären".

Hadbe war einer von acht Kommandeuren, die am 2. Februar in Raei eintrafen, um mit dem IS-Unterhändler zu verhandeln. Die Kommandeure saßen schon in dem Raum, als der Mann eintrat. Eine Minute später waren alle tot. Der IS hatte einen Selbstmordattentäter geschickt. Es war Winter, kalt, da ließen sich ein paar Kilo Sprengstoff leicht kaschieren.

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IS-Architekt Haji Bakr: Ein Alchemist der Gegenwart
Die Dschihadisten hatten versprochen, "die wahre Natur ihres Kampfes" zu erklären. Das hatten sie hiermit getan. Nichts im Islam und dessen Traditionen rechtfertigt die Ermordung von Unterhändlern, genauso wenig wie der Selbstmord legitim ist.

Der Krieg ging weiter, nur jetzt waren die wenigen, die von den Papieren wussten, noch furchtsamer, ihr Wissen und den Fund zu teilen. Es dauerte bis zum April, als sie schließlich einwilligten, das PDF einer einzelnen Seite in die Türkei zu schmuggeln. Per Boten. Wenn wir die Originale sehen wollten, müssten wir nach Syrien kommen - was wir seit Herbst 2013 nicht mehr getan hatten, weil das Entführungsrisiko zu hoch geworden war. Den Spitzeln des IS zu entkommen, war nahezu unmöglich. Außerdem standen ich und einer unserer Rechercheure namentlich auf der Fahndungsliste des "Islamischen Staates".

Es dauerte schließlich bis zum November 2014, als die Verwahrer des Aktenkonvoluts einverstanden waren, dass die Unterlagen veröffentlicht werden könnten - und es möglich war, nach Tal Rifaat zu fahren, um die Originale vor Ort auszuwerten und die Fundumstände zu recherchieren. Mehrere Zeugen erzählten unabhängig voneinander, was am Tag des Fundes geschehen war. Wir sichteten die Originalvideos und -bilder der Kämpfe und der Leiche von Haji Bakr.

Internes IS-Organigramm: Straff durchgeplante Invasion Zur Großansicht

Internes IS-Organigramm: Straff durchgeplante Invasion

Als wir die Organigramme, Listen und Pläne schließlich hatten, begann der zweite Teil. Die Papiere waren echt, aber welche Bedeutung hatten sie? War es tatsächlich der Masterplan der Machtergreifung gewesen? Waren die ersten, geheimen Schritte der Infiltration so gelaufen, wie Haji Bakr es in seinen Listen zur Erkundung und den Verlaufsplänen zur "Öffnung" der Städte und Dörfer skizziert hatte?

Wochenlange Recherchen in zwei Dutzend Orten ergaben, dass der IS tatsächlich überall als erstes ein harmlos wirkenden "Missionsbüro" aufgemacht hatte. Dass Spitzel angeworben worden waren. Von den mysteriösen Entführungen und Morden wussten wir schon, aber wie flächendeckend sie stattgefunden hatten, war gespenstisch.

Glück und ein weiterer Kontakt aus dem Netz der Informanten ergab schließlich die nächste Bestätigung: Aus dem fluchtartig verlassenen IS-Hauptquartier in Aleppo waren tütenweise Protokolle, Spitzellisten, Anträge der Dschihadisten-Registratur gerettet worden. In den Hunderten von Seiten fanden sich weitere Belege, wie Haji Bakrs Pläne umgesetzt worden waren, bis hin zu einer skurrilen Antragsliste heiratswilliger Kämpfer. Haji Bakr hatte verfügt, dass die Männer in einflussreiche Familien einheiraten sollten, ohne dass die Familien überhaupt wüssten, wer dahinter steckt. In den Papieren aus Aleppo nun hatten 34 Männer eine Zusatzaustattung beantragt, die offensichtlich gewährt wurde, um die Heirat zu erleichtern: Wohnungen, Schlafzimmermöbel und eine vollautomatische Waschmaschine wurden gewünscht.

Pläne, Recherchen, Vollzugsmeldungen: Alles passte. Nur eines nicht. Haji Bakr hatte ja nicht nur seine handschriftlichen Pläne hinterlassen, sondern auch mindestens einen Computer. Was war aus ihm geworden? Als wir schließlich den Mann fanden, der ihn an sich genommen hatte, zuckte der mit den Schultern: "Den habe ich weggeschmissen!" Unser Entsetzen war groß, aber er beteuerte, dass dort nichts zu finden gewesen wäre: "Ich weiß nicht, was für ein Programm der Mann da draufgespielt hatte. Aber jedes Mal, wenn man den Computer ausschaltete, wurden automatisch sämtliche neu geschriebenen, gespeicherten Datein, Filme, Text gelöscht, alles war weg, Tabula rasa."

SPIEGEL TV Magazin: Haji Bakr, der IS-Spitzel-Führer

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