Festgenommener IS-Kämpfer Lucas G. Aus Dortmund direkt in den Dschihad

Die kurdische YPG-Miliz hat Anfang der Woche in Syrien den deutschen IS-Kämpfer Lucas G. festgenommen. Der Mann hatte sich als Teenager in Dortmund radikalisiert und seit 2014 für die Terrorgruppe gekämpft.

Kämpfe um Hadschin (im Dezember 2018)
AFP

Kämpfe um Hadschin (im Dezember 2018)

Von


Der Weg in den Dschihad endete für Lucas G. im Euphrattal in Syrien. Dort, unweit der irakischen Grenze, haben Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) den Deutschen festgenommen - nach eigener Darstellung bei Kämpfen um die Kleinstadt Hadschin in den vergangenen Tagen. Für die deutschen Behörden ist der Mann kein Unbekannter.

G. wurde 1995 in Dortmund geboren. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft gehörte er seit 2013 der Salafistenszene in seiner Heimatstadt an. Im September desselben Jahres brach er das Berufskolleg ab, an dem er das Fachabitur erwerben wollte. In den Monaten zuvor soll er sich nach Auskunft von Lehrern und Mitschülern merklich verändert haben. Unter anderem habe er Frauen nicht mehr die Hand gegeben.

Ab Ende 2013 organisierte G. im Namen der "Lies"-Bewegung des Islamistenpredigers Ibrahim Abou-Nagie mehrfach Koranverteilungen in Dortmund. Im Juni 2014 verloren ihn die Sicherheitsbehörden in Deutschland aus den Augen. Die Mutter teilte dem Jobcenter Dortmund mit, ihr Sohn sei zum 31. Juli 2014 ausgezogen. Sie wisse nicht, wo er sich aufhalte, stünde aber in Kontakt mit G. Der Sohn würde irgendwann zurückkehren.

"Abu Walaa" soll G. für den Dschihad angeworben haben

Anfang 2016 bekam das Bundeskriminalamt von einem Informanten aus dem Ausland Tausende Personalakten des IS zugespielt. Darunter war auch ein Dokument, mit dem G. nach seiner Ankunft im Herrschaftsgebiet der Terrormiliz registriert wurde. Er gab an, verheiratet, aber kinderlos zu sein. Er schrieb, dass er sich der Gruppe als "Kämpfer" anschließen wolle und gab sich den Kampfnamen Abu Ibrahim al-Almani. Aus dem Papier geht auch hervor, dass der Dortmunder im Juli 2014 über den türkisch-syrischen Grenzort Dscharabulus in das IS-Gebiet eingereist war.

Zu jener Zeit befand sich die Terrororganisation auf dem Höhepunkt ihrer Macht, wenige Wochen zuvor hatte ihrer Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in Mossul ein Kalifat ausgerufen und damit den Anspruch ausgegeben, die Macht der Dschihadisten auf die ganze Welt auszudehnen.

Das Netzwerk um den Islamistenprediger "Abu Walaa" soll G. für den Dschihad angeworben und die Ausreise des Mannes in das Kriegsgebiet organisiert haben. Sein Kontaktmann in Dortmund war offenbar der Islamist Boban S., der im Wohnzimmer eines Mietshauses im Stadtteil Lindenhorst junge Männer indoktrinierte. Ihm wird seit 2017 zusammen mit "Abu Walaa" und drei weiteren Angeklagten vor dem Landgericht Celle der Prozess gemacht.

"Keine Hinweise auf eine herausragende Stellung" innerhalb des IS

Für die Schleusung des Dortmunder Islamisten von der Türkei nach Syrien soll laut IS-Personalbogen der Dschihadist Abu Muhammad al-Schimali verantwortlich gewesen sein. Die US-Regierung hat ein Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen US-Dollar auf den Saudi-Araber ausgesetzt. Washington sieht in ihm den Hauptverantwortlichen für die jahrelange Schleusung westlicher IS-Kämpfer vom türkischen Gaziantep ins syrische Dscharabulus. Moskau behauptet, Schimali sei im September 2017 bei einem russischen Luftschlag in Syrien getötet worden, eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es bis heute nicht.

In dem IS-Personalbogen gab G. an, er habe zuvor bereits am "Dschihad in Großsyrien" teilgenommen. Offenbar hatte er sich in den Monaten zuvor bereits einmal kurzzeitig einer anderen Dschihadistenmiliz in Syrien angeschlossen, war dann aber nach Deutschland zurückgekehrt, bevor er sich schließlich dem IS zuwandte.

Nach dem Auftauchen der IS-Personalakte leitete die Bundesanwaltschaft im Oktober 2016 ein Ermittlungsverfahren gegen G. ein. Die Behörde wirft ihm "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland" vor. Die Ermittler hatten zum damaligen Zeitpunkt nach eigener Darstellung jedoch "keine zureichenden Hinweise auf eine herausragende Stellung" des Gesuchten innerhalb des IS.

Nun ist er einer von mehreren Dutzend deutschen Dschihadisten in den Händen der YPG. Die Bundesregierung zögert, die gefangenen IS-Kämpfer nach Deutschland zurückzuholen. Aus Berlin heißt es, man arbeite an einem Konzept.



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.