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Offensive des "Islamischen Staats": Der Kampf um Kobane

Türkische Soldaten, Rauch über der syrischen Stadt Kobane: Schwere Kämpfe Zur Großansicht
AFP

Türkische Soldaten, Rauch über der syrischen Stadt Kobane: Schwere Kämpfe

Die Truppen des "Islamischen Staats" verstärken ihre Attacken auf die Stadt Kobane in Syrien: 60 Granaten sollen die Extremisten zuletzt auf die Kurden-Enklave abgefeuert haben.

Kobane/Bagdad - Wie lange können die kurdischen Kämpfer den Vormarsch der Terrormiliz "Islamischer Staat" auf die eingeschlossene Stadt Kobane in Nordsyrien noch aufhalten? Die Angriffe der Extremisten werden immer heftiger: Am Freitag feuerten sie rund 60 Granaten auf Kobane ab. Es seien die schwersten Angriffe seit Beginn der IS-Offensive vor rund zwei Wochen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Den Angaben zufolge griff der IS Kobane von Süden und Südosten an. Die Kurden wehrten sich erbittert gegen die vorrückenden Extremisten. Kurdische Volksschutzeinheiten (YPG) schlugen nach eigenen Angaben drei IS-Angriffe zurück, angeblich wurden zwei Fahrzeuge der Terrormiliz zerstört. Die Lage sei dennoch "sehr kritisch", sagte ein Sprecher.

Kobane (auf Arabisch Ain al-Arab) liegt direkt an der Grenze zur Türkei. Sollte der IS die Stadt einnehmen, würde er weite Teile der rund 900 Kilometer langen türkisch-syrischen Grenze beherrschen.

Die Türkei hatte Unterstützung für den Kampf gegen die Terrormiliz angekündigt: "Wir werden tun, was immer wir können, damit Kobane nicht fällt", sagte Ministerpräsident Ahmed Davutoglu in einem Fernsehinterview am Donnerstagabend. Das Parlament hatte der Regierung zuvor grünes Licht für ein militärisches Vorgehen gegen den IS in Syrien und im Irak gegeben. Die syrische Regierung von Baschar al-Assad bezeichnete die türkische Entscheidung als einen "Akt der Aggression".

"Niemand kümmert sich darum"

Pentagonsprecher John Kirby bestätigte, dass der IS immer heftigeren Druck auf Kobane ausübt. Er sprach von einem "gemischten Bild" auf dem Schlachtfeld in Syrien und dem benachbarten Irak und verwies auf die mehr als 330 Luftangriffe gegen den IS.

Die USA und ihre arabischen Verbündeten hatten in den vergangenen Tagen IS-Ziele bei Kobane bombardiert. In der Nacht auf Freitag flogen sie Angriffe im Norden und Osten Syriens. Die USA, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hätten Ziele in der Nähe von Hasaka, Dair as-Saur, Rakka sowie nordöstlich von Aleppo attackiert, teilte das US-Zentralkommando in Tampa mit.

Die Luftangriffe der internationalen Koalition hätten den IS-Vormarsch zwar verzögert, sie reichten aber nicht aus, sagte der Sprecher der kurdischen Volksschutzeinheiten, Redur Chelil. "Unsere Menschen werden getötet und vertrieben, aber niemand kümmert sich darum."

Die Terrormiliz versucht seit Tagen, Kobane einzunehmen. Die Stadt ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bislang von kurdischen Volksschutzeinheiten beherrscht wurde. Die Extremisten haben die Stadt aus drei Richtungen eingeschlossen. Nach Norden gibt es für Kämpfer und Einwohner in Kobane noch eine Verbindung in die Türkei. Rund 160.000 Menschen sollen vor dem IS über die Grenze geflohen sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht im Kampf gegen den "barbarischen Vormarsch" des IS eine Herausforderung für "die ganze Welt". Nicht allein die USA oder arabische Staaten der Region seien hier gefordert, sagte Merkel in Hannover. "Nein, wir alle, denen der Satz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, etwas bedeutet."

Im Irak will sich nun auch Australien am Kampf gegen den IS beteiligen. Laut Ministerpräsident Tony Abbott billigte das Kabinett den Einsatz von Kampfflugzeugen und die Entsendung von Spezialkräften zur Unterstützung der irakischen Armee. Auch Kanada kündigte an, die Koalition gegen den IS mit Luftschlägen zu unterstützen. Die Zustimmung des Parlaments steht hier noch aus, gilt allerdings als sicher.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

hut/dpa/AP

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Artillerie
derbadener 03.10.2014
würde als Unterstützung für die Kurden durch die Türkei schon helfen. Vorallem da die Stadt für die Türken in Sichtweite ist und die nicht mal ins Nachbarland vorrücken müssten. Auf was warten die??
2.
kimba_2014 03.10.2014
Feuern die westlichen Flugzeuge eigentlich mit Platzpatronen oder warum kann man diesen mittelalterliche Horden in einer Wüste (!) ohne Deckung nicht Einhalt gebieten? Da fehlt es doch eher am Willen als an den Mitteln.
3. 330 Angriffe bewirken nichts?!
worldalert11 03.10.2014
Vorher waren es immerhin noch zwei Fahrzeuge und ein Panzer, die zerstört wurden, jetzt taucht der Panzer schon nicht mehr auf. Dazu 330 Luftangriffe, die sich als Luftnummer entpuppen. Ansonsten leere Versprechungen und markige Worte der Weltgemeinschaft, die schon lange keine mehr ist. Hinter den Angriffen der Allianz scheint keine Strategie zu stehen. Die Aussichten sind schon mehr als nur düster.
4. Vorhandensein schwerer Waffen lässt wenig Hoffnung auf Frieden aufkommen
zoon.politicon 03.10.2014
Wie sich die Situationen in den Konfliktgebieten - aktuell Kobane und Ostukraine - ähneln: es wird mit schweren Waffen in Städte geballert ( mit Artilleriegeschützen ist Beschuß aus 25 km und mehr möglich) , wo sich niemand mehr sicher fühlen kann, konsequenterweise die Zivilbevölkerung flieht u.a.. Eins - zwei Granaten pro Tag reichen zur Aufrechterhaltung ständiger Bedrohung aus und der Gegenseite gelingt es nicht, diese schweren Waffen alle auszuschalten. Eine lange Dauer dieser Konflikte oder der konsequente massive Einsatz von Bodentruppen scheint vorprogrammiert: schlechte Aussichten.
5. ...
phoeni 03.10.2014
@derbadener: Auf was die Türkei wartet? Das sich das "Kurdenproblem" löst, auf die eine oder andere Art und Weise. Auch wenn sie mittlerweile wohl gemerkt hat, dass die IS kein gutes Pferd war zum drauf setzen. Und was soll das für eine große Schlacht um Kobane sein? an einem ganzen Tag lächerliche 60 Granaten? 60!!! Da tauschen die Hamas und Israel im Durchschnitt mehr Geschosse aus, ohne dass es die Weltöffentlichkeit überhaupt mit bekommt. Sieht eher danach aus, als ob die IS auch nicht wirklich Munition hat und schon rationiert oder aber man gar nicht richtig angreifen will. Vllt. weil man mit der Türkei entsprechende Abmachungen hat, das Kurdengebiet durch eine türkische "Schutztruppe" aufzulösen?
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Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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