Schlacht um Falludscha Der IS geht, neue Unterdrücker kommen

Was wäre, wenn der "Islamische Staat" im Irak besiegt würde? Frieden? Unwahrscheinlich. Das zeigt sich beim Kampf um Falludscha: Dort fürchten die Menschen die nahenden Befreier.

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Das rettende Ufer liegt nur wenige Hundert Meter entfernt. Der Euphrat markiert die Grenze zwischen der Stadt Falludscha, die größtenteils von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) beherrscht wird, und den Vororten, die von der irakischen Armee und verbündeten Milizen kontrolliert werden.

Hunderte Menschen haben in den vergangenen Tagen die gefährliche Überfahrt über den Fluss gewagt. In Holzbooten, mit selbst gebauten Flößen oder mithilfe von Schwimmringen. Mehrere Menschen sind auf der Flucht im Euphrat ertrunken, unter ihnen auch Kinder.

Rund 50.000 der einstmals 300.000 Einwohner sollen noch in Falludscha ausharren. Offenbar versucht der IS, die Bewohner als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Menschen, denen die Flucht gelungen ist, berichten, dass die Dschihadisten die Bewohner in der Stadt festhalten.

Die Eroberer foltern und plündern

Falludscha ist seit knapp zwei Wochen heftig umkämpft. Vom Süden rücken Spezialeinheiten der irakischen Armee mit verbündeten schiitischen Milizen in die Stadt vor. Das Militär setzt unter anderem schwere Artillerie ein. Die US-geführte Militärkoalition gegen den IS unterstützt die Offensive mit Luftangriffen. Seit Tagen steht dichter Rauch über der Stadt, humanitäre Hilfe für die Eingeschlossenen gibt es nicht.

Frontverlauf im Irak
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Frontverlauf im Irak

Doch mit der Flucht aus Falludscha ist das Leid für die Zivilisten noch lange nicht vorbei. Die Stadt wird nahezu ausschließlich von Sunniten bewohnt. Augenzeugen berichten, dass die schiitischen Milizionäre willkürlich alle männlichen Flüchtlinge festnehmen - angeblich für "Sicherheitsbefragungen". "In einigen Fällen führt diese Prozedur zu Misshandlungen, offenbar um Geständnisse zu erpressen", sagte Rupert Colville, Sprecher des Uno-Kommissars für Menschenrechte, dem Nachrichtensender Al Jazeera.

Die schiitischen Milizionäre machen kurzen Prozess, schon bei Verdacht: Sie sollen in den vergangenen Tagen mindestens 21 Jungen und Männer kaltblütig getötet haben, die angeblich dem IS angehörten. "Wir haben entsprechende Berichte erhalten. Wir können sie nicht unabhängig bestätigen, halten sie aber für sehr glaubhaft", sagte Uno-Sprecher Colville.

Zudem häufen sich Berichte, dass die einrückenden Milizionäre Wohnhäuser und Geschäfte in den eroberten Wohngebieten plündern. Zwar hatten die Kommandeure vor der Offensive ausdrücklich den Befehl erteilt, Plünderungen zu unterlassen, diese werden aber offenbar nicht befolgt.

Die Vorfälle bestätigen die Befürchtungen der internationalen Anti-IS-Koalition. Zwar gelingt es nach und nach, die Dschihadisten zurückzudrängen, doch für viele Iraker wird dadurch nur ein Unrechtsregime durch ein anderes abgelöst.

Der "Rambo des Irak" kämpft in Falludscha

Die Regierung in Bagdad wiederholt einen entscheidenden Fehler: In den Jahren 2007 und 2008 war es schon einmal gelungen, die Vorgängerorganisation des IS, "al-Qaida im Irak", aus Falludscha und der Provinz Anbar zurückzudrängen. In der Folge unterließ es die Regierung allerdings, die Sunniten in Regierung, Armee und Polizei einzubinden. So wuchs die Wut der sunnitischen Minderheit, und der IS konnte sich im Nordwesten des Irak einnisten.

Die Ängste der irakischen Sunniten werden durch einen berüchtigten Milizionär versinnbildlicht, der im Kampf um Falludscha an vorderster Front gegen den IS steht: Der Mann mit dem Kampfnamen Abu Azrael taucht seit vergangenem Jahr immer wieder in Schlachten gegen den IS auf.

Dabei geht er kaum weniger grausam vor als seine Gegner. Im August 2015 etwa verbrannte er einen angeblichen IS-Kämpfer bei lebendigem Leibe und hackte dann die Leiche mit seinem Schwert in Stücke. "Wir werden euch zerschneiden wie Schawarma!", kommentierte Abu Azrael in einem Video, das die Tat zeigte.

Nun hat Abu Azrael, auch bekannt als "Rambo des Irak", einen neuen Clip veröffentlicht, der ihn am Stadtrand von Falludscha zeigen soll. In dem Video steht er inmitten verbündeter Kämpfer. Teilweise spricht er in dem Clip persisch, mit seinen Kameraden ruft er religiöse schiitische Floskeln.

Abu Azrael

Abu Azrael

Das passt genau ins Kalkül seiner Erzfeinde vom IS: Die Dschihadisten können sich dank Gegnern wie Abu Azrael als Verteidiger der irakischen Sunniten gegen die von Iran unterstützten Schiiten präsentieren.

Mit Kämpfern wie Abu Azrael lässt sich zwar möglicherweise der Krieg gegen den IS am Boden gewinnen. Frieden im Irak gibt es mit ihnen aber nicht.


Zusammengefasst: Die Bewohner der irakischen Stadt Falludscha fliehen vor den Terroristen des IS, aber auch vor den Befreiern. Schiitische Milizen rücken in den von Sunniten bewohnten Ort vor. Augenzeugen berichten von Plünderungen, Folter und Mord. Die Schlacht um Falludscha zeigt, dass nach einem Sieg über den IS ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Konfessionsgruppen schwierig wird.

insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
JaquesLafitte 09.06.2016
1. Was fällt mir da ein ....?
Pandora lässt grüßen. Da wurde irgendwann etwas geöffnet, was sich vielleicht in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr schließen wird lassen. Und nicht nur in diesem Gebiet. Sind wir auf dem Weg zurück in die Steinzeit?
guido_lux 09.06.2016
2.
Es war immer so und wird vmtl auch immer so bleiben. Im Krieg leidet die Zivilbevölkerung. Egal welche Armee, egal welches Land, egal welche Zeitepoche. Wer zwischen die Mühlsteine kämpfender Armeen gerät, unterliegt der Willkür des Siegers. Ich glaube die Frage stellt sich nicht, ob wir auf dem Weg in die Steinzeit sind. Haben wir sie denn schon verlassen? Waffentechnisch sicher, Emotionstechnisch habe ich da eher Zweifel.
hausierer 09.06.2016
3. Schön dass man das mal kapiert...
das man sich aus diesem ganzen Gewürge raushalten sollte...Jahrhunderte alte Konflikte sind da offen ausgebrochen , Schiiten gegen Sunniten, Clans gegen Clans, Moslems gegen Christen und so weiter und so weiter....die werden es nie lernen ...ausserdem haben die Amis mit ihrer dilettantischen und stümperhaften Diplomatie noch zur Eskalation dieser Staaten beigetragen....und wir Gutmenschen bilden uns tatsächlich ein wir könnten das militärisch lösen....es ist unglaublich, mit welcher Arroganz und Dummheit der Westen immer noch glaubt sich in die Angelegenheiten anderer Staaten oder besser gesagt " Scheichtümer " einmischen zu müssen....
ediart 09.06.2016
4. Ein Schrecken
ohne Ende. Daran kann und darf man sich nicht gewöhnen.
behemoth1 09.06.2016
5. Pandora
Zitat von JaquesLafittePandora lässt grüßen. Da wurde irgendwann etwas geöffnet, was sich vielleicht in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr schließen wird lassen. Und nicht nur in diesem Gebiet. Sind wir auf dem Weg zurück in die Steinzeit?
Wer hat denn die Büchse der Pandora geöffnet? Krieger sind normaler weise alle keine Friedenstauben, sie begehen alle samt Dinge, die friedliche Menschen ablehnen und sie begehen oft mehr als nur ihre Kampfhandlungen und das ist nicht neu, das gab und gibt es in jedem Krieg und das von allen Parteien.
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