Terror im Irak Die Rückkehr des IS

Der "Islamische Staat" galt im Irak als praktisch besiegt - nun verbreitet die Miliz neuen Terror. Die Dschihadisten profitieren von zwei Entwicklungen.

Sicherheitskräfte mit IS-Flagge im Irak (Archivbild)
REUTERS

Sicherheitskräfte mit IS-Flagge im Irak (Archivbild)

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Die Bürokratie des Terrors funktioniert noch einigermaßen. In der jüngsten Ausgabe ihres arabischen Propagandamagazins "al-Naba" listet die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" penibel ihre jüngsten Angriffe gegen Politiker im Irak auf:

  • ein Anschlag gegen ein Parteibüro in der Stadt Hit,
  • Schüsse auf das Fahrzeug des Parlamentskandidaten Anwar Fakhri Karim,
  • ein Autobombenanschlag auf den Parlamentskandidaten Ammar Kahiya.

Die Politiker überlebten die beiden Attentate in Kirkuk, aber insgesamt wollen die Terroristen allein zwischen dem 9. und 18. April 25 Mitarbeiter von Parteien und der Wahlbehörde getötet oder verletzt haben.

Und das soll erst der Anfang sein: In einer Audiobotschaft kündigte IS-Sprecher Abu al-Hassan al-Muhajer am Sonntag weitere Anschläge rund um die Parlamentswahl im Irak am 12. Mai an. Die Terrormiliz betrachte jeden Wähler und jeden Kandidaten als Ungläubigen und damit als vogelfrei. "Wahllokale sind ein Ziel für uns, also haltet euch fern", drohte Muhajer.

Die radikalen Islamisten des IS halten Wahlen per se für unislamisch. Im Irak argumentieren sie außerdem damit, dass die Wahlen eine von Schiiten dominierte Regierung hervorbrächten, die ein Vasall Irans sei. "Wir warnen die Sunniten des Irak davor, dass die Schiiten die Macht an sich reißen."

IS brüstet sich mit Schläferzellen

Knapp zwei Drittel der Iraker sind Schiiten. Seit der US-geführten Invasion und dem Sturz des sunnitischen Diktators Saddam Hussein 2003 haben schiitische Parteien bei den halbwegs freien Wahlen im Land stets die Mehrheit errungen, seit 2004 stellen sie auch durchgängig den Regierungschef. Fast alle Schlüsselpositionen in Politik und Militär sind mit Schiiten besetzt.

Die Vorgängerorganisation des IS, al-Qaida im Irak, rechtfertigte ab 2004 ihre Terrorkampagne mit dem Widerstand gegen die US-Armee und gegen die schiitische Dominanz. Mit Erfolg: Nach zehn Jahren eroberte der IS Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes. Kurz darauf kontrollierten die Dschihadisten rund ein Drittel des Landes und standen weniger als hundert Kilometer vor Bagdad.

Mehr als drei Jahre dauerte es, den IS zu besiegen. Doch das ist noch längst nicht das Ende der Dschihadisten im Irak. Der IS brüstet sich damit, unzählige sogenannte Schläferzellen im Land zu unterhalten, deren Mitglieder nur darauf warteten loszuschlagen. Da ist zum Beispiel der Distrikt Hawidscha: Bis zum vergangenen Oktober war das Gebiet die letzte Hochburg des IS im Irak.

Dann eroberten Sicherheitskräfte Hawidscha zurück - aber noch immer terrorisieren IS-Kommandos die Bevölkerung bei nächtlichen Angriffen. In anderen Landesteilen greifen die Terroristen auf jene Guerillataktik zurück, die sie schon vor knapp 15 Jahren einsetzten: gezielte Angriffe auf Politiker, Bombenanschläge, Sprengfallen, Attacken aus dem Hinterhalt.

Neu ist, dass sich die Angriffe des IS nicht mehr auf die Provinz Anbar und das Gebiet des sogenannten sunnitischen Dreiecks konzentrieren. Stattdessen ist das Gebiet um die nordirakische Stadt Kirkuk verstärkt ins Visier der Terrormiliz geraten, das zeigen nicht zuletzt die Anschläge auf die beiden Parlamentskandidaten in der vergangenen Woche.

IS-Rückzugsgebiet in Syrien

Die Dschihadisten nutzen hier zwei Entwicklungen: Der IS behauptet selbst, dass die US-Armee ihre Luftüberwachung im Nordirak zurückgefahren habe, sodass sich Kämpfer leichter ungeschützt bewegen könnten. Zum anderen profitieren die Terroristen vom Rückzug der Peschmerga aus Kirkuk. Im Oktober vergangenen Jahres, im Zuge des Streits um das kurdische Unabhängigkeitsreferendum, vertrieben Truppen der irakischen Zentralregierung die kurdischen Sicherheitskräfte aus der Stadt.

Seither hat sich die Sicherheitslage in der Provinz deutlich verschlechtert - das hilft dem "Islamischen Staat". Dorfbewohner schildern, dass IS-Männer inzwischen ohne Scheu in Moscheen auftreten. Weil der Staat hier schwach ist, schwingen sich die Dschihadisten zur Schutzmacht auf, die den Dorfbewohnern Sicherheit gegen Gehorsam und Schutzgeld verspricht.

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Und schließlich profitiert der IS davon, dass er jenseits der syrischen Grenze noch immer ein kleines, vergleichsweise sicheres Rückzugsgebiet besitzt. Auch wenn Wladimir Putin, Hassan Rohani und Baschar al-Assad schon vor Monaten den endgültigen Sieg über den IS in Syrien verkündeten, kontrolliert die Miliz noch immer mehrere Ortschaften im Euphrattal.

Am vergangenen Donnerstag flog die irakische Luftwaffe daher erstmals einen Luftangriff auf einen mutmaßlichen IS-Stützpunkt in Syrien. Mehr als 30 Dschihadisten sollen bei der Attacke in dem Dorf Hadschin am Ufer des Euphrats getötet worden sein. "Dieser Angriff zeigt die wachsenden Fähigkeiten unserer Streitkräfte, Terroristen zu jagen und zu liquidieren", sagte Ministerpräsident Haider al-Abadi anschließend. Seine Armee wird diese Fähigkeiten in Zukunft noch öfter unter Beweis stellen müssen - vor allem im eigenen Land.

Video: Krieg im Namen Allahs - Inside IS

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go2dive 25.04.2018
1. Vorher besser?
Der Irak und Libyen - ging es den Menschen unter den damaligen Diktatoren wirklich so viel schlechter? Zumindest gab es keine zerbombten Häuser, keinen IS Terror, deutlich weniger zivile Opfer. Und dann kam der Westen und hat funktionierende Staaten in die Steinzeit gebombt. Sicher, die Diktatoren haben auch viel Unrecht getan aber für die meisten Menschen war das Leben vermutlich besser - ganz sicher für die vielen, die jetzt tot sind.
sven2016 25.04.2018
2.
Ach was: Der Spruch, unter den Diktatoren sei alles besser gewesen, zieht nicht. Auch Assad hat schon vor dem Krieg tausende von Menschen foltern und umbringen lassen. Das Problem sind die Partikularinteressen in den Ländern, die eine Befriedung dadurch verhindern, dass fast alle Gruppen bereit sind, alle anderen zu bekämpfen. Und Jeder hat wenigstens eine ausländische Schutzmacht - außer wieder mal den Kurden.
SPONU 25.04.2018
3. In Syrien, Afghanistan, Irak...
....könnte die Ausbreitung extremistischer Kräfte auch daran liegen, dass sich ihnen keine kampf- und opferbereiten Männer (hauptsächlich) und Frauen entgegenstellen. Die sitzen im sicheren Europa, erhalten Transferzahlungen und überlassen ihr Heimatland kampflos dem Feind. Eine kontroverse Sicht? Mal ein Gedankenexperiment: Sollten sich in Deutschland rechtsextreme Kräfte ausbreiten und die normalen, gesetzestreuen Menschen ins Ausland flüchten. Was glaubt man würde geschehen wenn sich denen niemand mehr entgegenstellte?
sir wilfried 25.04.2018
4. Mächtige Verbündete
Ohne mächtige Verbündete wäre der IS vermutlich Geschichte. Solange aber Saudi-Arabien Geld und Waffen liefert und die Türkei ihnen die Kurden vom Hals hält und Rückzugsmöglichkeiten bietet, wird das Morden weiter gehen.
wiebitte 25.04.2018
5. hatte nicht vielmehr
Donald Trump den Sieg über den IS sowohl verkündet als auch für sich reklamiert? Jetzt ist es natürlich wieder die "Unfähigkeit" der Assad-Seite, Haben die im Irak gekämpft? Nö, aber natürlich können die sich a mal Mühe geben ihr Land unter Kontrolle zu haben ... Geht's noch Herr Sydow? Ihre extrem einseitige Berichterstattung nervt nur noch!
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