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Gewalt im Irak: Attentäter töten Dutzende Menschen in Kirkuk und Bagdad

Feuerwehrkräfte in Kirkuk: Mindestens neun Tote durch Anschlag Zur Großansicht
DPA

Feuerwehrkräfte in Kirkuk: Mindestens neun Tote durch Anschlag

Die Gewalt im Irak eskaliert weiter: Bei Autobombenanschlägen in den Städten Kirkuk und Bagdad starben Dutzende Menschen. Frankreichs Außenminister Fabius fordert eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats.

Bagdad - Die Dschihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sind im Irak auf dem Vormarsch. In den Städten verschärfen Attentate die Sicherheitslage: In der von Kurden kontrollierten nördlichen Stadt Kirkuk wurden bei einem Autobombenanschlag auf eine Moschee mehrere Menschen getötet. Nach Angaben von Polizei und Ärzten starben sechs Menschen, fast 40 wurden verletzt. Viele der Opfer waren Frauen und Kinder, die in dem Gotteshaus Zuflucht gesucht hatten. Die genauen Opferzahlen stehen noch nicht fest: Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert Polizei und Rettungskräfte, mindestens neun Menschen seien ums Leben gekommen.

Auch in Bagdad starben laut Polizeiangaben mindestens zwölf Menschen bei einem Selbstmordattentat in dem schiitischen Teil der irakischen Hauptstadt. Unter den Toten seien sieben Zivilisten, 25 seien verletzt worden. Die IS-Kämpfer stehen rund hundert Kilometer vor Bagdad und drohen, auch die Hauptstadt des Iraks einzunehmen.

Die radikalen IS-Kämpfer haben im Nordirak weitere Städte unter ihre Kontrolle gebracht. Die Kämpfer nahmen Augenzeugen zufolge im Nordirak die hauptsächlich von Christen bewohnte Stadt Tilkaif sowie Kwair ein. Auch in Machmur unweit der kurdischen Regionalhauptstadt Arbil lieferten sich die Extremisten heftige Gefechte mit kurdischen Peschmerga-Milizen, die sich auf die Seite der irakischen Regierungstruppen geschlagen haben.

"Islamischer Staat" gewinnt auch in Syrien neue Gebiete

Im Irak wächst zudem die Sorge um Zehntausende Flüchtlinge der religiösen Minderheit der Jesiden, die sich vor der sunnitischen Gruppe in Sicherheit bringen wollen. Den in einer Bergregion eingeschlossenen Menschen fehlt es nach Uno-Angaben an Wasser und Lebensmitteln. Mindestens 40 Kinder seien bereits an Dehydrierung gestorben. Auch Christen flohen vor den heranrückenden Kämpfern.

Nicht nur im Nordirak, auch im benachbarten Syrien sind die IS-Rebellen auf dem Vormarsch: Dort eroberten sie in erbitterten Gefechten eine der letzten verbliebenen Stützpunkte der Regierungstruppen in der nördlichen Provinz Rakka. Menschenrechtlern zufolge wurden dabei mehr als 40 Menschen getötet.

Die Extremisten haben nach Schätzungen der Beobachtungsstelle für Menschenrechte bereits rund ein Drittel des syrischen Staatsgebiets unter ihre Kontrolle gebracht. Die früher als Isis bekannte Bewegung teilte mit, sie habe seit dem Wochenende insgesamt 15 Städte sowie den größten Staudamm des Landes bei Mossul erobert. Die Offensive werde fortgesetzt. Aus kurdischen Kreisen verlautete, der Damm am Tigris sei nicht eingenommen worden.

Frankreich fordert Uno-Dringlichkeitssitzung

Nach Uno-Angaben sind in den vergangenen Tagen fast 1,2 Millionen Menschen vor den Extremisten geflohen. Es handele sich um eine "Tragödie immensen Ausmaßes", sagte ein Sprecher der Koordinationsstelle für humanitäre Einsätze. Von den Tausenden Jesiden im Nordirak seien inzwischen einige gerettet worden, hieß es.

Angesichts der Eskalation im Irak und in Syrien fordert Frankreich nun eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Die internationale Gemeinschaft müsse handeln, um "der terroristischen Bedrohung im Irak entgegenzutreten und Hilfe und Schutz für die bedrohte Bevölkerung zu leisten", sagte der französische Außenminister Laurent Fabius.

Laut Fabius ist Frankreichs Regierung im Hinblick auf das Vorrücken der IS-Extremisten "sehr besorgt". Der Außenminister sprach von "unerträglichen" Übergriffen der Islamisten. Opfer seien zuerst die Zivilbevölkerung und die religiösen Minderheiten.

Die Minderheit der Jesiden
Wo leben die Jesiden?
REUTERS

Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.

vek/AFP/Reuters/AP

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Fred1999 07.08.2014
Und wie sagte einer der deutschen Politiker: "Der Islam gehört zu Deutschland". Tja, vielen Dank auch.
2. US-Kontingent
auweia 07.08.2014
Was machen eigentlich aktuell die nach Bagdad verlegten 300 US-Soldaten (Marines?) die irakische Regierung hat rja bereits Hilfe angefordert. Ich konnte mir vorstellen, dass die Amerikaner verschiedene Moglichkeiten zur Einwirkung auf IS bereits geprüft haben....
3. Unter Saddam ...
torlinnovak 07.08.2014
war vieles nicht lustig, aber er hatte sein eigenes Land unter Kontrolle. Dann wollten Bush, Paul Wolfowitz und Richard Perle ihn los haben, seit dem herrscht Gewalt und Chaos in den ganzen Golf-Staaten. Danke Amerika !
4. Saddam ist weg, jetzt wird alles besser
b5200 07.08.2014
... oder: die Folgen der Invasion. Mit Pech auf dem auf dem Weg zum 'failed state'. Gleiches kann Lybien ereilen. Letztendlich kann festgestellt werden, dass der sogenannte 'Kampf gegen den Terror' die Welt eher instabiler gemacht hat.
5.
alias_=|||=_ 07.08.2014
Wann erhalten die Kurden endlich die Waffen die sie benötigen um sich selbst um die tausenden von Flüchtlingen zu schützen?
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon


Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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