Ägyptens Kampf gegen Dschihadisten Der Endloskrieg auf dem Sinai

Ein spektakulärer Banküberfall und Anschläge im Wochentakt: Dschihadisten marodieren im Norden der Sinai-Halbinsel. Ägyptens Präsident Sisi ist machtlos.

Ägyptische Armeepatrouille auf dem Sinai (Archiv)
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Ägyptische Armeepatrouille auf dem Sinai (Archiv)

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Die Dschihadisten machten kurzen Prozess: Rund zwei Dutzend Männer fuhren am Montag mit ihren Geländewagen in das Zentrum von Arisch, der größten Stadt auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel. Sie teilten sich in zwei Gruppen auf - die eine warf Granaten auf die koptische Kirche St. Georg und lieferte sich ein Feuergefecht mit dort positionierten Wachposten. Die andere Gruppe überfiel währenddessen eine nahegelegene Filiale der Nationalbank. Die Täter sollen 17 Millionen Ägyptische Pfund erbeutet haben, umgerechnet rund eine Million Dollar.

Bei dem Überfall kamen nach übereinstimmenden Berichten mindestens fünf Menschen ums Leben, mehr als ein Dutzend wurden verletzt.

Für Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi ist der Panzerknacker-Coup am helllichten Tag ein Debakel. Die Zentralregierung in Kairo kämpft seit vier Jahren gegen die Dschihadisten auf der Halbinsel, von denen viele zur "Provinz Sinai", dem ägyptischen Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), gehören.

In und um die Stadt Arisch ist Sisis hochgerüstete Armee so präsent wie an keinem anderen Ort auf dem Sinai. Und doch konnte der Überfall nicht verhindert werden - ebenso wenig wie die zahlreichen Anschläge auf Soldaten in den vergangenen Tagen und den ganzen Sommer über:

  • Am Wochenende töteten IS-Kämpfer bei einer Anschlagsserie auf Armee-Checkpoints nahe der Kleinstadt Scheich Suwaid mindestens sechs Soldaten.
  • Darüber hinaus wurden am vergangenen Donnerstag sechs Polizisten in Arisch ermordet.
  • Im September griffen IS-Kämpfer einen Militärkonvoi nahe Arisch an, bei dem mehr als ein Dutzend Soldaten ums Leben kamen.
  • Einen Monat zuvor wurden vier Polizisten während einer Patrouille unweit von Arisch getötet - und im Juli hatten IS-Anhänger nahe der Stadt Rafah mehr als ein Dutzend Soldaten mit einer Autobombe getötet.
Karte: Mapbox, Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Wie viele Soldaten die Dschihadisten seit Beginn der Armeeoffensive 2013 ermordet haben, ist kaum zu beziffern. Das Militär schweigt. Das in den USA ansässige Tahrir Institute for Middle East Policy geht von mindestens 1000 Mitgliedern der Sicherheitskräfte aus, die gefallen sind.

Hinzu kommen mehr als hundert tote Kopten. Die Gewalt der Dschihadisten hat die Mehrheit der christlichen Minderheit von der Sinai-Halbinsel vertrieben, besonders nach den blutigen Anschlägen in der Karwoche dieses Jahres.

Infolgedessen hatte Präsident Sisi einen Ausnahmezustand für das ganze Land erklärt - und diesen nun bereits zum zweiten Mal um weitere drei Monate verlängert.

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Kopten auf dem Sinai: Ägyptens Christen auf der Flucht vor dem IS

Allein kann Sisi aber die Dschihadisten nicht bezwingen. Deshalb setzt er unter anderem auf eine engere Zusammenarbeit mit der palästinensischen Hamas im Gazastreifen. Dieses Gebiet grenzt an den Sinai.

Die Hamas hat kein Interesse am Erstarken noch radikalerer Gruppen in ihrem Herrschaftsgebiet und ist gleichzeitig auf die Unterstützung aus Kairo angewiesen. Eine erste Folge: Anfang Oktober gab die Hamas bekannt, eine vierköpfige IS-Zelle festgenommen zu haben.

Das ägyptische Militär wiederum treibt den Ausbau einer zehn Kilometer langen und eineinhalb Kilometer breiten Pufferzone entlang der Grenze zum Gazastreifen seit Wochen weiter voran, wie ein Armeesprecher der Nachrichtenagentur AP unlängst bestätigte.

Bulldozer zerstörten demnach mindestens 140 Häuser in dem Hochsicherheitsgebiet, mit dem der Schmuggel von Dschihadisten und Waffen aus und in den Gazastreifen dauerhaft unterbunden werden soll.

Soldatenbegräbnis nach einem Anschlag in Arisch
AFP

Soldatenbegräbnis nach einem Anschlag in Arisch

Um das riesige Operationsgebiet effektiver zu kontrollieren, kooperiert Ägypten zudem mit Israel, das selbst immer wieder von den Dschihadisten angegriffen wird. Zuletzt hatte der IS am Sonntag zwei Raketen von der Halbinsel aus über die Grenze abgefeuert - ohne Schaden anzurichten.

Nach Angaben der Terrormiliz erfolgte der Beschuss, nachdem israelische Kampfjets über ihre Stellungen auf dem Sinai geflogen seien. Israel kommentiert solche Einsätze für gewöhnlich nicht oder nur indirekt.

Als etwa die Dschihadisten zu Beginn des Jahres bekannt gaben, eine israelische Drohne habe fünf ihrer Kämpfer getötet, sagte Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman: "Wie üblich haben Spezialeinheiten aus Liechtenstein einige IS-Terroristen auf dem Sinai liquidiert."

Ägypten kann sich diese Form des Sarkasmus nicht leisten. Der Endloskrieg gegen die Dschihadisten auf dem Sinai wird zunehmend zum Problem für Präsident Sisi. Er war mit dem Versprechen angetreten, sein Land wieder sicher und zukunftsfähig zu machen. Bislang scheitert er mit seiner Mission.



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