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Eine Stadt unter dem IS-Terrorregime: Tagebuch aus dem Fegefeuer

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SPIEGEL ONLINE

Stellen Sie sich vor, der IS hat Ihre Stadt besetzt. Morde und Folter sind an der Tagesordnung. Nur eine Gruppe erhebt sich gegen die Fanatiker: al-Qaida - ausgerechnet. Im libyschen Darna ist dieses Horrorszenario Realität. Farrah Schennib berichtet im Tagebuch vom Überleben unter Islamisten.

Zwischen Traum und Albtraum liegen nur rund 300 Kilometer. An Kretas Küste genießen Touristen sorgenfreie Urlaubstage - auf der Südseite des Mittelmeers, in Libyen, morden Islamisten im Namen Allahs.

Ungefilterte Nachrichten dringen kaum noch aus den umkämpften Gebieten. Die Terroristen verbreiten ihre Schreckenspropaganda über YouTube und Facebook. Doch was passiert wirklich in dem isolierten Land? Wie ist das Leben dort?

Die Küstenstadt Darna wird seit dem Sturz Muammar al-Gaddafis von Qaida-Anhängern und der Terrormiliz "Islamischer Staat" beherrscht. Einer der jungen Einwohner hat für uns fünf Monate lang Tagebuch geführt. Der 26-Jährige geht mit der Veröffentlichung ein hohes Risiko ein. Zu seinem Schutz haben wir seinen Namen geändert und nennen ihn Farrah Schennib.

Die beiden islamistischen Gruppierungen liefern sich einen grausamen Kampf um die Macht. Mitte Juli schien die Schlacht schon entschieden: Die IS-Extremisten wurden von den Qaida-Kämpfern aus der Stadt vertrieben. Doch jetzt kehren sie zurück.

Lesen Sie hier das Tagebuch von Farrah Schennib - 22 Einträge, die von Angst und Resignation zeugen. Und von Lebenslust und Widerstandswillen.

Wie das Tagebuch entstanden ist

Darna? Ganz schwierig! - hieß es selbst von Menschenrechtsorganisationen und Journalisten, die noch direkt aus Libyen berichten. Zu entlegen sei die Stadt, die nach dem Sturz Gaddafis als Erste in die Hände islamistischer Extremisten fiel und seit Herbst 2014 vom "Islamischen Staat" (IS) beherrscht wird. Wir wollten dennoch wissen, was dort passiert.

In dem Fotografen Farrah Schennib fanden die SPIEGEL-Auslandsreporterin Susanne Koelbl und der libysche Politiker Salah Ngab, der vor fünf Monaten vor den Extremisten nach Deutschland floh und bei der Übersetzung half, einen ebenso mutigen wie reflektierten Einwohner von Darna, der bereit war, ein Tagebuch zu führen über ein Leben zwischen Salafistenmilizen und den Schlächtern des IS.

Die drei ahnten kaum, wie schwierig es sein würde, Kontakt zu halten und zu übermitteln, was genau in dieser isolierten Stadt auf der anderen Seite des Mittelmeers geschieht. Über fünf Monate haben sie hin- und hergeschrieben, nachgefragt, durch Telefone gebrüllt, um die andere Seite wenigstens akustisch zu verstehen, E-Mails ausgetauscht, geskypt, wenn es das instabile Stromnetz erlaubte. Seit dem 9. August haben wir den Kontakt zu Farrah Schennib verloren.

In seiner letzten Nachricht heißt es: "Der IS ist wie ein Löwe im Käfig." Und: "Wer weiß schon, was als Nächstes geschieht."

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