Kampf um IS-Hochburg Mossul Das Schlimmste kommt erst noch

Schneller als erwartet haben irakische Truppen den Ostteil von Mossul erobert. Doch der Vormarsch in den dicht besiedelten Westen wird schwieriger. Die Uno sorgt sich um 750.000 Zivilisten in der Hand des IS.

AFP

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Nachts kommen die Dschihadisten im Ruderboot. In kleinen Kommandogruppen setzen die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) über den Tigris. Im Schutz der Dunkelheit greifen sie Stellungen der irakischen Sicherheitskräfte am Flussufer an.

Irakische Regierungstruppen haben gemeinsam mit verbündeten Milizen und kurdischen Peschmerga die Osthälfte von Mossul erobert. Rund drei Monate nach Beginn der Offensive stehen die Eroberer am Ostufer des Tigris. Der Fluss markiert nun die Grenze zwischen dem Westen, der noch immer in der Hand des IS ist, und dem Osten, den die Regierung zurückerobert hat.

Frontverlauf in Mossul
Gebiet unter Kontrolle des IS
Irakische Sicherheitskräfte und verbündete Milizen
Kurdische Peschmerga

Tausende Zivilisten sind nach Angaben der Vereinten Nationen bislang bei den Kämpfen getötet worden. Die irakische Armee spricht zudem von 3300 getöteten IS-Milizionären. Die genauen Opferzahlen kennt niemand. Die Uno hat insgesamt 182.000 Flüchtlinge registriert, 22.000 von ihnen sind inzwischen nach Ost-Mossul zurückgekehrt. Dort haben auch die ersten Schulen den Unterricht wieder aufgenommen.

Verbrechen von beiden Seiten

Nach Angaben von Augenzeugen hat der IS in den vergangenen Monaten Hunderte Menschen verschleppt, darunter zahlreiche frühere irakische Sicherheitsbeamte und ihre Familien. Die Dschihadisten töteten Dutzende angebliche Spione. In den eroberten Stadtteilen und Vororten entdeckten die Regierungstruppen mehrere Massengräber, in denen der IS mehr als 200 Leichen verscharrt hatte.

Doch auch die Regierungsseite begeht Verbrechen. Der Nachrichtensender Al Jazeera strahlte vor einigen Tagen ein Video aus, das zeigen soll, wie irakische Polizisten in Mossul drei unbewaffnete Männer erschießen. Amnesty International wirft den schiitischen Volksmobilisierungseinheiten, die an der Seite der irakischen Armee kämpfen, "systematische Menschenrechtsverstöße" vor. Die Milizionäre hätten Sunniten aus Mossul verschleppt, gefoltert und erschossen - einfach nur auf den Verdacht hin, sie hätten mit dem IS sympathisiert.

Machtverteilung im Irak
SPIEGEL ONLINE

Machtverteilung im Irak

Diese Berichte werfen einen dunklen Schatten auf die militärischen Erfolge: Nach anfänglichen Schwierigkeiten läuft der Vormarsch in der zweitgrößten Stadt des Irak nämlich schneller als erwartet. Auch die Befürchtungen, der IS werde als Reaktion auf die Offensive den Irak mit einer beispiellosen Anschlagswelle überziehen, sind bislang nicht wahr geworden. Die IS-Kämpfer haben sich auf das Westufer des Tigris zurückgezogen, mehrere Tausend Mann soll die Terrormiliz in Mossul noch zählen. Widerstand leisteten die Dschihadisten vor allem mit dem massenhaften Einsatz von Selbstmordattentätern. 280 Selbstmordattentäter will der IS in den ersten hundert Tagen der Schlacht zwischen 17. Oktober und 24. Januar eingesetzt haben. Dabei seien auf Regierungsseite 6630 Kämpfer getötet worden.

Der IS prahlt mit seinen Kampfdrohnen

Obwohl die Terrororganisation auf dem Rückzug ist und ihre Gegner Mossul inzwischen völlig umzingelt haben, prahlen die Dschihadisten weiterhin mit ihrer militärischen Stärke. In der vergangenen Woche veröffentlichte der IS ein Propagandavideo, in dem er stolz seine neueste und modernste Waffe präsentierte: Drohnen. Die Aufnahmen zeigen, wie die Terrormiliz unbemannte Flugzeuge mit Granaten bestückt und die Munition dann über Stellungen der Regierungstruppen in Mossul abwirft. Es ist der erste dokumentierte Einsatz von bewaffneten Drohnen durch den IS.

Propagandavideo des IS
IS-Propagandavideo

Propagandavideo des IS

Doch auch damit kann die Dschihadistenmiliz den Vormarsch ihrer Gegner nicht stoppen. Was die Militärstrategen in Bagdad viel mehr besorgt sind die Gegebenheiten in West-Mossul. Die erste Schwierigkeit besteht darin, überhaupt ans andere Flussufer zu gelangen. Alle fünf Brücken über den Tigris sind schwer beschädigt oder zerstört worden - einige durch die Luftangriffe der US-geführten Anti-IS-Koalition, andere haben die Terroristen auf ihrem Rückzug gesprengt. Die irakische Armee bereitet derzeit die Errichtung von Behelfsbrücken vor, über die schweres Gerät transportiert werden kann. Doch diese Arbeit ist kompliziert und langwierig. Die Konstrukteure geraten in Gefahr, von IS-Scharfschützen auf der anderen Flussseite beschossen zu werden.

Hinzu kommt: Der Westen Mossuls ist weitaus dichter besiedelt als der Osten, viele Gassen sind so schmal, dass weder Panzer noch Humvees hindurchpassen. Das macht das Vorrücken dort weitaus schwieriger und riskanter, die Regierungstruppen verlieren damit einen strategischen Vorteil.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass noch rund 750.000 Zivilisten in West-Mossul ausharren. "Wir fürchten um ihr Überleben", sagt Lisa Grande, Leiterin der Uno-Mission im Irak. Sie rechnet damit, dass in den kommenden Wochen ein Großteil von ihnen aus der Stadt fliehen wird. Denn in den dichtbebauten Wohnvierteln sind die Zivilisten den Kämpfen sonst schutzlos ausgeliefert.

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
joG 30.01.2017
1. Wenn die UNO fordert....
....dass dort anders verfahren wird als die Kombattanten das wollen, so sollte die UNO es selbst machen. Wenn wir ain menschliches Verfahren dort wollen, so sollten wir das machen. Immer zu fordern und das Tun jener zu kritisieren, die ihre eigenen Leute und Gelder einbringen, ist feige und schadet denen, die dort tun, wovor wir uns scheuen.
bördeknüppel 30.01.2017
2. Wo sind die Ruinen ?
Aus Aleppo hat man uns Wochen und Monate lang die Bilder der - von Assad und Putin - zerstörten Wohngebiete und der obdachlosen bzw. getöteten Bewohner - vorrangig Kinder - gezeigt ! Das war richtig und notwendig ! In Mossul bombt jetzt der " Westen " ! Da gibt es das wohl alles nicht ?
ichlassmichnichtzensieren 30.01.2017
3. Flugverbotszone und Waffenstillstand zum Schutz der Zivilbevölkerung?
Aleppo ist inzwischen "befreit" unter großem Protest des westlichen Welt! Nun wo der Russe in Mossul nicht mitmischt, darf man fragen wie die Zivilbevölkerung dort geschützt werden soll? Nachdem anzunehmen ist, dass eine Friedenspfeife nicht helfen wird und die IS Terroristen auch nicht verhandeln wollen, bleibt da etwa nur das Kriegsgesetz: Kaempfen bis der letzte Feind sich ergeben oder tot is ... so wie eben auch in Aleppo?
Fonso 30.01.2017
4. So durchsichtig
Es wäre schön, wenn die bei SPON Verantwortlichen endlich dafür sorgten, dass nicht bei jeder neuen Entwicklung in Syrien, dem Irak und sonstigen Krisengebieten Bilder von kleinen Kindern den Artikel begleiten. Tränendrüse ist kein geeignetes Mittel zur Krisenbewältigung. Was wir dagegen bräuchten: Vernunft statt Gefühl. Selbstverständlich ist es schlimm, wenn Flüchtlingskinder tot an Stränden liegen. Es sterben aber jeden Tag, auch jetzt gerade, in dieser Minute, Kinder in der "3. Welt". Auch durch unsere, der Leser, Schuld. Unbeachtet. Statt hilflos Reflexen nachzugeben, wie beispielsweise diese unsägliche, überforderte Frau Merkel das tut, wäre es endlich an der Zeit, die Dinge mal planvoll, mit einem Konzept anzugehen. Das passiert nicht. Fotos von traurig dreinschauenden Kindern bringen einen da nicht weiter...
naklar261 30.01.2017
5. viel glueck
wuensche ich den Regierungstruppen dort. je schneller der IS aus dem Irak vertrieben werden kann um so besser. die menschen brauchen dort eine sichere Heimat.
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