Rekrutierung in Pakistan "Islamischer Staat" umwirbt Tausende neue Kämpfer

Mit ihrem Drohnenkrieg haben die USA führende Extremisten in Pakistan ausgeschaltet. Doch der militärische Erfolg könnte zum Desaster werden: Der "Islamische Staat" nutzt das Machtvakuum und wirbt um neue Kämpfer. Tausende stehen bereit.

AFP

Von , Istanbul


Seit dieser Woche tauchen die Pamphlete im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan auf, am Mittwoch auch in der nordwestpakistanischen Millionenmetropole Peschawar: zwölf Seiten starke Broschüren mit dem Titel "Fatah", was "Sieg" bedeutet. Auf dem Titel ist ein Kreis mit arabischen Schriftzeichen zu sehen, das Siegel des Propheten Mohammed, das auch auf der schwarzen Flagge der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) prangt, daneben eine Kalaschnikow AK-47.

Die Dschihadisten vom IS, die derzeit im Irak und in Syrien kämpfen, dort ein zusammenhängendes Gebiet von Aleppo bis Mossul erobert haben, sind in Pakistan angekommen. Mit den Heftchen, die auf Urdu, Dari und Paschtu erscheinen, versucht die Organisation, neue Kämpfer zu rekrutieren. Zudem fallen überall in der Region Aufkleber, Plakate und mit Kreide an Hauswände geschriebene Werbesprüche des IS auf. Schätzungen gehen davon aus, dass die Miliz schon jetzt auf 20.000 kampfbereite Mitglieder angewachsen ist - Tendenz steigend.

In Pakistan finden die Extremisten geradezu ideale Bedingungen für ihre Anwerbekampagne. Die pakistanischen Taliban sind führungslos, seit die USA immer wieder in ihrem seit 2004 andauernden heimlichen Drohnenkrieg führende Kommandeure in den pakistanischen Stammesgebieten ausschalten.

Zuletzt töteten sie am 1. November 2013 den als besonders brutal geltenden Chef der pakistanischen Tehrik-i-Taliban (TTP), Hakimullah Mehsud. Die TTP ist die Dachorganisation mehrerer Extremistengruppen in dem Land. Hakimullahs Nachfolger Mullah Fazlullah hält sich derzeit in Afghanistan versteckt. Die Gruppierungen sind untereinander heillos zerstritten, es gibt keine herausragende Figur, die sie einen könnte.

Gefährliches Machtvakuum bei den Militanten

Dieser aus US-Sicht eigentlich wünschenswerte Zustand stellt sich nun als gefährlich heraus, denn der IS weiß dieses Machtvakuum für sich zu nutzen. Tausende von Taliban aus Pakistan, Afghanistan und Zentralasien stehen bereit, sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen, aus Frust über mangelnde Führung in den eigenen Reihen, aber auch, weil man den Erfolg des IS sehr wohl zur Kenntnis nimmt und daran teilhaben möchte.

Hinzu kommt, dass die pakistanische Armee seit einigen Monaten einen Krieg in der zu den Stammesgebieten gehörenden Region Nord-Waziristan gegen die Taliban führt. Man habe bisher 910 Militante getötet, mehrere Bombenwerkstätten und Munitionsfabriken zerstört, teilt das Hauptquartier der Streitkräfte in Rawalpindi mit.

Die Infrastruktur der Taliban ist zerstört, die Führung ausgeschaltet, ihr Kampfgeist weggebombt - da kommt der IS gerade richtig. "Die schaffen, was weder Taliban noch al-Qaida noch sonst irgendeine Organisation geschafft haben", sagt ein Taliban-Kommandeur SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Sie haben das, wovon wir seit Jahren träumen, nämlich einen echten islamischen Staat, innerhalb von wenigen Wochen erreicht." Seit den Erfolgen des IS träume man nicht mehr von einem Kalifat "von Pakistan bis Israel, sondern von Indien bis Spanien". IS sei die "logische Konsequenz der antiislamischen Politik der USA und ihrer Alliierten" und des "brutalen Vorgehens des Westens in Afghanistan, im Irak und in anderen islamischen Ländern".

Streit gibt es noch, wer die Krieger anführt

Tatsächlich ist die TTP in den vergangenen Monaten weiter zerfallen in rivalisierende Gruppen. Mehrere neue Organisationen, die aus der TTP hervorgegangen sind, haben bereits ihre Zusammenarbeit mit dem IS angekündigt. Staatliche Grenzen zählen für diese Gruppen ohnehin nicht, sie kämpfen für ein zusammenhängendes, von Muslimen ihres Schlages bevölkertes Gebiet über heutige Ländergrenzen hinweg - ein Vorhaben, das der IS bislang effektiver umgesetzt hat als das Terrornetzwerk al-Qaida.

Streit gibt es allerdings noch darüber, ob der IS-Chef und selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi als ihr Anführer anzuerkennen sei oder ob sie doch weiter am obersten Taliban-Chef Mullah Omar festhalten sollten, der in Afghanistan oder Pakistan vermutet wird.

In der pakistanischen Bevölkerung nimmt man all das nur am Rande wahr, da das Land derzeit von einer Regierungskrise erschüttert wird. Unklar ist, wie die pakistanische Bevölkerung zum IS steht.

Als 2008 der dänische Cartoonist Kurt Westergard eine umstrittene Mohammed-Karikatur veröffentlichte, gab es Demonstrationen. Vor der dänischen Botschaft in Islamabad explodierte eine Autobombe, mehrere Menschen starben. Als 2012 ein Video auf YouTube mit dem Titel "Die Unschuld der Muslime" für Aufregung in islamischen Ländern sorgte, starben bei Protesten in Pakistan mehrere Menschen.

Seit nun aber eine Gruppe selbsternannter "heiliger Krieger" unschuldige Menschen tötet und dabei eine Flagge führt, auf der das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, und eben jenes Siegel des Propheten Mohammed prangt, fühlt sich niemand beleidigt. Massenproteste gegen den IS gab bislang es nicht.

Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak (Stand: 14. August)
DER SPIEGEL

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Seite 1
mustafa20 04.09.2014
1.
Der Autor bringt Ursache und Wirkung durcheinander - ein "Machtvakuum" das durch Bekämpfung von mörderischen Terroristen entsteht, ist nicht das Problem. Die grassierende islamistische Idee, die diesen Platz mit mehr Mördern füllt, dagegen eher.
die80er 04.09.2014
2. von Indien bis Spanien?
warum nicht gleich die ganze Welt? Immer diese islamischen Wunschträume die sich nicht im geringsten an die Realität halten. Meinen die im Ernst das die Indien erobern könnten? Oder auch nur weiter als bis nach Istanbul kommen? Außer den grausamen Hinrichtungen bekommen die doch schon jetzt nichts mehr gebacken und das obwohl nur "ein paar" US Flugzeuge eingreifen. An die Atomwaffen Pakistans kommen die auch nicht dran. Den Zahn können die sich ziehen.
margei 04.09.2014
3. Scheinheillige Gläubige in aller Welt vereinigt Euch
"Seit nun aber eine Gruppe selbsternannter "heiliger Krieger" unschuldige Menschen tötet und dabei eine Flagge führt, auf der das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, und eben jenes Siegel des Propheten Mohammed prangt, fühlt sich niemand beleidigt. Massenproteste gegen den IS gab bislang es nicht." Das sagt doch alles über religösität aus. Denn die drei großen monotheistischen Religionen glauben an den gleichen Gott und man tötet alle als Ungläubige die nicht die gleiche Variante der eigenen Religion anhängt. Scheinheilige Bastarde sag ich da nur, da geh ich freiwillig in die Hölle da treffe ich wenigstens nicht scheinheilige Mörder an.
koepi71 04.09.2014
4. Tragisch
ist bei der Sache, dass es in der Region mehr als genügend perspektivlose und junge Männer gibt. Das schwache Bildungsniveau sowie die, in der Regel strenge, religiöse Erziehung tragen ebenfalls dazu bei.
feistus_raclettus 04.09.2014
5. Hoffnung Uneinigkeit
Bei solchen Verrückten wie der IS besteht immer die Hoffnung auf Uneinigkeit - Jedes Grüppchen kocht doch sein eigenes Süppchen. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Andererseits sollte der Westen endlich einsehen, dass man dem Problem auf die Dauer nicht mit Gewalt Herr wird und sich unser Demokratieverständnis nicht einfach mal eben so übertragen lässt. Die Deutschen brauchten 2 Weltkriege, bis sie eine stabile Demokratie von den Siegern verordnet bekamen. Auch ist die herablassende Haltung gegenüber den Muslimen unangebracht, schließlich hatten sie schon sehr viel früher das Mittelalter überwunden - und die Mehrheit hat sicher keine Lust, sich von einer Minderheit von Extremisten wieder dahin zurück bomben zu lassen. Und nicht vergessen: "Es gibt keinen Weg zum Frieden, den Frieden ist der Weg!" Mahatma Gandhi
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