Syrische Frauen und Kinder in IS-Hand Drama um die Drusen

Der "Islamische Staat" hat Dutzende Frauen und Kinder in Syrien entführt. Das Geiseldrama entwickelt sich für die drusische Minderheit zu einem Trauma - und stellt die Loyalität zum Assad-Regime auf die Probe.

Trauer um getötete Drusen
STR/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Trauer um getötete Drusen

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Am Sonntag gab es mal wieder ein Lebenszeichen: Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbreitete zwei kurze Videos, die entführte drusische Frauen zeigen. Die Entführer schickten sie an die Familien der Geiseln, die sie dann ins Internet stellten.

Die Dschihadisten hatten am 25. Juli bei ihrem Terrorüberfall auf die Stadt Suweida und umliegende Dörfer zahlreiche Menschen verschleppt. Damals töteten die IS-Terroristen mehr als 200 Menschen, verschleppten zudem mindestens 15 Frauen, 17 Kinder und einen jungen Mann. Den 19-Jährigen enthaupteten sie kurz nach der Entführung vor laufender Kamera, eine Frau starb wenig später an den Strapazen der Geiselhaft. Zwei Frauen gelang die Flucht.

Der IS hat damit noch mindestens 30 drusische Frauen und Kinder in seiner Gewalt. Fast alle von ihnen stammen aus dem kleinen Dorf Schbiki. Vermutlich halten die Dschihadisten sie in einem unwegsamen Wüstengebiet nordöstlich von Suweida fest. Es gehe ihnen allen gut, sagt eine Geisel in einem kurzen Video. In einer weiteren Aufnahme zeichnet eine zweite Frau ein anderes Bild der Lage: Eine schwangere Geisel habe während der Entführung eine Frühgeburt erlitten, berichtet sie. Das Baby sei gestorben.

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Seit Wochen laufen im Hintergrund Verhandlungen zwischen dem IS und dem syrischen Regime. Die Dschihadisten fordern im Gegenzug für die Freilassung ihrer Geiseln offenbar freies Geleit. Sie wollen in ein Wüstengebiet nahe des Euphrat gebracht werden. Es ist die letzte, nahezu menschenleere Region in Syrien, die noch unter Kontrolle des IS steht.

Lynchmord im Facebook-Livestream

Fortschritte in den Verhandlungen sind nicht erkennbar. Das Regime setzt stattdessen auf eine militärische Lösung. Regierungstruppen und verbündete Milizen rücken auf die IS-Enklave vor, in der die Geiseln vermutet werden. Nach Angaben der Staatsmedien in Damaskus habe man seit Beginn der Offensive deutliche Geländegewinne erzielt und die Dschihadisten weiter in die Enge getrieben. Wohl oder übel gefährdet das Militär damit aber auch das Leben der Geiseln.

Deren Angehörige sind sich dessen durchaus bewusst. "Am Ende werden wir sie zurückbekommen - entweder als Märtyrer oder lebendig", sagte Fareez Abu Ammar der BBC. Seine Schwägerin und ihre drei Kinder sind unter den Geiseln. Eine mögliche Befreiung der Entführten traut er weniger der syrischen Armee als lokalen Milizen zu: "Ich setze meine Hoffnungen auf die Söhne von Suweida, die Männer der drusischen Gemeinschaft", sagt Abu Ammar.

Lokale Milizen nehmen schon jetzt das Recht in Suweida in die Hand. In der vergangenen Woche verschleppten Kämpfer der Miliz "Adler des Wirbelwinds" einen mutmaßlichen IS-Terroristen und knüpften ihn im Stadtzentrum von Suweida auf. Der Lynchmord wurde via Facebookstream live übertragen. Am Leichnam drapierten die Täter eine Flagge der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP), der die Miliz politisch unterstellt ist. Später distanzierte sich die SSNP, die mit dem Regime von Baschar al-Assad verbündet ist und mehrere Minister stellt, von der Tat.

Das Massaker vom 25. Juli und das andauernde Geiseldrama ist für die Drusen in Syrien ein Trauma. Die Terroristen töteten ganze Familien in ihren Häusern - ließen aber in vielen Fällen ein Kind am Leben, das die grausamen Taten anschließend schildern sollte.

Die Loyalität zum Assad-Regime bröckelt

Die Drusen, deren Glaube sich vor rund 700 Jahren aus dem schiitischen Islam entwickelte, werden seit jeher von sunnitischen Muslimen misstrauisch beäugt. Das hat dazu geführt, dass die Gemeinschaft von einem besonders starken Zusammengehörigkeitsgefühl geprägt ist: Im Ernstfall kann man sich nur auf seinesgleichen verlassen, so das Credo.

Seit Beginn des Bürgerkriegs haben sich die Drusen mehrheitlich loyal gegenüber dem Assad-Regime verhalten. Das liegt auch daran, dass die Lage der Drusen der der Alawiten ähnelt, der schiitischen Minderheit, der die Assads angehören.

Die derzeitige Krise hat das Potenzial, dieses Bündnis zu spalten: Erst hat sich die Armee unfähig gezeigt, den Terrorüberfall des IS zu verhindern. Sollte das Regime nun auch daran scheitern, die Geiseln zu retten, droht der Zorn der Drusen weiter zu wachsen.

Video: Von Hamburg nach Rakka - Deutsche IS-Frauen

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