Angriffe in Syrien und im Irak Der Gaskrieg der IS-Terroristen

Die IS-Miliz hat in Syrien und im Irak Giftgas erbeutet - und eingesetzt. Was bedeutet das für den Kampf gegen die Extremisten? Wie gefährlich sind die Stoffe? Die wichtigsten Antworten.

AP/ Rased News Network

Ein dreijähriges Mädchen, ein fünf Tage altes Baby und die Eltern der beiden weisen seltsame Symptome auf: rote Augen, entzündete Haut, Atemprobleme. Kurz nachdem die vier Patienten in die Klinik der Organisation Ärzte ohne Grenzen im syrischen Aleppo kommen, bilden sich auf ihrer Haut dicke, gelbe Blasen. Ihre Atemprobleme nehmen zu.

"Wir haben nicht die Möglichkeit für Laboruntersuchungen, um die Ursache dieser Symptome mit Sicherheit festzustellen", sagt Pablo Marco von der medizinischen Hilfsorganisation in Syrien, "aber die klinischen Symptome der Patienten, die Art, wie sich die Symptome mit der Zeit änderten und die Zeugenaussagen der Patienten über die Umstände der Vergiftung weisen alle darauf hin, dass sie einem chemischen Stoff ausgesetzt waren."

Die Familie war aus Marea, einer kleinen Stadt bei Aleppo, zu den internationalen Helfern gebracht worden. Es war der zweite Jahrestag des Giftgasanschlags von Damaskus, bei dem Hunderte Menschen mit Saringas erstickt wurden. Die mit dem Gift gefüllten Raketen hatte damals aller Wahrscheinlichkeit nach das syrische Regime abgefeuert.

Am Freitag war Marea mit Artilleriegeschossen bombardiert worden. Ein Mann kam durch sie sofort ums Leben. Dutzende Menschen fingen an zu husten und mussten sich übergeben. Ihre Haut begann zu jucken. Die Stadt Marea wurde Ziel einer Attacke mit Senfgas, ausgerechnet am Jahrestag der tragischen Vorfälle von 2013. Angreifer war dieses Mal jedoch nicht die syrische Armee - sondern der "Islamische Staat" (IS).

Das Regime von Baschar al-Assad ist seit 2015 nicht mehr der einzige Akteur in diesem Konflikt, der Chemiewaffen besitzt und diese regelmäßig einsetzt. Auch die Dschihadisten verfügen inzwischen über die international geächteten Kampfstoffe und haben sie dieses Jahr bereits im Nordirak und in Syrien benutzt. Dies haben inzwischen Untersuchungen einheimischer Experten und des US-Verteidigungsministeriums bestätigt.

Wie gefährlich sind diese Waffen?
Der IS hat bisher noch keine Möglichkeit, Chemiewaffen in großem Stil einzusetzen, denn er besitzt keine Luftwaffe oder größere Raketen. Zudem verfügt er bisher "nur" über Senfgas und Chlorgas. Letzteres ist problemlos erhältlich, weil es auch zur Wasseraufbereitung verwendet wird. Beide Chemikalien sind nicht so gefährlich wie etwa Sarin oder VX. Diese greifen das Nervensystem an und können so sehr schnell sehr viele Menschen töten. Senfgas dagegen verursacht starke Verbrennungen, auch der Atemwege. Chlorgas kann ebenfalls die Atemwege angreifen. Durch die Giftgasangriffe der Dschihadisten im Irak und in Syrien scheint es bisher keine Todesopfer gegeben zu haben, wohl aber mehrere Verletzte.

Wie bedrohlich ist dies e Entwicklung?
Auch wenn die Chemiewaffen des IS nicht unmittelbar tödlich sind, geht von ihrem Einsatz eine verheerende Wirkung aus. Giftgas ist ein unsichtbarer Kampfstoff, bisher besitzen nur wenige Menschen in Syrien und im Irak Gasmasken und Schutzanzüge. Der IS nutzt also auch die psychologische Wirkung des Gases. Problematisch ist auch, dass nun mehrere Kriegsparteien Senf- und Chlorgas besitzen: der IS und das syrische Regime. Dies macht es Damaskus einfacher, die Chemikalien im kleinen Stil einzusetzen. Es kann schließlich die Schuld immer auf die Dschihadisten schieben. Mittelfristig könnte dies dazu führen, dass in dem brutalen Krieg immer häufiger Chemiewaffen eingesetzt werden.

Woher weiß der IS, wie man die Waffen einsetzt?
In den Reihen der Miliz finden sich viele ranghohe Ex-Militärs aus Saddam Husseins Armee. Der Diktator war berüchtigt für sein Chemiewaffenprogramm: Im Krieg gegen Iran (1980 bis 1988) setzte Hussein immer wieder Giftgas ein. Auch die eigene Bevölkerung griff er damit an. Die berüchtigste Attacke war der Giftgasanschlag von Halabja 1988. Diktator Hussein ließ auf die irakisch-kurdische Stadt Bomben abwerfen, die vermutlich mit Nervengasen wie Sarin und anderen Chemikalien bestückt waren. Zwischen 3000 und 5000 Menschen wurden getötet, Tausende verletzt.

Woher haben die Dschihadisten die Chemiewaffen?
Der IS erbeutete das Senfgas vermutlich aus den Beständen von Diktator Assad. Syrien hatte 2013 nach dem Giftgasanschlag von Damaskus zugegeben, über Jahrzehnte heimlich ein Chemiewaffenprogramm betrieben zu haben und zugesichert, dieses zu vernichten. Ein Großteil der Chemikalien wurde von den Syrern deklariert und außer Landes gebracht. Ob Damaskus aber tatsächlich alles deklariert hat, konnte nie überprüft werden. Vor allem beim Senfgas bleiben große Zweifel: Die Syrer gaben lediglich 20 Tonnen des Kampfstoffs ab, ihre Vorräte sollen aber mehrere hundert Tonnen umfasst haben. Außerdem behielten die Syrer ihre Granaten und Sprengköpfe, die mit Chemikalien gefüllt und auf kleinere Raketen montiert oder als Artillerie verwendet werden können. Lager mit den Kampfstoffen waren über ganz Syrien verteilt, auch in den nun vom IS kontrollierten Regionen. Denkbar ist, dass die Terrormiliz zudem Reste aus dem alten Chemieprogramm von Saddam Hussein besitzt. Die Bestandteile von Senfgas bleiben vergleichsweise lange haltbar.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ford_mustang 25.08.2015
1. Dann müssen die Amis jetzt wohl ran!
Die haben doch auch den Irak damals wegen des bloßen, angeblichen Vorhandensein von Giftgas angegriffen. Hier gibt es deutliche Beweise. Also, come on Boys! Durchladen und entsichern.
matt4866 25.08.2015
2. Im Irak???
Da sollte der Spiegel dank eigener Expertise wissen, das dort kein Giftgas existiert, der IS kann es also auch nicht erbeutet haben. Schoenen Gruss von George W Bush
notty 25.08.2015
3. Tja also.....
.....wie war das noch mal mit den "roten Linien", die fuer den Einsatz von chemischen Kampfstoffen Assad aufgezeigt wurden und bei dessen ueberschreiten die 'volle Breitseite' der zivilisierten Welt entfesselt werden sollte ? Das scheint fuer den IS (auch) nicht zu gelten. Warum ist das so?? Warum bombardiert die Tuerkei Stellungen der Kurden, die noch diejenigen sind die den IS am Boden aufhalten? Warum ist das so? Wie kann ein NATO-Mitglied weiterhin den IS logistisch unterstuetzen? Warum ist das so?? Besorgt evtl. der IS das Geschaeft der Tuerkei und auch der USA, die Assad unbedingt aus Syrien entfernen wollen??? (wie sowas bei den Amerikanern ausgeht, sieht man an den 'Erfolgen' im Irak, Libyen, Afghanistan etc.)
user124816 25.08.2015
4.
ahh, ja nee is klar! jetzt wissen wir wo die c-waffen aus dem irak hingekommen sind, gell? "die wichtigsten antworten" finden sich nicht hier im artikel, sondern im erinnern an die geschehnisse der vergangenheit und der anwendung des gelernten auf die heutige situation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-luegen-in-zeiten-des-krieges-a-285058.html
KJB 25.08.2015
5. Somalia 2.0
Wenn der Westen die Araber nicht dazu bewegen kann in Syrien und im Irak militärisch für Stabilität und Sicherheit zu sorgen werden dort nachdem alle Konfliktparteien sich aufgezehrt haben langfristig Verhältnisse wie in Somalia herrschen.
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