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Kampf gegen "Islamischen Staat": Irak beklagt Versagen der internationalen Gemeinschaft

Irakischer Ministerpräsident Haider Abadi: "Wir haben nicht viel bekommen, fast nichts" Zur Großansicht
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Irakischer Ministerpräsident Haider Abadi: "Wir haben nicht viel bekommen, fast nichts"

Der irakische Regierungschef Abadi hält die Strategie gegen den "Islamischen Staat" für gescheitert. Er bemängelt eine zu geringe Unterstützung der Militärpartner. Doch auch er muss sich auf der Anti-IS-Konferenz in Paris Kritik gefallen lassen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wie kann die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gestoppt werden? In den vergangenen Monaten haben die Extremisten ein Drittel des Irak überrannt und etwa die Hälfte Syriens eingenommen.

Die US-geführte internationale Koalition fliegt seit dem vergangenen Jahr Luftangriffe gegen den IS. Dennoch konnten die Terroristen vor Kurzem die strategisch wichtigen Städte Ramadi im Irak und Palmyra in Syrien erobern. Sie wollen einen eigenen Staat aufbauen, in dem die Scharia gilt, und die Regierungen in der Region stürzen.

Am Dienstag sind die Vertreter der internationalen Anti-IS-Koalition aus 22 Ländern plus Uno und EU in Paris zusammengekommen, um über eine wirksame Strategie im Kampf gegen die Miliz zu beraten. Vor dem Treffen meldete sich der irakische Regierungschef Haider Al-Abadi zu Wort. Er hält die bisherige Strategie für fehlgeschlagen: "Ich denke, dass es ein Scheitern der internationalen Gemeinschaft ist." Dabei prangerte er auch eine zu geringe Unterstützung für sein Land an: "Es wird viel über Unterstützung für den Irak geredet, aber es gibt sehr wenig vor Ort."

Vorwürfe aus Bagdad

Sein Land erhalte zu wenig Waffen und Munition. "Wir haben nicht viel bekommen, fast nichts. Wir müssen uns auf uns selbst verlassen", sagte der Regierungschef der Nachrichtenagentur AFP.

Gleichzeitig könne sich der Irak keine Waffen selbst besorgen, weil die alte Regierung die meisten Verträge mit Russland abgeschlossen habe. Wegen der Sanktionen gegen Russland im Zug der Ukraine-Krise sei es schwierig, an die Waffen zu kommen. "Das Geld ist auf der Bank, aber wir können sie nicht bekommen", sagte er.

Nach Angaben des irakischen Regierungschefs nimmt die Zahl ausländischer Kämpfer in den Reihen des IS zu: In der Vergangenheit seien es 42 Prozent Ausländer und 58 Prozent Iraker gewesen. Heute sei das Verhältnis umgekehrt bei 60 Prozent ausländischen Kämpfern und 40 Prozent Irakern. Er verlangte Erklärungen, warum so viele gewaltbereite Islamisten aus den Golfstaaten, aus Ägypten, Syrien, der Türkei und europäischen Ländern in den Irak kommen könnten.

Deutschland leitet Arbeitsgruppe "Stabilisierung"

An der Konferenz nimmt auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) teil. Deutschland leitet zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten die Arbeitsgruppe "Stabilisierung". Sie widmet sich dem Wiederaufbau in den Regionen, in denen die Koalition die IS vertreiben konnte. Steinmeier wird auf der Konferenz für die Arbeitsgruppe eine Zwischenbilanz ziehen.

US-Außenminister John Kerry wird von seinem Stellvertreter Antony Blinken vertreten und wurde aus den USA per Audioschalte am Dienstag zugeschaltet - Kerry hatte sich vor wenigen Tagen bei einer Radtour in Frankreich verletzt.

Bei dem Treffen soll auch der Druck auf die irakische Führung erhöht werden: Regierungschef Abadi solle sunnitische Bevölkerungsgruppen neben den Schiiten besser einbinden, fordern nicht nur die USA.

Die Führung im Irak setzt im Kampf gegen den IS vor allem auf iranische Unterstützung und schiitische Milizen. Diese allerdings sorgen mit Plünderungen und Exekutionen von Sunniten im Irak für Angst und Schrecken. Washington verlangt, dass sunnitische Milizen stärker eingebunden werden sollen - auch um eine Unterstützung des IS durch die sunnitische Bevölkerung zu mindern.

Vor einer Woche hatte US-Verteidigungsminister Ashton Carter die irakische Armee ungewöhnlich scharf kritisiert. Mit Blick auf den Kampf um die Stadt Ramadi sagte er in einem Interview mit CNN, die irakischen Truppen hätten "einfach keinen Willen zum Kampf gezeigt". Die Iraker seien der Terrormiliz zahlenmäßig weit überlegen gewesen. Sie hätten sich trotzdem zurückgezogen. Wir können sie ausbilden, wir können ihnen Ausrüstung geben, aber wir können ihnen keinen Willen zum Kampf geben."

Die Karte zeigt die Machtverhältnisse im Irak (Stand 22. Mai 2015) Zur Großansicht
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Die Karte zeigt die Machtverhältnisse im Irak (Stand 22. Mai 2015)


Zusammenfassung: Iraks Regierungschef Abadi kritisiert eine zu geringe Unterstützung der internationalen Gemeinschaft im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS). Es fehle an Waffen und Munition. Die USA fordern unter anderem, dass Bagdad - anders als bisher - sunnitische Bevölkerungsgruppen besser einbinden solle.

heb/sev/AFP

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insgesamt 46 Beiträge
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    Seite 1    
1. Massendemo?
kuac 02.06.2015
Wo ist denn die arabische Liga? Wieso bekämpft sie den IS nicht? Der Westen hat sehr wenig Möglichkeit dort gegen den IS vorzugehen. Es ist eine Aufgabe der Saudi Arabien, Katar, Aegypten, Jordanien, Irak und alle anderen benachbarten Ländern. Wo sind die Massendemos gegen den IS auf arabischen Strassen?
2. ich habe noch nie von einem krieg gehört,
kevinschmied704 02.06.2015
wo eine Nation/Allianz nur durch den besitz der Lufthoheit einen krieg für sich entschieden hätte. irgend wann muss man runter und sich die Hände schmutzig machen. das war auch so im 2WK , naja oder aber man setzt A-Bomben ein, wie gegen Japan, aber das sollte keine Option darstellen. und wenn die Soldaten der Araber nicht reichen, dann müssen wir einen Kalifat hinnehmen oder aber die letzte Option mit eigenen Truppen vor Ort ziehen.
3. natürlich gescheitert ...
Ungläubig blick 02.06.2015
... dort herrscht Krieg, Mord und Totschlag, viele haben nicht mehr viel zu verlieren und wer sie regiert wird auch nicht mehr als großer unterschied empfunden werden. In der Situation wird noch mehr Krieg, Mord und Totschlag wohl nicht wirklich etwas verbessern. Wir sollten endlich lernen, dass dort wo Strukturen zerschlagen werden erst mal nichts besseres nachkommt und wenn auch das wieder zerschlagen wird eben immer so weiter ...
4. Kritik
tinosaurus 02.06.2015
an dem Kampfeswillen der irakischen Armee ist absolut berechtigt. Trotz Überlegenheit dem Gegner kampflos moderne Waffen und sogar Panzer zu überlassen, ist einfach dumm und feige. Mit solchen Soldaten lässt sich kein Krieg gewinnen. Und man sollte dann auch weitere Waffenlieferungen überdenken. Oder man schickt die direkt an den IS.
5. Internationale Koalition
f818928 02.06.2015
Erst Blockaden gegen Syrien etc. verhängen und sich dann wundern, daß sich das Land kaum verteidigen kann. Dann noch Rußland wegen eines Nicht-NATO und Nicht-EU Landes boykottieren und sich wundern, daß Rußland auch nicht mehr kooperiert. Die Flüchtlinge darf dann die EU aufnehmen, die USA als Verursacher hält sich da raus.
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Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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