Kassensturz beim "Islamischen Staat" Ölquellen weg, Geldschrank voll

Der "Islamische Staat" hat fast sein gesamtes Territorium verloren - und damit auch den Großteil seiner Geldquellen. Pleite sind die Dschihadisten aber noch lange nicht, sie haben Abermillionen gehortet.

IS-Symbol bei Mossul
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IS-Symbol bei Mossul

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Der "Islamische Staat" (IS) verkauft jetzt Souvenirs. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht Ende 2014 hatte die Terrororganisation eine eigene Währung mit Gold-, Silber- und Kupfermünzen eingeführt. Nachdem die Miliz inzwischen nahezu ihr gesamtes Territorium im Irak und in Syrien verloren hat, sind die Taler als Währung wertlos geworden. Also versucht der IS nun, die Münzen über das Internet an Sympathisanten und Sammler zu verkaufen. Bezahlt werden kann via PayPal.

Der digitale Münzhandel erweckt den Eindruck, als versuchten die Dschihadisten verzweifelt, aus den Resten ihres untergegangenen selbst ernannten Kalifats Geld zu machen. Doch die Finanzsituation des IS ist längst nicht so dramatisch wie die militärische Lage. In ihrer rund dreijährigen Schreckensherrschaft im Irak und in Syrien hat die Organisation mehrere Milliarden US-Dollar eingenommen, allein 2015 sollen es bis zu 2,5 Milliarden gewesen sein.

In Spitzenzeiten verdiente die Miliz durch die Förderung, den Schmuggel und den Verkauf von Öl mehr als eine Million US-Dollar pro Tag. Hinzu kamen Einnahmen aus Entführungen, Plünderungen und Steuern, die der IS den Menschen in den eroberten Gebieten abpresste. Damit war die Miliz im Gegensatz zum verfeindeten islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida kaum auf Geldflüsse von wohlhabenden Spendern in den arabischen Golfstaaten und anderswo angewiesen.

(Eine Beispielrechnung für die Einnahmen des IS aus der Stadt Deir al-Sor finden Sie hier.)

Hunderte Wechselstuben mit Verbindungen zum IS

Nach Schätzungen des irakischen Parlaments ist es den Dschihadisten gelungen, vor dem Untergang ihres Kalifats rund 400 Millionen Dollar aus ihrem einstigen Herrschaftsbereich herauszuschmuggeln. Einen Teil dieser Summe habe der IS mithilfe von Mittelsmännern in Bagdad und anderen Landesteilen reinvestiert - und zwar nach folgendem Muster: Die Islamisten geben unbescholtenen Geschäftsleuten, die mit dem IS sympathisieren, Geld, im Gegenzug beteiligen diese den IS an ihren Gewinnen. Auf dem Papier ist alles legal.

Die irakische Zentralbank schätzt, dass es allein in der Hauptstadt Hunderte Wechselstuben mit Verbindungen zum IS gibt. Mit ihrer Hilfe soll die Miliz irakische Dinar in US-Dollar umgetauscht haben. Der Regierung ist es bislang nicht gelungen, diesen Schwarzmarkt effektiv zu bekämpfen. Diese Umgebung dürfte es dem IS auch in absehbarer Zeit leicht machen, seinen anstehenden Untergrundkampf zu finanzieren.

Denn ebenso wie die Einnahmen der Miliz eingebrochen sind, haben sich die Ausgaben deutlich reduziert. Der IS muss jetzt kein Geld mehr für sein Staatswesen, für die Verwaltung und Regierung seiner Gebiete ausgeben. Einst betrieb die Miliz in ihrem sogenannten Kalifat Schulen und Krankenhäuser, die finanziert werden mussten - diese Kosten fallen nun weg.

600 Millionen US-Dollar für Kämpfer und Waffen

Auch die Zahl der Kämpfer, die der IS entlohnen muss, hat sich nach mehreren Jahren Krieg deutlich reduziert. Allein 2015 hat die Terrororganisation laut Schätzungen 600 Millionen US-Dollar für Sold, Waffen und Munition ausgegeben, das sollen rund zwei Drittel der Ausgaben in dem Jahr gewesen sein.

Nun bereitet sich der IS mit deutlich verringerter Kämpferzahl auf einen Guerillakrieg vor. Einen solchen hatte die Terrororganisation schon unter ihrem alten Namen al-Qaida im Irak nach der US-geführten Invasion 2003 geführt. Damals finanzierten sich die Dschihadisten durch Lösegelderpressungen und Spenden von Anhängern. Darauf wird es nun wohl wieder hinauslaufen.

Eine Vorahnung dafür lieferte in dieser Woche eine Operation der irakischen Polizei in der Stadt Falludscha. Dort nahmen die Sicherheitskräfte eine dreiköpfige IS-Zelle fest. Sie soll in dem Ort, der von 2014 bis 2016 von der Terrormiliz beherrscht wurde, Schutzgeld in Höhe von mehreren Tausend Dollar von Nachbarn erpresst haben.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Solaris0815 20.01.2018
1. Frage
Wer hat dies alles ermöglicht?
lungu_t_m 20.01.2018
2. Und warum nimmt man der IS dass Geld nicht einfach weg?
Wenn die Münzen im Internet angeboten werden, müsste es für einen halbwegs guten Geheimdienst kein Problem sein, die Münzen zu beschlagnehmen. Falls man bei der Gelegenheit ein paar IS Mitglieder festnehmen kann, wäre es ein angenehmer Nebeneffekt.
Filsbachlerche 20.01.2018
3. rhetorische Frage
Auf welchem Weg gelangten die Ölprodukte auf den Markt?
pethof 20.01.2018
4. Wird der IS noch gebraucht?
Der irakischen Regierung ist es bislang nicht gelungen, die Geldgeschäfte des IS effektiv zu unterbinden. Hier stellt sich die Frage, warum der Irak bei diesem Unterfangen offensichtlich allein gelassen wird. Schließlich und endlich entstehen doch aus diesen Geschäften US-Dollars. Warum greift also die US-Administration hier nicht ein? In anderen Fällen wurden sofort Kontosperrungen verfügt, wie im Falle des Irans oder Libyen. Das US-Finanzministerium hat als einziges Finanzministerium einen eigenen Geheimdienst, der offensichtlich durchaus in der Lage ist, solchen krummen Geschäften auf die Spur zu kommen. Aber offensichtlich fehlt dazu der Wille. Man will dem IS keinen tödlichen Finanzschlag versetzen. Er wird wahrscheinlich noch gebraucht.
Zorpheus 20.01.2018
5.
Zitat von pethofDer irakischen Regierung ist es bislang nicht gelungen, die Geldgeschäfte des IS effektiv zu unterbinden. Hier stellt sich die Frage, warum der Irak bei diesem Unterfangen offensichtlich allein gelassen wird. Schließlich und endlich entstehen doch aus diesen Geschäften US-Dollars. Warum greift also die US-Administration hier nicht ein? In anderen Fällen wurden sofort Kontosperrungen verfügt, wie im Falle des Irans oder Libyen. Das US-Finanzministerium hat als einziges Finanzministerium einen eigenen Geheimdienst, der offensichtlich durchaus in der Lage ist, solchen krummen Geschäften auf die Spur zu kommen. Aber offensichtlich fehlt dazu der Wille. Man will dem IS keinen tödlichen Finanzschlag versetzen. Er wird wahrscheinlich noch gebraucht.
Diese Länder gehen aber alle noch ihren Geschäften nach. Mit ein paar geschlossenen offiziellen Konten konnte man die schon nicht aufhalten. Und der IS wird nicht mal offizielle Konten haben.
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